Ronja, die zutiefst traumatisierte Shiba-Hündin (update Oktober 2009)
Im Juni 2009 war es ein Jahr, dass Ronja bei der Nothilfe für
Polarhunde in der damaligen Geschäftsstelle in Freudenstadt eingezogen ist. Wer
ihren Bericht gelesen und noch in Erinnerung hat, der wird sicherlich gerne über
den weiteren Verlauf etwas erfahren wollen, für alle anderen hier kurz die
Vorgeschichte. Schon drei Monate nach der Übernahme, im Sept. 2008, nahm die Pflegestelle Ronja mit in den Urlaub nach Dänemark, so dass man (losgelöst vom Alltag und seinen Verpflichtungen) über einen längeren Zeitraum Gelegenheit fand, sie zu beobachten und sich mit ihrem Verhalten vertrauter zu machen. In diesen drei Wochen konnte man gut herausfinden, welche Verhaltensweisen eher rassespezifisch sind und welche in direktem Zusammenhang mit ihrem ganz speziellen Problem gehören, also dem Abrutschen in tiefste Angstzustände. Dies half sehr dabei, besser mit ihr um- und auf sie einzugehen. Denn da ihre Panikattacken aufgrund des Traumas unterschiedlicher Art sind, muss man sich auch in jeder Situation anders verhalten, da gibt es keine Richtlinien. Man muss von Fall zu Fall entscheiden und eingreifen. Die Beobachtungen während des Urlaubs zeigten jedoch Wege auf, die die Möglichkeit eröffneten, Ronja schneller, effektiver und vor allem häufiger bereits in den Ansätzen problematischen Verhaltens aufzufangen.
Die folgenden Monate verliefen entspannter, da man gelernt hatte an
der Körperhaltung von Ronja ihr Befinden abzulesen, d.h. oft im Voraus schon
wusste, dass nun ein Punkt gekommen war, an dem sie bei ganz speziellen Geräuschen
sofort in sich zusammen fallen würde. Der vergangene Sommer 2009 mit den vielen Gewittern, oft auch in der Nacht, brachte nicht nur für Ronja, sondern auch für Mensch wenig Schlaf. Schon lange, bevor man als Mensch auch nur ahnte, dass ein Gewitter aufzog, zeigte Ronja mit Zittern, Schreien und besonderer Anhänglichkeit, dass tatsächlich „etwas in der Luft liegt“. Am Tag kam sie angeschlichen und drückte ihren Kopf so an ihren Menschen dran, dass man es nicht wagte, sich zu bewegen. In der Nacht hüpfte sie ins Bett und steckte ihren Kopf fast immer unter den menschlichen Hals (hin und her gerissen zwischen zwei gänzlich verschiedenen Verhaltensweisen: zum einen braucht sie dann Nähe – auf der anderen Seite kann sie wieder ruhelos umherirren und lässt sich nicht anfassen), manchmal schlief sie, immer stark zitternd, dabei ein. Nach so einer „Nacht, die einem zum Tage gemacht
wird“, grübelt man mitunter für den Moment angesichts der Eindringlichkeit des
gezeigten Verhaltens und verwirft die besorgten Gedanken bald darauf. Ansonsten
ist Ronja nämlich ein ausgelassen spielendes und fröhliches Hundemädel, voll
Energie und Lebensfreude, sie tobt mit ihren vierbeinigen Freundinnen Jenny und
Tonja, kuschelt auch mit ihnen und hat besonders Freude, wenn ihre beiden anderen
Shiba-Kumpels noch zu Gast sind. Draußen in der Natur hat sie einen wahnsinnigen Jagdtrieb (im Gegensatz zur Anfangszeit in der Pflegestelle) entwickelt und kann dabei auch regelrecht übereifrig werden. Gerne schleppt sie unterwegs Tannenzapfen oder kleine Holzstöckchen, die natürlich mit nach Hause genommen werden müssen. Nach dem Gassi gehen, Zuhause angekommen, tobt sie wie eine Wilde mit den anderen Hundedamen durch die Wohnung. Hier muss man höllisch aufpassen, dass ihre sprudelnde Energie nicht umschlägt. Wenn man diese Momente nicht abfängt, kann sie ganz schön pampig reagieren und man ist als Mensch gehalten, auch mal Grenzen abzustecken.
Ronja rennt gerne, tobt und spielt, es ist oft eine wahre Freude,
ihr zuzusehen – man bringt es kaum mit der anderen, schwarzen Seite ihres kleinen
Hundelebens zusammen und mag gar nicht an den nächsten Einbruch denken.
