Naomi und Baiko – „Wie erzieht man einen Akita-Welpen“
Das ist eigentlich ganz einfach: Man nimmt einen erwachsenen,
souveränen Akita, der mit allen 4 Pfoten fest im Leben steht und überlässt ihm zum
grossen Teil diese Aufgabe. Das Ergebnis ist dann eine innige Liebe, eine tiefe
Freundschaft und ein harmonisches Zusammenleben aller Beteiligten.
Damit wäre die Frage eigentlich beantwortet. Eigentlich. Denn natürlich
funktioniert so etwas nur, wenn alle wichtigen Faktoren ineinandergreifen. Das ist
selten. Und es ist faszinierend. Darum fangen wir noch mal von vorn an und
beleuchten dieses Ineinandergreifen näher. Eine (damals noch kinderlose) Familie war auf der Suche nach einem Hund, da sehr
tierlieb und der Ansicht, erst ein Hund macht das Glück perfekt (eine sehr gute
Ansicht).
Zeitgleich hatte die NfP eine 4 1/2monatige Akita-Hündin in der Vermittlung, die
ein neues Zuhause suchte und die den Eindruck machte, man könne sie recht gut in
ein geordnetes und verantwortungsbewusstes Familienleben mit späterer Kinderoption
integrieren.
Das ist lange her. Naomi wurde die Nummer 1 im Haus - und blieb es lebenslang. Sie
hat es nicht nur geschafft, sich unverrückbar in die Herzen der Erwachsenen zu
schleichen, sie hat es genauso unverrückbar geschafft, zum besten Freund der
Kinder zu werden. Als diese noch klein waren, standen sie schon beständig unter
Naomis Kontrolle. Eigenmächtig auf Entdeckerreisen gehen? Nicht ohne
Naomi auf den
Fersen. Die ließ sich kein X für ein U vormachen und sich erst recht nicht
abschütteln. Stets lag ihr liebevolles, aber wachsames Auge auf den kleinen
Menschenkindern.
Mit Naomis zunehmendem Alter tauchte dann die Frage auf, ob man ihr einen
hündischen Gefährten zur Seite stellt. Aber passende Akitas fielen auch schon
damals nicht einfach so vom Himmel.
Oder doch? Sommer 2006.Die NfP wurde mit 3 achtwöchigen Akitawelpen konfrontiert, die
dringend ein Zuhause suchten. Eine Hündin und 2 kleine Rüden. Da kam so richtig
Freude auf in der NfP, denn gleich 3 Welpen dieser Rasse optimal, und vor allem
schnell zu platzieren - fast ein Ding der Unmöglichkeit. Optimal, weil das die
Prämisse für die Vermittlung eines jeden Hundes ist, vor allem aber eines Akitas -
und schnell, weil gerade der eigenwillige und selbstständige Akita auf eine gute
Prägung in diesem Alter angewiesen ist, um sich zu einem wunderbaren Vertreter
seiner Rasse auswachsen zu können.
Natürlich war noch keine Lösung in Sicht, aber man stellte sich dieser
Herausforderung. Die Hündin verblieb in der damaligen Geschäftsstelle, die Rüden
gingen in ausgewählte Pflegestellen. Bald ging man davon aus, die Rüden würden
dort verbleiben, als Exoten, die sie waren. Doch eine der Pflegestellen war schon
nach kurzer Zeit hoffnungsvoll überfordert mit „ihrem Exoten“. Da war guter Rat
teuer - und die spontane Anfrage bei Naomis Familie nicht mehr als recht und
billig. Die überlegten kurz - dann fiel die Entscheidung.
Baiko sollte der kleine Hundemann heißen. Und Baiko stand fortan....wen
wundert’s....unter Naomis Fittichen. Was sollte da Mensch noch großartig Wunder
bewirken, wenn er so eine Hundemama hat, die quasi fast im Alleingang die
Erziehung übernimmt? Mit ihrer souveränen wie auch legeren, aber immer sehr
zielstrebigen und konsequenten Art wurde fortan Baikos Entwicklung in die
richtigen Bahnen gelenkt. Nein, Mensch hatte damit nicht wirklich viel zu tun.
Egal, was anstand, Baikos Umgang mit Kindern, Katzen oder sonstigen Situationen,
die dem Jungspund vors Näschen kamen - mit Naomi als Lehrmeisterin an seiner Seite
entwickelte sich Baiko zu einem solchen Prachtkerl, dass die Familie der festen
Überzeugung ist: “einmal Akita - immer Akita“.
