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Gipsy - ein spanische Hündin wird mein Traumhund...
Die erste Untersuchung in der Tierklinik ergab eine niederschmetternde Diagnose: Gipsy war todkrank. Sie war hoffnungslos unterernährt und hatte einige Liter Wasser im Bauch. Zudem gab es unter ihrem Halsband unzählige Zeckennester. Ich musste sie in der Tierklinik zurück lassen... Nach fast zwei Wochen Pflege in der Tierklinik traute ich meinen Augen kaum, als ich Gipsy wieder sah und mit nach Hause nehmen durfte. Da war ein lebenshungriger Hund neu geboren, in eine neue Welt. Aus dem Pflegehund wurde sehr bald unser zweiter Hund.
Wir mussten auch einsehen, dass ein kranker Hund nicht über Nacht kerngesund wurde und so gehörten Tierarztbesuche zu unserem Alltag – vorwiegend wegen Magen-/Darmproblemen, aber auch wegen schlechter Blutwerte, einer Schilddrüsenstörung oder chronisch entzündeten Mandeln. Vor der Kastration wurde noch ein Geschwulst am Darm entdeckt und mit der Kastration entfernt. Nach vielen Untersuchungen und Futterumstellungen wurde der Grund für die chronischen Dickdarmentzündungen festgestellt: Gipsy hatte eine Rindereiweißallergie und durfte ab sofort keine Leckerlis mehr bekommen, dafür aber gekochtes Hühnchen oder Pute mit Reis und spezielles Hundefutter. Auch ihre Vorliebe für Obst wie Äpfel, Erdbeeren, etc. mussten wir stark einschränken. Die Dickdarmentzündungen gehörten danach der Vergangenheit an, auch die Magenprobleme wurden weniger, blieben uns aber immer erhalten. So musste Gipsy manchmal (auch nachts) raus zum Gras fressen, bis sich ihr Magen wieder beruhigt hatte.
Meine Lebenseinstellung hat sich mit Gipsy grundlegend
geändert. Es wurde nichts mehr aufgeschoben und wenn es Gipsy gut ging,
haben wir mit ihr das Leben genossen und sind bereits im Sommer 1999 in
den ersten (von sechs) Urlaub mit ihr gefahren. Und deshalb soll die Geschichte von Gipsy auch nicht nur von Ängsten, Sorgen, Krankheiten und schon gar nicht von Mitleid erzählen, sondern von purer Lebensfreude, von einem treuen Freund und von Wundern, die wir erleben durften. Für Gipsy hat in Deutschland ein neues Leben begonnen, sie musste sich nicht mehr ihr Fressen in Mülleimern suchen oder um Essensreste mit Artgenossen streiten. Aber sie war geprägt von ihren ersten Jahren und blieb den meisten Artgenossen gegenüber distanziert, konnte sie sich nur bei wenigen Hunden richtig öffnen, denn gewissermaßen blieben es immer Konkurrenten und waren selten echte Spielkameraden. Zum Collie meiner Schwester hatte sie ein problemloses Verhältnis, aber das ständige Werben von Sando hat sie nie erwidert. Und immer, wenn wir dachten, dass es unserer Gipsy ganz
gut gehen würde, kam ein neuer Tiefschlag. An einem Freitag, als ich
bereits meine Koffer gepackt hatte, hat Gipsy von einer Sekunde zur
anderen ständig erbrochen und auch heftigen Durchfall. Was anfänglich wie
eine Magen-/Darmerkrankung aussah, wurde als Nierenentzündung von der
Tierklinik Der Versuch, wieder einen heimischen Tierarzt zu finden, war spätestens mit der Nierenerkrankung gescheitert und wir hatten in der Tierklinik in Reutlingen mehrere Tierärzte unseres Vertrauens gefunden, die für unseren Hund rund um die Uhr da waren. Wenig später wurden die Mandeln wegen chronischer Entzündung entfernt. Gipsy blieb aber auch so ein Unglücksrabe, denn auch „Kleinigkeiten“ wie ein Hundebiss einer anderen Hündin oder ein Splitter im Vorderlauf bedeuteten über Wochen einen humpelnden Hund. Aber unser Hund ließ sich seine Lebensfreude, insbesondere beim Spielen, nicht nehmen. Sie hatte Spielsachen in allen Ausführungen und hat sie – bis auf ein Kuscheltier namens Wuschel – so sanft behandelt, dass wir sie heute noch haben. Jedes Teil hatte einen Namen und sie brachte auch auf Zuruf (meistens) das richtige Spielzeug. Ich sehe noch ihre leuchtenden Augen (wie bei einem Kind), wenn sie ein neues Spielzeug bekam. Sie war ihr ganzes Leben ein Spielhundi. Regel- und unregelmäßige Tierklinikbesuche blieben unser Alltag und beeindruckend war, wie gerne Gipsy doch zu ihren Tierärzten ging und problemlos jede Arznei nahm.
