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Kiwanie
-Ein erster Erfahrungsbericht
(Zeitraum: Januar – Oktober 2005)
Für alle, die Kiwanie bereits kennen zur Erinnerung und jene, die sie noch
nicht kennen zur Erläuterung: Kiwanie ist die scheue - und zugleich
liebenswürdige - Alaskan Malamute – Hündin, die zuletzt (bis Anfang Januar
2005) zusammen mit ihrem Bruder Black Jack in der Auffangstation der
Nothilfe für Polarhunde in Freudenstadt lebte.
Kiwanie
Kiwanies Grundcharakter war und ist geprägt von Angst: Angst vor allem
Neuen, Unbekannten. Vor allem aber Scheu vor allen Menschen. Ihr fehlte
einfach das Grundvertrauen zu den Menschen. Vermutlich weil sie es nie
bilden konnte (isolierte Haltung ohne Zuwendung) und - schlimmer noch –
wegen Misshandlung. Insgesamt also eine üble Vergangenheit und ein
schlechter Start ins Leben aufgrund schlechter Erfahrung mit der Spezies
Mensch.
Erster Kontakt
Insofern machte es uns Kiwanie nicht leicht, mit ihr in Kontakt zu kommen,
geschweige denn sie näher kennen lernen zu dürfen. Nicht nur, weil ihr
Bruder Black Jack (im selben Zwinger) mit seiner überschäumenden Offenheit
und Begrüßungsfreude (das genaue Gegenteil von Kiwanie!) ihr die Schau
stahl. Sondern auch, nachdem Frau Kollros den großen Bruder beiseite
genommen hatte und ablenkte, weil sie schlichtweg Angst vor uns hatte und
uns ständig auswich. Sie konnte einfach nicht anders…
Entscheidung für Kiwanie
Dennoch spürten wir intuitiv, dass sich hinter ihrem tollen Winterpelz
eine sanfte, gutmütige, dankbare und treue Hundeseele verbarg. Diese zu
entdecken, sich entwickeln zu lassen, Kiwanie einen schönen, zweiten
Lebensabschnitt zu bieten, erschien uns als reizvolle und dankbare
Herausforderung. Viel Geduld und Verständnis würden erforderlich sein, wie
uns Frau Kollros einschärfte, bis sie zu uns Vertrauen fassen würde. Doch
dann würde Kiwanie sich sicherlich zu einer sehr angenehmen, treuen
Begleiterin entwickeln… So entschieden wir uns schließlich für Kiwanie,
obwohl es noch eine andere (Nordhund-)Alternative gab, die uns auch gut
gefiel und in die nähere Wahl gekommen war. Nach dem erforderlichen
Prozedere, sowie weitergehender Beratung kam Kiwanie schließlich eine
Woche später zu uns.
Ein neuer Lebensabschnitt
Das war in der ersten Januar-Woche 2005. Damit begann für beide Seiten ein
neuer Lebensabschnitt: Für Kiwanie, die ins Wolftal im Inneren des
mittleren Schwarzwald verpflanzt wurde. Für uns, die wir ein neues
Familienmitglied zu integrieren hatten und von nun an unseren Alltag
nordhundegerecht ausrichten mussten.
Einführung in die Zivilisation
Aller Anfang ist schwer, insbesondere bei einem erwachsenen Hund mit
schwieriger Vergangenheit, sowie fehlendem Selbstvertrauen. Vor allem
Neuen, Unbekannten hatte Kiwanie Angst. Sie musste Schritt für Schritt an
sämtliche Geräuschquellen der Zivilisation und unseres Alltags behutsam
herangeführt werden. Und durch Wiederholung erst daran gewöhnt werden,
natürlich immer angeleint. Zu Beginn bestand stets die Gefahr, Kiwanie
durch einen (unerwarteten) Panik-Anfall zu verlieren. Sobald mehrere ihr
unbekannte, unvorhergesehene Ereignisse, Geräusche, Personen in
Kombination auf sie einstürzten, konnte eine entsprechende Panik-Attacke
ausgelöst werden. Dann war sie nur mit äußerster Mühe zu halten und zu
beruhigen.