Inzwischen hat sich Baiko zu einem wunderbaren Kameraden ausgewachsen, stolze 4
Jahre alt. Naomi hat ihn nicht nur Benehmen und Disziplin gelehrt. Sie hat auch
die anderen lebenswichtigen Dinge in einem jungen Hundeleben nicht unter den
Teppich gekehrt. Wie man auf hündisch tobt und rauft, wie man kuschelt, blödelt
und manchmal auch einfach den Herrgott einen guten Mann sein lässt und nichts tut
als sonnenbadend auf’s Abendessen zu warten. So wie sie sich zu ihren Menschen
verhielt, fürsorglich und akkurat, aber nie ohne die ihr eigene Lebensfreude, so
hat sie auch Baiko ans Leben herangeführt. Naomi „wusste“ mit sicherem Instinkt,
dass ein Leben aus Pflicht und Kür besteht, aus Arbeit und Schabernack, aus Nehmen
und Geben. Wenn man Baikos Lehrzeit bei seiner Ziehmama als das „große
Akita-Einmaleins“ bezeichnet, so hat er seine „Reifeprüfung“ mit Bravour
bestanden. Und Naomi hat es noch miterleben dürfen.
Dran denken, dass sich hier je etwas ändert - das mochte niemand. Naomi hat, noch
als weise alte Hundedame, über Bako gewacht. Und der, im Gegenzug, über Naomi.
Nie, ja nie sollte dieses Glück enden müssen - das wünschten sich alle. Doch am
23.07.2010 lief Naomis Lebensuhr ab. Noch ein allerletztes Mal genoss sie ein paar
kühlere Tage, dann aber ging die Kraft dieser eindrucksvollen, charakterstarken
Hündin zu Ende. Hinterlassen hat sie ihren Menschen, außer den vielen
Erinnerungen, den von ihr geprägten Baiko - und in ihm lebt ein Stück von ihrem
Wesen weiter. Nicht nur Abschied also, sondern auch Neubeginn. Wir wünschen uns
sehr, dass das ihrer Familie ein Trost ist. A propos Familie: Vorfälle zwischen den Hunden und den Kindern? Nein, die gab es
nie. Im Gegenteil. Dank des verantwortungsbewussten Verhaltens der Erwachsenen und
eines Umgangs mit den Hunden, der ihre Würde und Eigenheiten wahrte, haben sich
sowohl Naomi wie auch der ehemalige kleine Rüpel Baiko nie danebenbenehmen müssen.
Hier ist nun die Geschichte von Naomis und Baikos Familie zu Ende. Eine
Geschichte, die zwischen den Zeilen aufzeigt, welche Freude und Bereicherung
Akitas sein können, wenn man sie Akita sein lässt. Daran aber schließt sich nahtlos eine andere Geschichte an. Die Geschichte der
Rasse Akita.
Viele kennen vielleicht den Film „Hatchiko“ mit Richard Gere, oder haben davon
gehört oder einen Ausschnitt gesehen. Genau hier liegt, wie bei allen Filmen, die
einen Rassehund glorifizieren, die Gefahr eines großen, großen Missverständnisses.
Ob nun Hatchiko, Lassie, Rex oder 101 kleine Dalmatiner - eine Menge Menschen, vor
allem aber Kinder, möchten als Quintessenz dieser Filme so einen kleinen herzigen
Rassehund. “Hatchiko“ zeigte die wahre Geschichte des Akitas.
Hatchiko, der seinem
„Meister“, Professor Hidesaburo Ueno zulief, ihn danach täglich zur U-Bahn
begleitete, dort auf seine Rückkehr wartete und dieses Ritual auch wahrte, Tag für
Tag, nachdem sein Herr verstorben war. Ganze 8 Jahre lang bis zu seinem eigenen
Tod. „Hatchiko“ war ein Kassenschlager. Nicht zu unrecht. Wundervoll gemacht,
einfühlsam gespielt und gedreht. Ein Hohelied auf den Akita und seine Fähigkeiten.
Seine Treue, seine Liebe, seine Hingabe. Nichts davon ist falsch - aber nichts
davon kann der Akita zeigen, nichts davon in so vollendeter Harmonie mit seinen
Menschen leben, wenn er nicht von diesen Menschen einfühlsam und verständig als
Akita behandelt und respektiert wird. Fehlt dieses Verständnis und dieser Respekt,
so wandeln sich die bestechenden, über lange Zeit bewusst selektierten
Verhaltensweisen des Akita ins genaue Gegenteil um. Dann wird dieser
selbstbewusste, eigenständige, würdevolle, unbestechliche und extrem kräftige und
wendige Hund nicht selten zu einer Belastung. Oder sogar zu einem Risiko.
