Anais – ein
Wintermärchen

„1996 kam sie als Welpe von Peru nach
Deutschland. Hier endet das Märchen von der schönen Anais.“ So ähnlich war
auf den Internet-Seiten der Nothilfe für Polarhunde Freudenstadt über zwei
Jahre lang zu lesen. Stimmt nicht mehr. Das Märchen fand seine
Fortsetzung. Anais erzählt:
„Es war am 5. Dezember, als wieder einmal eine so genannte Interessentin
zu mir in die Station kam. Die Chemie stimmte irgendwie, und sie hatte
keinen Erst-Hund dabei, mit dem ich mich vertragen sollte. So zeigte ich
ein wenig Gegeninteresse, stupste sie ab und zu, sie streichelte mich ab
und zu, aber sie war sehr zurückhaltend – zurückhaltender als ich (dass es
so etwas gibt!). Sie ging wieder – obwohl ich diesmal lieb war, wollte sie
mich wohl nicht. Na ja, es gibt ja meinen Pfleger in der Station Richard
Pechmann und meine Patin Margit Michels, die mich jedes Wochenende zum
Spaziergang abholt. Beide liebe ich – vielleicht ist das eben einfach mein
restliches Leben (obwohl ich mir, wenn ich ganz ehrlich bin, schon eine
richtige Familie wünsche – ich als Prinzessin mittendrin).
Zwei Tage später kam die Frau wieder, mit Mann. Wir gingen spazieren, sie
rannten mit mir, ich durfte Mäuse ausbuddeln – super. Und sie hatten tolle
Leckerlis dabei. Die Frau war schon etwas aufgeschlossener, aber er war
sehr zurückhaltend. Ich stellte mich vor ihn hin und fragte: „Was ist mit
Dir? Warum streichelst Du mich nicht?“ Daraufhin kurzes Streicheln, mehr
nicht. Hm, hat sich hier der Spieß etwa umgedreht – soll ich Menschen
erobern statt sie mich? Na denn, das könnt Ihr haben! Auch wenn’s nichts
bringt, es ist `mal eine Herausforderung und ein bisschen Abwechslung!
Als ich nach diesem Spaziergang und dem Abendessen schlief, träumte ich
von einer wunderschönen, stolzen Malamutin. Sie sagte mit dunkler, sanfter
Stimme: „Hallo, kleine Anais, ich bin Sarah. Vor 4 ½ Jahren war ich auch
hier in der Station, damals eine „graue Maus“, die niemand wollte;
insgesamt 1 ½ Jahre diverse Tierheime, mehrere Male abgeholt und
zurückgebracht. Dann holten mich ein Mann und eine Frau von hier ab –
diesmal „für immer“. Ich wäre gerne noch bei ihnen geblieben, aber vor
einer Woche musste ich über die Regenbogenbrücke gehen; ein
Rückenmarktumor – es ging nicht anders. Ich habe den beiden den Weg zu Dir
gezeigt. Vergib Dir diese Chance nicht!“
„Was heißt, ‚vergib Dir diese Chance nicht’? Ich hatte nie eine Chance!
Ich wusste immer von vornherein, dass es nicht funktionieren wird. Also
habe ich gezeigt, dass ich nicht mit will.“
„Ja, vielleicht bist Du in diesem Punkt klüger, als ich es war. Ich habe
erst einmal den Menschen eine Chance gegeben, aber sie mir nicht, und dann
bin ich doch wieder im Tierheim gelandet. Aber Du bist diesmal nicht
sicher, stimmt’s? Also versuche es! Du bist ein Gourmet wie ich (
„verfressen“ wollen wir nicht hören, oder?) – und Herrchen ist ein
Hunde-*****-Koch. Du bist alt (guck` nicht so, ich weiß, wie fit Du bist,
aber Du bist 10, älter als ich es war, als sie mich holten) – und wenn Du
einmal nicht mehr so viel laufen kannst, wird Frauchen Dich stundenlang im
Fahrradanhänger herumfahren. Sie haben ein riesiges Wochenendgrundstück,
in dem Du rennen (und Eichhörnchen jagen und Mäuse buddeln ) kannst. Du
darfst mit in den Urlaub nach Schweden. Das ist toll! Viele Seen für Dich
Wasserratte, und vor allem: drei Wochen lang 24 Stunden am Tag nur Du und
die beiden (na ja, und ein Igel, aber er stört wenig). Herrchen ist nicht
böse, wenn Du ihn fünfmal die Nacht weckst und auf den Balkon zum
„Abkühlen“ willst (nebenbei: trotz zähneklapperndem Protest von Frauchen
hat es nur 16-18 °C in der Wohnung). Sie werden Dich lieben wie Du bist.
Klar, es gibt gewisse Grenzen und Regeln, aber sie bestimmen nicht Dein
ganzes Leben; Du darfst und sollst mitbestimmen. Also, sieh zu ...“ Wow,
das klang verlockend. Und gerade unsympathisch waren sie mir ja, wie
gesagt, auch nicht. Hoffentlich kommen sie wieder!

Als die Frau das nächste Mal kam, hab’ ich mich ganz schön
eingeschmeichelt. Ich habe mich an sie gedrückt; sie durfte mich überall
streicheln; ich forderte sie regelrecht dazu auf. Küsschen geben; meine
Pfote auf ihren Arm legen – ich zog alle Register. Mit Erfolg. Heute,
Heiligabend, ist mein 845. und letzter Tag in der Station – morgen holen
sie mich!!! Fröhliche Weihnachten an alle, die dies lesen! Danke an alle,
die mir diese Chance ermöglicht haben. Ich melde mich wieder – von zu
Hause ...
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