Kiwanie auf der Flucht
Nach noch nicht einmal einer Woche passierte, was ich am meisten
befürchtet und wovor ich am meisten Angst hatte: Kiwanie haute ab! Alles
fing ganz harmlos an: Samstags, auf dem Rückweg vom Morgenspaziergang,
kurzer Halt beim Bäcker um noch ein paar Brezeln fürs gemeinsame Frühstück
mitzunehmen. Also leinte ich sie kurz am Fahrradständer an, um ganz kurz,
vielleicht für 1 1/2 Minuten zu verschwinden… (Natürlich hätte ich gleich
merken müssen, dass ihr das an dieser Stelle widerstrebte und sie einfach
noch nicht so weit war) Als ich wieder herauskam, stockte mir der Atem:
Kiwanie hatte sich fast vollständig rückwärts aus dem Brustgeschirr
herausgearbeitet! (Frau Kollros hatte mich noch gewarnt, dass Hunde dazu
in der Lage seien; jetzt erinnerte ich mich an ihre Worte) Noch ehe ich
einen Entschluss fassen konnte (entweder blitzschnell hin zuzuspringen um
sie zu packen oder besser behutsam auf sie einzureden), war es schon zu
spät und Kiwanie ihrem Geschirr entschlüpft, auf und davon, mit
eingekniffenem Schwanz, blindlings in Panik die Talstrasse entlang… Wie in
einem Alptraum. Schnell verlor ich sie aus den Augen (kurvenreiche
Talstrasse, bergiges Relief, 80% Bewaldung) und musste erst mal um Fassung
ringen.
Ich war völlig demoralisiert: Nicht nur wegen meiner Dummheit und meines
Leichtsinns, sondern auch wegen der Aussichtslosigkeit Kiwanie
wiederzukriegen. Wie sollte ich sie in dem schwierigen Gelände bei unserem
weit verzweigten Wegenetz überhaupt wieder finden? Und selbst wenn ich auf
sie stieße, wie sollte ich sie wieder an die Leine kriegen, wo sie doch
noch gar nicht handzahm war?
Trotz aller Panik und Selbstzweifel, sowie aller objektiven
Schwierigkeiten, schien ich intuitiv richtig zu suchen, wie sich später
herausstellte. Denn nach ungefähr einer Stunde spürte ich sie tatsächlich
auf einem Waldweg auf! Natürlich ergriff sie sofort die Flucht und rannte
weiter. Nur wer Vergleichbares erlebt hat, wird nachvollziehen können,
welcher Stein mir vom Herzen fiel und wie froh ich war…! (Schließlich
hätte sie in der Zwischenzeit auf der Strasse angefahren worden sein
können; zum Glück hatte sich der Straßenverkehr an einem Samstagmorgen in
Grenzen gehalten.) Doch wie sollte ich Kiwanie zu mir locken und anleinen
können?
Sofort stellte ich den Motor des Wagens ab, sprang heraus und rief und
rief ihren Namen. Gleichzeitig winkte ich mit den Armen. Tatsächlich
reagierte sie auf mein Rufen (sie schien sowohl ihren Namen als auch meine
Stimme zu erkennen) und blieb stehen. Sie drehte sich um und schaute zu
mir zurück. Jetzt war sie ungefähr 50 m von mir entfernt. Wie sollte ich
diese Entfernung überwinden? Auf sie zu zu rennen erschien mir unsinnig,
weil es ihr nur Angst eingejagt hätte. Also rief und rief ich und näherte
mich gleichzeitig behutsam. Immer wieder ging ich in die Hocke, um sie
herzulocken. Nicht ohne Erfolg: Denn tatsächlich rannte sie ein Stück auf
mich zu, um wiederum zu verhoffen und aufmerksam zu mir hinzuschauen. Das
ging mehrere Male so, quasi abschnittsweise. Doch wie würde es die letzten
10 entscheidenden Meter sein?