Der Akita, ehemals mit überaus großer asiatischer Sorgfalt und Nachhaltigkeit zu
einem selbstständig agierenden Jagd-, Wach- und Begleithund herangezogen, ist ein
sogenannter Spätzünder. Erst mit ca 3 Jahren geistig als auch körperlich
gefestigt, braucht er in dieser langen Entwicklungsphase ein Umfeld voller Liebe -
aber auch Konsequenz und Verständnis. Das setzt immens viel Zeit und Geduld
voraus. Gehorsam ohne Wenn und Aber ist ihm fremd. Das hinterfragt er oder
versucht, es auf nachher zu verschieben, weil er gerade „etwas Besseres“ zu tun
hat. Zu jagen, einem Geräusch nachzugehen, eine neue Situation zu verstehen. Auf
unverhältnismäßigen Druck, gar auf Gewalt, reagiert er mit Trotz, Misstrauen und
Rückzug. Dann noch an ihn heranzukommen ist fast unmöglich, denn ein Akita
vergisst nicht. Wen allerdings ein Akita liebt, wen er respektieren und wem er
damit auch vertrauen kann, dem zeigt er dann als erwachsener Hund die im Film
hervorgehobene Eigenschaft: bedingungslose Liebe und Treue. Nicht als Dauerklette
am Hosenbein, eher als fortwährender, höchst aufmerksamer Schatten, der sich gerne
auch mal im Hintergrund hält. Zurückhaltend bei Fremden, unaufdringlich in der
Familie, kein hochverspielter Flummi, jedoch höchst arbeitswillig und lernfreudig.
Ein rassegerecht behandelter und aufgezogener Akita, dessen Respekt man sich
erworben hat, wird dann das Bedürfnis verspüren, sich seinem/seinen Menschen mit
Haut und Haar zu schenken. Dieses „Geschenk“ ist die große Gabe aller japanischen
Spitze. Wie es auch im Rassestandart des Shiba, des kleinsten dieser Spitze,
beschrieben ist: “Er ist bereit, seinen Meister - der ihm keineswegs gleichgültig
ist-anzuerkennen, zu lieben, ihm Vertrauen zu schenken und ihn ein Leben lang treu
zu begleiten. Dies muss aber sehr sorgfältig vorbereitet werden“.
Hier schließt sich der Kreis zur Geschichte von Naomi und Baiko. Dort nahm Naomi
die Stelle des „Meisters“ ein. Dort ist diese Sorgfalt und der Respekt vor der
Rasse und dem Tier bei den Menschen vorhanden. Und nur so konnten sich sowohl
Naomi als auch Baiko zu dem entwickeln, was Naomi bis zu ihrem letzten Atemzug
war, und Baiko ist: Treue, ihren Menschen ergebene Hunde, die als erwachsene Tiere
Ruhe und Würde ausstrahlen, die eigenständig und selbstbewusst an deren Seite
leben, in sich ruhend, ausdauernd und robust. Dies ist das Geschenk, das man
erhält, wenn man die Zeit, die Geduld und vor allem die Gelassenheit investiert,
die diese Hunde brauchen.
Tut man dies nicht, möchte man einen Akita, gar unter Zeitdruck, zu
Kadavergehorsam zwingen, tut man ihm Unrecht oder setzt man auf festgelegte
Hundeschulregeln, die dem Akita größtenteils gar nicht entsprechen, oder will man
ihn auch nur fürs Gruppenspiel zwangs-rekrutieren, so wird man die Quittung dafür
erhalten. In Form eines Hundes, der den Menschen und sich selbst misstraut, der
seine Eigenschaften wie Kraft, Schnelligkeit und sein selbstständiges Wesen dazu
nutzen wird, sich vor diesen Menschen zu schützen, die ihn nicht verstehen und die
auch er nicht versteht.
Ein Akita ist eine echte Aufgabe. Kein Knuddelhund, der auch im Erwachsenenalter
lustig und mit geringem Aufwand neben herleben will oder kann. Ein Hund für
Erfahrene - oder aber für Menschen, die mit den „Werten“, die der Akita innehat
und die eng verflochten sind mit der Kultur seines Herkunftslandes Japan, noch
etwas anfangen können.
Werte, die in der heutigen Zeit immer mehr verschwinden. Verständnis, Vertrauen,
Hingabe, Treue, Beständigkeit, Loyalität, Konsequenz, Ehrlichkeit, Zurückhaltung.
Wer sich darauf einlassen kann und will, wer dem Akita beweist, dass er ihm
„blind“ vertrauen kann, der wird einen Begleiter erhalten, der sich ganz auf ihn
einzustellen versucht und ihn nie enttäuschen möchte. Wer das nicht kann und von
einem Akita das Verhalten anderer, mit ihm nicht vergleichbarer, “einfacherer“
Rassen verlangt, soll und darf sich einen solchen Hund nicht halten. Ein
missverstandener, falsch behandelter Akita wird in einem Tierheimzwinger,
abgeschnitten von der ihm angezüchteten innigen Mensch-Hund-Beziehung, aufs
Äußerste leiden. Für diese Tiere dann jemanden zu finden, der die zerbrochene
Seele des Hundes versteht und über den Charakter verfügt, ihn zurück ins Leben zu
holen, ist nur selten möglich.

Jeder Akita kann sich zum „Hatchiko“ entwickeln - aber nicht jeder Halter zum
„Meister“
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