Haustiere und "neue
Erdenbürger" - verträgt sich das?
In vielen Ratgebern wird selbst heute noch empfohlen, Haustiere als
"Vorsichtsmaßnahme" abzuschaffen, wenn sich Nachwuchs ankündigt, zum
einen, weil die Tiere ein Hygienerisiko darstellten, zum anderen, weil der
durch die Tiere verursachte "Mehraufwand" mit einem "dicken Bauch" oder
einem Baby nicht zu schaffen sei. Und so landen nach wie vor unzählige
Vierbeiner, die sich rein gar nichts zu schulden kommen ließen, in
Tierheimzwingern. Gerade die älteren unter ihnen trifft es oft sehr hart,
zumal ihre Vermittlungschancen nicht die besten sind.
Dabei ist es eigentlich kein "Hexenwerk", während einer Schwangerschaft
ein klein wenig mehr auf Hygiene zu achten und später Vierbeiner und
kleine Zweibeiner aneinander zu gewöhnen.
Klar ist, dass während einer Schwangerschaft regelmäßige Tierarztbesuche,
Impfungen, Entwurmungen und Parasitenvorbeugung ein absolutes Muss sind,
selbstverständlich sollte auch sein, sich die Hände nach dem Streicheln zu
Waschen und sich weder Gesicht noch offene Wunden ablecken zu lassen.
Aufgrund des möglichen Risikos, sich mit Toxoplasmose zu infizieren,
sollte das Reinigen der Katzentoilette "delegiert" werden oder mit
Handschuhen ausgeführt werden. Katzen können sich mit Toxoplasmose über
den Verzehr von rohem Fleisch infizieren - bei einer mit Dosenfutter
ernährten Wohnungskatze kaum machbar - und den Erreger über den Kot
ausscheiden. Hunde und Menschen sowie andere Haustiere können Toxoplasmose
nicht übertragen.
Das Baby ist während der Schwangerschaft durch die Plazenta vor den
meisten Keimen geschützt und entwickelt darüber hinaus bereits im
Mutterleib Abwehrkräfte gegen sein Umfeld. Nach aktuellen schwedischen
Untersuchungen ist die Neigung, an Tierhaarallergien zu erkranken um bis
zu 80 % verringert, wenn das Baby in einen Haushalt hineingeboren wird, in
dem bereits Tiere leben.
Für Hundebesitzer kann es sicherlich sinnvoll sein, sich frühzeitig nach
einem Hundesitter umzuschauen, um den Auslauf an den Tagen
sicherzustellen, wo Schwangerschaft oder Baby ein "Eigenleben" entwickeln.
Fast überall gibt es professionelle Hundesitter, die in den Kleinanzeigen
regelmäßig inserieren und fast überall findet sich sogar im Ort jemand,
der keinen eigenen Hund halten darf und gerne einen "Leihhund" ausführt.
Um Baby und Tier dann letztendlich erfolgreich aneinander zu gewöhnen, ist
ein klein wenig Fingerspitzengefühl erforderlich. Es wird immer wieder
geraten, die Tiere so früh wie möglich mit dem Geruch des Babys vertraut
zu machen, in dem Väter beispielsweise einen benutzten Strampelanzug (oder
eine Windel) mit nach Hause nehmen und Hund oder Katze ausgiebig daran
schnüffeln lassen und den "Geruchsträger" anschließend auf den Schlafplatz
des Tieres zu legen.
Ist das Baby dann im Haus, sollte der Vierbeiner den Schnupperkontakt
herstellen dürfen, halten Sie den Hund bei den ersten Begegnungen leicht
am Halsband fest und loben sie ihn für vorsichtiges Schnüffeln. Die
meisten Hunde verhalten sich in Anwesenheit des Babys geduldig und ruhig,
manche zeigen aber in den ersten Tagen Zeichen von Erregung und
Anspannung. Versuchen Sie den Hund dennoch mit "einzubinden", versuchen
Sie ihn in Ihrer und des Kindes Nähe abzulegen und sparen Sie nicht mit
Lob für ruhiges und besonnenes Verhalten.
Vermeiden Sie es, den Vierbeiner auszugrenzen, der größte Fehler ist, das
Tier nicht zu beachten, wenn das Baby wach ist und das Tier, sobald das
Baby schläft, mit Zuneigung zu überschütten. Lassen Sie Ihren Vierbeiner
ruhig dabei sein, wenn das Kleine gebadet, gewickelt, gefüttert oder
schlafen gelegt wird und weisen Sie das Tier nicht zurecht, wenn es
Kontakt und Nähe zu Ihnen und dem Kind sucht. Stoßen Sie das Tier weg,
schimpfen oder ziehen panisch das Kind fort, fasst gerade der Hund dies
negativ auf und wird beim nächsten Mal dem Kind erheblich misstrauischer
begegnen - unter Umständen beginnt dann ein unheilvoller Kreislauf, der
mit dem Satz endet "wir mussten ihn einfach hergeben, er hat das Kind
nicht akzeptiert".
Selbst wenn alles reibungslos funktioniert, sollten Sie weder Hund noch
Katze mit einem schlafenden Baby oder Kleinkind alleine lassen. Gerade
Katzen kuscheln sich gerne in Kinderbetten und können, wenn sie sich dicht
an das Baby oder dessen Gesicht legen, zu einer ernsthaften Gefahr werden.
Dass Haustiere einen positiven Einfluss auf Kinder aller Altersgruppen
haben, ist inzwischen in vielen Studien herausgearbeitet worden. Selbst
bei Erwachsenen, die Kindheitserfahrungen mit Tieren haben, findet man im
allgemeinen noch ein höheres Verantwortungsbewusstsein,
Einfühlungsvermögen und Mitleidsfähigkeit, nicht nur Tieren, sondern auch
Menschen gegenüber. Der Grundstein hierfür wird früh gelegt: selbst den
Kleinsten sollten die Eltern schon nahe bringen, dass Hunde niemals
gestört werden dürfen, wenn sie fressen, schlafen oder sich mit einem
Spielzeug, Kauartikel oder Artgenossen beschäftigen. Der Hundeschlafplatz
sollte für das Kind absolut tabu sein. Die meisten Beißunfälle geschehen,
weil sich das unbeaufsichtigte (Klein)kind dem Futternapf des Hundes
genähert hat.
Auch Katzen brauchen Rückzugsmöglichkeiten, wobei hier die Möglichkeit
besteht, den Ruheplatz höher unterzubringen und somit automatisch außer
Reichweite des Nachwuchses.
Wenn Sie sich näher mit dem Thema beschäftigen wollen, die Moderatorin von
"Tiere suchen ein Zuhause", Claudia Ludwig, hat das Buch "Kinder brauchen
Tiere" geschrieben, das im vgs Verlag erschienen ist (ISBN 3-8025-1435-1,
€ 12,90).
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