Dieser letzte Abschnitt war wirklich ein großer Moment für mich und meine
Beziehung zu Kiwanie: Sie kam tatsächlich auch die letzten Meter zu mir,
auf mein eindringliches, ständiges Zurufen hin, freiwillig, mit
verhaltenem Schwanzwedeln… Ein glücklicheres Herrchen dürfte es in diesem
Moment in ganz Deutschland nicht gegeben haben!!! Natürlich bekam sie
dicke Streicheleinheiten, mehrere Bröckchen hintereinander, während ich
sie unauffällig und diskret anleinte. Im Grunde genommen, da bin ich mir
sicher, war sie auch froh wieder bei uns zu sein. Schließlich war sie ja
nicht aus übermut, Jagdleidenschaft oder wegen mangelnden Auslaufs
abgehauen, sondern nur aus Panikgründen.
Vertrauen zwischen Hund und Mensch
Auch wenn mir diese Erfahrung lieber erspart geblieben wäre, hatte sie mir
doch eines eindringlich vor Augen geführt: Was Vertrauen zwischen Hund und
Mensch bedeutet. Und dass dieses sich bereits nach noch nicht einmal einer
Woche zwischen Kiwanie und mir gebildet hatte, ganz still und diskret. Für
mich bis zu diesem Moment noch unbekannt und gar nicht wahrgenommen. Dass
dies schon nach so kurzer Zeit passieren könnte, hatte ich gar nicht in
Erwägung gezogen, da ich mich diesbezüglich auf einen viel längeren
Zeitraum eingestellt hatte. Diese Vertrauensbildung ist wohl der
entscheidende Schritt in der Beziehung Hund – Mensch. Und ein großer
Moment innerhalb der Kennenlern- und Aneinander-Gewöhnungs-Phase.
Insbesondere in einer solch extremen Situation. Auf jeden Fall ist er
etwas ganz Besonderes und alles andere als selbstverständlich!
Zum Abschluss nochmals zu Kiwanies Flucht: Die Sache ging also gut aus.
Wir hatten wirklich Glück im Unglück gehabt. Auf jeden Fall mehr Glück als
Verstand. Und Kiwanies Herrchen war nicht nur um eine wichtige Erfahrung
reicher, sondern hatte seine Lektion auf jeden Fall gelernt. Das bzw.
Vergleichbares würde mir nicht noch einmal passieren!
Kiwanie als 1-Mann-Hund
Während ich mich darüber freute, dass mir Kiwanie anscheinend voll
vertraute und als ihr neues Herrchen akzeptiert hatte, wurde uns
allerdings auch schnell die Kehrseite dieser Prägung klar: Kiwanie war
völlig auf mich fixiert (was natürlich kein Wunder war, da ich sie fast
ausschließlich um mich hatte) und ignorierte alle anderen
Familienmitglieder. Auch wenn diese sich noch so sehr bemühten und es noch
so gut meinten. Sie begegnete ihnen mit dem gleichen Misstrauen wie jedem
anderen Fremden, dem sie zum ersten Mal begegnet. Sämtliche
Bestechungsversuche (Futter geben, Bröckchen zwischendurch usw.) um daran
etwas zu ändern, blieben bisher erfolglos. Zwar nimmt sie alles gern an
(verfressen wie Malamutes nun einmal sind), jedoch nur mit eingekniffenem
Schwanz und ständiger Fluchtbereitschaft. Bereitwillig kraulen und
streicheln lässt sie sich deshalb noch lange nicht.
Rassetypisch ist diese ausschließliche Ein-Personen-Bezogenheit nicht, wie
wir zwischenzeitlich sicher wissen. Sie scheint eher Typen-bezogen (tritt
also von Individuum zu Individuum auf), bei Kiwanie auch biografisch
bedingt zu sein. Wir gehen nämlich davon aus, dass Kiwanie die ersten 7
Jahre ihres Lebens (immerhin die erste Lebenshälfte!) noch nie einen
vertrauensvollen Kontakt zu einer Bezugsperson aufbauen konnte.