Was uns besonders ans Herz ging war, dass sie, gemeinsam mit
Therapie-Hündin Jenny, alle acht scheuen Eurasier, die in der Pflegestelle
sozialisiert wurden, wunderbar begleitete, ihnen einen gewissen Halt und
Sicherheit gegeben hat – obwohl sie selbst nervlich nicht gerade ein stabiles
Seelchen ist. Vor allem bei der überaus scheuen Nuka hat sie es geschafft, ihr so
ganz nebenbei zu zeigen, dass der Mensch nicht gefährlich ist oder wie man
schnüffelt, aber auch an Wildspuren Interesse zeigt. Und auf ihre oft nicht
durchschaubare Art hat sie angezeigt, dass sie Nuka vermisst. Als Nuka vermittelt
wurde hat sie auf der Heimfahrt offensichtlich und bewusst wissen lassen, dass
„jemand“ fehlt und nicht mit eingepackt wurde.
Manches ist derzeit noch, wie es war, so sind beispielsweise
Tierarztbesuche weiterhin der pure Stress für Ronja und wir sind froh, dass die
schlimmen allergischen Reaktionen mittlerweile in den Griff zu bekommen waren und
sie bezüglich ihrer ständigen Kratzereien zur Ruhe gekommen ist. Spezielles
Diätfutter gibt zusätzlich zu alternativer Medizin hier die notwendige
Unterstützung. Bislang nahe zu unverändert sind auch Ronjas unheimliche Verlustängste. Sie kann schwer alleine bleiben, d.h. sie ist eigentlich NIE wirklich alleine, denn es sind immer ihre beiden Hunde-Freundinnen bei ihr. Mit schlimmen Schreiattacken wird man dann meist begrüßt, egal, wie lange man weg bleibt und sie fällt dann anschließend in tiefen Schlaf. Hier, also beim Schlaf, hat sich allerdings etwas verändert: im Urlaub 2009 konnten die Pflegeeltern zum ersten Mal erleben, wie intensiv Ronja träumen kann. Das hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht wissen lassen. Endlich haben wir (oder besser die Pflegeeltern) mit und für Ronja ein kleines Ziel erreicht: sie kann sich im Schlaf total entspannen und richtig „fallen lassen“.
Wir sind guter Dinge, dass bei Ronja, je länger sie in der
Dauerpflegestelle „Fuß fasst“, ein großer Teil ihrer Panikattacken etwas weiter in
den Hintergrund rückt. Die Zeit wird für Ronja arbeiten, wobei offen ist, ob die
Gesamtproblematik je ganz in den Griff zu bekommen ist, die Wurzeln sitzen tief. Alles
in allem: Wir sind sehr dankbar, dass Paten dazu beitragen, damit Ronja dauerhaft in der Pflegestelle verbleiben kann. Gerade für traumatisierte Hunde ist es wichtig, dass sie ein regelmäßiges und stabiles Leben führen können. Und das erhält Ronja – wir und die Pflegeeltern sind frei von Erwartungshaltungen und freuen uns gemeinsam über jeden kleinen Fortschritt.
Update Ronja – 28.05.2011
Seit dem letzten Update von Ronja sind bald 2 Jahre vergangen. Zwei
Jahre, in denen sich viel getan hat. Durch die Sicherheit und den geregelten
Tagesablauf, dadurch, dass Ronjas Pflegefrauchen sie ständig bei sich in der Nähe
hat, hat sich auch der Zustand von Ronja sehr stabilisiert. Ihre Schreiattacken
sind kaum noch vorhanden, für die Pflegestelle ist sie FAST ein normaler Hund
geworden. Natürlich gibt es kleine Ausrutscher, die auch sein dürfen. So reagiert
Ronja noch immer auf Tiefflieger, die bei schönem Wetter auch im Schwarzwald nicht
ausbleiben. Manche Geräusche, die sie nicht zuordnen kann, zeigen doch auf, dass
die kleine Hundeseele die Vergangenheit noch nicht vollständig aufgearbeitet hat.
Aber was sind diese kleinen Auffälligkeiten, die sich ab und zu zeigen gegen
diesen Charme, den diese kleine Hündin ausstrahlt. Regen Anteil nimmt sie am
Leben, zeigt, wann sie spielen möchte, wenn sie Streicheleinheiten und ihre
Kuschelzeit braucht. Aber sie zeigt auch sehr deutlich, wenn sie keine Nähe will
und tut das jedem unmissverständlich kund, der sie in solch einem Moment
streicheln möchte. Manchmal hat man das Gefühl, dass sie so ihr eigenes Leben
führt. Auf der anderen Seite will sie wieder stark einbezogen sein, meckert mit
ihrem dann rostigen Stimmchen lauthals herum und macht auf sich aufmerksam.
Bestens informiert ist die Pflegestelle, wenn in naher Zukunft ein
Gewitter angesagt ist. Wie viele andere Hunde auch, reagiert sie äußerst sensibel
auf die atmosphärischen Veränderungen. Dann braucht sie unbedingt die Nähe des
Menschen und drückt sich fest an einen dran. Dabei zittert sie am ganzen Körper,
jedoch bleibt das übliche Geschrei aus.
Wir sind froh, dass Ronja so tolle Paten hat, die sie weiterhin begleiten und es befürworten, dass sie ihren Platz in der Dauer-Pflegestelle behalten kann und darf.
|