So hatten wir 2003 die Milzerkrankung längst vergessen (und es fehlte uns auch das Hintergrundwissen über lymphatisches Gewebe wie Milz und Lymphknoten) und waren das erste Mal mit Gipsy und Sando in Dänemark im Urlaub (ein Traumland für einen Hund). Gegen Ende des Jahres veränderte sich Gipsy merklich. Plötzlich kam sie nicht mehr mit allen Hunden klar, zuerst nur mit kleinen und später gar mit einem Teil ihrer Freunde. Im Februar 2004 merkte ich auch, dass sie oft hechelte und am Berg sehr angestrengt wirkte. Waren die ersten Proben der Lymphknoten noch negativ verlaufen, gab es wenig später die traurige Gewissheit, dass Gipsy an Krebs erkrankt war. Die Tierklinik Reutlingen hat uns nach Zürich überwiesen, ins Tierspital der Universität, um weitere Untersuchungen und Behandlungen durchzuführen. Es gab aber auch Hoffnung in dieser damals ausweglosen Lage: Die Tierärztin in Zürich sagte, wenn ihr Hund Krebs hätte und sie sich die Art aussuchen dürfte, dann würde sie die von Gipsy wählen, die eine leichtere Form von Lymphosarkom (Lymphknotenkrebs) hatte. Diese Krebsform konnte mit einer Tabletten-Chemotherapie behandelt werden – gleichzeitig mit viel Cortison, das Wunder- und Teufelszeug gleichzeitig ist. Aus jener Zeit in Erinnerung geblieben sind mir viele Momente, als ich eigentlich eingesehen habe, dass Gipsys Leben zu Ende gehen wird. Dann wurde sie im Herbst noch von einer Dogge gebissen und an einem Morgen taumelte sie plötzlich auf der Wiese und ich sah sie schon sterben... Glauben Sie an Wunder?Wir haben unseren Glauben nie verloren und es gab ein
weiteres Wunder, denn die Therapie bildete die Lymphknoten zurück und
Gipsy begann wieder zu spielen und zu toben; einzig ihr Verhalten zu
vielen Artgenossen war nicht mehr so wie früher – wohl durch ihre Schwäche
baute sie ein Schutzschild auf und wir akzeptierten, dass sie sich nicht
mehr in einem Hunderudel wohl fühlte. Auffallend war, dass ihre Angst vor
Gewitter, Feuerwerk, etc. immer größer wurde - auch das starke Zittern im
Wartezimmer der Tierklinik kannten wir bisher nicht. Alle Qual, alles Leiden war nicht umsonst und wir haben jeden Tag noch intensiver mit unserer Gipsy genossen, waren nochmals ein Jahr später in Dänemark mit ihr im Urlaub. Es ging alles etwas langsamer, aber unsere sicherlich schon 13-jährige Hündin konnte mit der 14-tägigen Chemotherapie sehr gut leben. Halbjährlich gingen wir nur noch nach Zürich zur Kontrolle, die Chemotherapie wurde sogar niedriger dosiert und alle Werte waren im grünen Bereich – kein Lymphknoten war mehr tastbar und auch bei der Leber war nichts mehr zu sehen. Fast zwei Jahre durften wir so mit Gipsy noch verbringen. Wir waren dankbar über jeden einzelnen Tag... ...dann kam ein weiterer Tag, an dem man nach dem Warum
fragen muss: Im Nachhinein denke ich, hat an diesem Tag das Abschiednehmen begonnen, denn die bis dahin so stabilen Blutwerte stürzten ins Uferlose ab. Ich werde nicht die Tage vergessen, in denen ich mit Hoffen und Bangen auf bessere Blutwerte in der Tierklinik gewartet habe... Und ich habe abermals auf ein Wunder gehofft – und unsere Gipsy noch (zu lange) leiden lassen. Zwei Tage vor Gipsys Tod kam sie in den Abendstunden das erste Mal nicht mehr alleine auf die Beine; am nächsten Tag schon nicht mehr ab dem Mittag und am Sonntag, den 29.10.2006, bin ich frühmorgens das letzte Mal mit meiner über alles geliebten Gipsy ein paar Schritte Gassi gegangen – dann war ihre Kraft am Ende und sie gab mir zu verstehen, dass es nicht mehr ging.
Lange, sehr lange, konnte ich nicht verstehen, dass Gipsy diesen schweren Verkehrsunfall überlebt hatte und ich vergeblich auf ein weiteres Wunder gewartet hatte. Ich hatte immer die Angst, dass Gipsy, ähnlich wie bei uns Menschen, nicht sterben kann, da sie ja von zwei Tierkliniken so perfekt versorgt wurde. Aber auch die Tierärzte glaubten bis zuletzt an ein weiteres Wunder. Noch heute mache ich mir Vorwürfe, dass ich aus egoistischen Gründen zu lange habe nicht loslassen wollen – spätestens ab dem Zeitpunkt, als Gipsy sich erstmals weigerte, Arznei zu nehmen, hätte ich es merken müssen! Was bedeutet es, mit einem chronisch
kranken Hund zu leben? Haben wir unseren Hund mit all den
Behandlungen zu lange leiden lassen?
Bernd Hofer |