Möglicherweise holt sie dies jetzt umso intensiver (sehnsüchtiger) nach,
indem sie sich ausschließlich auf mich fixiert und alle anderen Menschen
um sich herum ausblendet. Das ist natürlich schade, für beide Seiten. Wir
werden hier wohl noch einen langen Atem beweisen müssen, geben aber die
Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann nicht doch noch einen Durchbruch
geben könnte…
Kiwanies positive Seite
Soviel zur schwierigen Seite von Kiwanie. Doch wo Schatten ist, gibt es
auch Licht. So auch bei Kiwanie. So brachte sie von Anfang an eine ganze
Reihe angenehmer Eigenschaften mit, die uns teilweise sogar verblüfften,
weil wir nicht damit gerechnet hatten. So wartete sie zu unserer
überraschung mit erstaunlich guten Haushunde-Manieren auf (was angesichts
ihrer Vergangenheit als Zwingerhund alles andere als selbstverständlich
ist!): Sie war stubenrein und zeigte keinerlei Unarten (Nagen,
Türenkratzen usw.). In unserem Beisein können wir sie sogar in der Küche
dulden bzw. an den gedeckten Esstisch lassen. Eine ganz schöne Versuchung
für einen Malamute, deren Verfressenheit ja bekannt sein dürfte…! Verbote
(klares, deutliches „Nein!“) respektiert sie (in den meisten Fällen)
umgehend und ohne Tadel. Betteln (ob am Tisch oder beim Vespern unterwegs)
probiert sie zwar, gibt dies aber mangels Aussicht auf Erfolg (natürlich
kriegt sie vom Tisch grundsätzlich nichts!) schnell wieder auf und findet
sich damit ab. Eigentlich freuen wir uns darüber, wenn sie freiwillig zu
uns in die Küche kommt und unsere Nähe sucht, weswegen wir sie nicht
prinzipiell aus der Küche verbannen.
Kiwanie als Knuddelhund
Kiwanie ist ein sehr gutmütiger Hund und ein eher duldender Typ. Das lässt
sich u.a. daran erkennen, dass sie sich auch (z.B. von Fremden) streicheln
lässt, wenn sie es nicht mag. Natürlich nur in unserem Beisein und unter
kontrollierten Bedingungen. Wir achten schon darauf, dass es ihr nicht zu
viel wird. Andererseits können wir das spontane Bedürfnis vieler
Mitmenschen einen „so tollen Hund mit einem so tollen Fell!“ streicheln zu
wollen natürlich gut verstehen und wollen daher diesem spontanen Drang
nicht im Wege stehen. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die Kiwanie
stören bzw. ihr Angst machen. Man muss eben nur darauf kommen. So haben
wir schnell herausgefunden, dass sie zurückschreckt, wenn man sich mit der
Hand von oben bzw. von vorne (also frontal) nähert, um sie am Kopf zu
streicheln. Unterlässt man dies und nähert sich mit der Hand einfach von
der Seite oder von unten, mag sie das und lässt sich sehr gern und
ausgiebig streicheln.
Mit Kiwanie unterwegs
Kiwanie zeigte sich von Anfang an als sehr umgänglicher Hund beim
Spazierengehen. Sie ist grundsätzlich freundlich zu anderen Hunden, auch
gleichen Geschlechts. Oft fordert sie andere Hunde zum Spielen auf,
weswegen sie (mittlerweile 8 Jahre alt) häufig für einen Junghund gehalten
wird. Dennoch muss sie auf andere Gespanne (Hunde + Führer) Respekt
einflössend wirken, denn die meisten weichen vorsorglich vor ihr aus. Das
mag zum einen an ihrem wolfsähnlichen Aussehen liegen, ihrer Kraft und
Größe, vor allem aber an der Leine, an der sie spazieren geht. Leinenzwang
wird wohl von vielen als Indiz für einen aggressiven Hund gesehen. In
völliger Verkennung des von Grund auf gutmütigen Malamute-Charakters.
Manche interessierten Hundefreunde, mit denen man ins Gespräch kommt,
lassen sich davon auch überzeugen.

Beim Spazierengehen ist Kiwanie auch deshalb sehr angenehm, weil sie
geduldig und bereitwillig wartet, wenn Herrchen mit dem Fernglas Tiere
(oft Vögel) beobachten will. Natürlich nur sofern sie sich nicht dafür
interessiert. Sei es, dass diese außer Reichweite bzw. Sichtweite sind
oder gar nicht zum Beutespektrum gehören. Anders ist dies natürlich, wenn
es sich um potenzielle Beute handelt, die ihren Jagdinstinkt auslösen.
Doch davon nachher gleich. Sobald sich die Leine spannt oder auf kurzen
Zuruf („Halt!“) bleibt sie sofort und brav stehen. Dauert es länger, legt
sie sich hin und wartet geduldig, bis es weitergeht. Dieses bereitwillige
Warten hat erstaunlicherweise von Anfang an gut geklappt und brauchte
überhaupt nicht eingeübt zu werden. Ich hätte in diesem Punkt mit viel
mehr zerrender Ungeduld und Ungestüm gerechnet. Und ihr das auch, dem
Malamute-Wesen gemäß, zugestanden. Dass dies nun ganz anders ist, erspart
mir natürlich viel übungsarbeit und ist für mich als Tierbeobachter sehr
wichtig und angenehm.

Der Wolf in Kiwanie
Das Blatt wendet sich jedoch schnell, wenn es um Tiere geht, für die sich
auch Kiwanie interessiert und die ihren Jagdinstinkt auslösen. Dann ist
sie kaum noch zu bremsen und wieder zuerkennen. Dann kann man sie übrigens
auch einmal vor Leidenschaft Aufjaulen und Bellen hören, ein sehr seltenes
Ereignis. Mäusejagen (besser gesagt: Ausbuddeln!) ist natürlich die
harmloseste Jagdvariante und die einzig erlaubte. Alles andere ist tabu
und muss mit scharfem „Nein!“ und kraftvollem Gegenhalten in Zaum gehalten
werden. Dabei muss Wild gar nicht in Anblick kommen, eine frische Fährte
genügt bereits, wie bei allen Jagdhunden. Eichhörnchen sind dabei noch am
harmlosesten und unproblematischsten, weil sie sofort am nächsten Stamm
hochklettern und der Hund relativ schnell wieder von ihnen ablässt.
Schlimmer ist es bei davonlaufenden Tieren (auch Katzen auf freiem Feld
bzw. sitzen bleibende Katzen ohne schlechte Erfahrung mit Hunden) wie
Hasen, Rehen, Wildschweinen usw. Wehe dem, der da überrascht wird und
seinen Malamute (bei Huskys wird es nicht anders sein) nicht angeleint
hat…! Freilaufen gibt es daher nur unter kontrollierten Bedingungen:
Spielen mit anderen Hunden, große, übersichtliche Freifläche (z.B. Wiese,
Damm) abseits der Strasse, absolut wildfreie Zone (wildarme Zeit außerhalb
Dämmerung, stark frequentierte Bereiche)… Anfangs schienen auch Pferde
(Reiter) und Kälber (Rinder auf der Weide) in ihr Beuteschema zu passen.
Doch davon konnte ich sie abbringen. Manchmal auch von Katzen, die ruhig
auf der Wiese sitzen. Kiwanie ist also durchaus lernfähig und respektiert
auch hierbei gewisse Verbote. Es ist beinahe witzig zu sehen, wie sie
mittlerweile nahezu demonstrativ wegschaut, sobald ein Tabu-Beutetier in
Anblick kommt das mit Verbot belegt ist (in einem solchen Fall scheint
sogar ein ruhig ausgesprochenes „Nein!“ zu genügen). Natürlich kann sie es
nicht ganz lassen und schaut immer wieder kurz auf, gar zu groß ist die
Verlockung! Diese Momente machen mich sehr stolz auf sie und glücklich mit
ihr. Zeigen sie doch, dass man auch erwachsenen Malamutes noch etwas
beibringen kann und sie es Herrchen eben durchaus recht machen wollen.
Schlittenhund und Jagdinstinkt
Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang generell zu verstehen, dass
ein starker Jagdtrieb bei Schlittenhunden keine Unart ist, die es
abzugewöhnen gilt. Man muss einfach akzeptieren, dass Schlittenhunde auch
Jagdhunde sind und der Jagdtrieb Teil ihres Wesens und ihrer Rassemerkmale
darstellt. Eine solche Veranlagung lässt sich nicht einfach abgewöhnen
oder heraus erziehen ohne den Hund zu verbiegen. Insofern gilt es,
Schlittenhunde so vorausschauend wie möglich zu führen, so selten wie
möglich in Versuchung zu bringen und – falls es doch passiert und der
Jagdinstinkt mit den Hunden durchzugehen droht – so gut wie möglich
gegenzuhalten, abzulenken, zu beruhigen und wegzuführen. So halte ich es
mit Kiwanie und hoffe damit auch in Zukunft erfolgreich zu sein.

Täglicher Auslauf
Der tägliche Auslauf, den Schlittenhunde nun einmal fordern, ist für mich
das geringste Problem. Dieser lässt sich gut in meinen Alltag integrieren.
Ursprünglich war ich sogar von einem größeren Laufbedürfnis ausgegangen.
Es ist jedoch nicht die Länge der Strecke bzw. die Dauer allein, die für
artgerechten Auslauf verantwortlich ist. Schlittenhunde sind zwar eine
besondere Gruppe mit speziellen Eigenheiten. Letztendlich sind sie aber
auch nur Hunde und sollten das auch sein dürfen und ausleben können. So
geht auch Kiwanie viel lieber dort spazieren, wo auch andere Hunde ihre
Duftmarken hinterlassen haben. Das ist nun mal für Hunde wie Zeitung
lesen. Insofern darf sie an solchen Strecken auch ausführlich schnuppern.
Selbst beim Radfahren, darf sie das immer wieder einmal zwischendurch.
Schließlich soll sie auch ihren Spaß haben. Ich halte nicht viel vom
Hintersichherzerren eines Hundes am Fahrrad, wie es bisweilen zu
beobachten ist. Auch darf Kiwanie stets das Tempo selber bestimmen. Es
pendelt sich meist bei 8 km/h ein. 6 bis 12 km im Trab am Stück scheinen
mir das richtige Maß für Kiwanie zu sein. Mehr wäre möglich, müsste dann
aber trainiert und in der Folge auch beibehalten werden! Da es mir aber
mehr um den artgerechten Auslauf für Kiwanie geht (und nicht um eine
bestimmte, festgelegte Leistung), gibt es für mich keinen Grund, ihre
Kondition steigern bzw. hochschrauben zu wollen. Für mich gibt es
jedenfalls nichts schöneres, als mit dem Mountain Bike im Gleichklang
neben Kiwanie herzufahren. Ihr wolfsähnlicher, raumgreifender und
nachhaltiger Trab (Ich hatte bereits 2004 das Glück, das an Wölfen in der
Wildnis Alaskas beobachten zu können!) hat für mich etwas ausgesprochen
Faszinierendes, Beruhigendes und Entspannendes an sich.

Rückblick auf ein polarhundfreundliches Jahr 2005
Insgesamt zeigt sich Kiwanie – wie eigentlich auch nicht anders erwartet –
als sehr gutmütiger und dankbarer Hund. Vieles ist schon besser geworden,
sie erschrickt viel seltener. Wir sehen eine große Herausforderung darin,
ihr jenes Maß an Zuwendung zu bieten, das sie für eine gesunde,
ausgeglichene Psyche braucht. Ferner glauben wir, dass es Kiwanie mit uns
eigentlich gar nicht so schlecht erwischt hat. Nicht nur weil sie im
tiefen (inneren) Schwarzwald gelandet ist, wo das Klima nun doch ein paar
Grade kühler ist als in vielen anderen Ecken der Republik. Sondern auch,
weil sich der Witterungsverlauf des Jahres 2005 als ausgesprochen
polarhund-freundlich herausgestellt hat: Zuerst ein ausgedehnter,
schneereicher Winter. Später dann ein recht kühler (und feuchter) Sommer.
Und mittlerweile liegt noch ein goldener Oktober mit trocken-kühler
Witterung hinter uns, der zu unzähligen Outdoor-Aktivitäten (gemeinsam mit
Kiwanie!) Anlass gegeben hat. Welcher Witterungsverlauf könnte für einen
Nordhund, der in Deutschland lebt, schöner sein als der von 2005?
Arne Kolb
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