Bericht aus dem Nordlicht für Notfelle von Corinna Harders
Rocky, ein Malamute, der langsam sein Vertrauen zurückgewann |
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Auf ihre Weise ist auch dies eine
Geschichte mit „Happy End“, auch wenn es ein anderes ist,
als das, was man sich im Tierschutz meist erhofft. Rocky
wurde nicht mehr vermittelt, er fand seinen letzten Platz
und auch seine letzte Ruhestätte im Nordlicht.
Die Zeit, ein „eigenes“ Zuhause zu finden, hatte er nicht mehr, aber er hat in seinen letzten Monaten Menschen gefunden, die ihn unterstützten, ihn förderten, an ihn glaubten und die ihn liebten – und das ist weitaus bedeutungsvoller und wichtiger als die Frage „wo steht das Körbchen eines Hundes?“. Rocky, ein neunjähriger Malamute, gehörte zu
den Hunden in unseren Stationen, die man als "Problemhund"
bezeichnen muss. Das war auch der Grund, warum Rocky lange
Zeit nicht
auf der Vermittlungsseite zu finden war. Lange Zeit war eine Vermittlung undenkbar, denn langsam
musste Rockys Vertrauen wieder aufgebaut werden. Sein Vorleben war geprägt von Kommandos, die er zu befolgen hatte. Für einen charakterstarken Malamuten sicher untragbar und Rocky setzte sich mit Schnappverhalten zur Wehr. Dies wurde von seinen Menschen mit noch mehr Druck erwidert, sodass er auch körperliche Schmerzen ertragen musste. Die Situation eskalierte und Rocky landete im Tierschutz.
Die Abgabe an die Nothilfe für Polarhunde
e.V. stand auch unter keinem guten Stern. Der verabredete
Zeitpunkt, Rocky um 12.00 in die Station Süd zu bringen,
wurde nicht eingehalten und das obwohl man wusste, dass
Rocky noch die weite Reise ins Nordlicht antreten musste.
In den nächsten Tagen waren Rockys
Unsicherheiten deutlich zu erkennen.
Jede kleinste Veränderung in der Station
löste bei Rocky richtig heftigen Stress aus. Besucher oder
Neuaufnahmen von Artgenossen lösten in ihm schier die Panik
aus. Oft hörte man ihn auf den Spaziergängen weit über die
Felder und Wälder ununterbrochen bellen. Langsam konnten wir ein Vertrauensverhältnis zu Rocky aufbauen. Dann aber kam für mich eine einschneidende Situation. Es war nach einem Arbeitseinsatz, der ziemlich anstrengend gewesen war. Für Rocky war es – durch die arbeitenden Menschen auf dem Gelände- wieder einer jener Tage mit sehr vielen Stressfaktoren gewesen und auch ich war nicht mehr die Fitteste, als ich am späten Abend meinen letzten Gang durch das Hundehaus unternahm.
Wie immer schloss ich in Rockys Zimmer die
Außentür, doch diesmal fing Rocky plötzlich an mich zu
bedrängen und signalisierte, dass ich die Tür zu öffnen
habe. Um die Situation erst einmal schnell aufzulösen, gab
ich ihm den Weg ins Hundehaus frei. Eigentlich war nichts
weiter passiert, aber Rocky hatte durch sein Verhalten mir
neue Grenzen aufgezeichnet. Auch wenn man eigentlich so etwas wie eine Bindung zu Rocky aufgebaut hatte, drohten Situationen immer wieder zu kippen, da der Rüde immer wieder durch sein erlerntes Verhalten aus seinem Vorleben Grenzen zum eigenen Schutz aufbaute. Allerdings ist es nie zum Schnappverhalten gekommen. Aber die Situation an sich war nicht unbefangen, es war wie ein Tanz um ein Lagerfeuer, in das man nicht greifen kann. Wir holten uns Rat in der Hundeschule Silvia Klüppelberg, sie arbeitet ehrenamtlich für die NfP. Das professionelle Training mit Rocky begann. Sivia kam fast jeden Tag ins Nordlicht um mit kleinen Übungen zu beginnen. Diese fanden in der ersten Zeit ausschließlich mit dem trennenden Gittern dazwischen statt. Ziel war es, ein Vertrauensverhältnis auf Distanz aufbauen. Sobald man sich Rocky näherte, hopste er vor seiner Tür auf und ab, eben dieses Bedrängen, das immer seine Forderungen zum Ausdruck brachte. "Mach was mit mir, aber schlage mich nicht". Von sich aus konnte Rocky keine Alternative zu diesem Verhalten finden und so lernte er die Übung "geh in den Korb". Das Lernen gewöhnt begriff Rocky die Übung sehr schnell, gezielt wurde auch belohnt, der Korb wurde zu einer positiven, angenehmen Rückzugsmöglichkeit. Dieser Rückzug in den Korb brachte Rocky nicht nur aus diesem „Antreten zum Appell“ wie ein Soldat zur Entgegennahme von Befehlen heraus, sondern er lernte damit auch, dass er das Recht hat, sich durch einen Rückzug einen Freiraum zu schaffen.
Dann nahm Silvia direkt Kontakt zu Rocky auf.
Eine weitere Distanzübung, das Geben der rechten Pfote mit
den Worten „schöne Pfote", dann der linken „andere Hand". Da
Rocky auf Kommandos in seinem Vorleben gedrillt wurde,
lernte er auch diese Übung sehr schnell. Nur mit dem feinen
Unterschied, dass hier sofort nach jeder Ausführung eine
positive Bestärkung folgt, die Rocky rückmeldete „es ist
richtig, es ist gut“.
Mehr und mehr wuchs das Vertrauen und Rocky fand es schon nach einigen Wochen fast angenehm, sich streicheln zu lassen.
Trainerin Silvia begann mit dem Maulkorbtraining und wir waren rasch um eine erschreckende Erkenntnis reicher, denn als Rocky den Maulkorb sah, lief er voller Angst davon. Daraus mussten wir schließen, dass Rocky in der Vergangenheit absolut negative Erfahrungen mit dem Maulkorb gemacht hat.
Wir bestrichen den Maulkorb mit Leberwurst
und ließen Rocky diese ablecken, um ihn positiv auf den
Maulkorb einzustimmen. Nach einiger Zeit war es schon
möglich, ihn durch den Korb zu füttern und Schritt für
Schritt immer mit den Worten "anziehen, ausziehen" ließ er
sich ihn über die Schnauze ziehen. Von dem Zeitpunkt an, als
das Anlegen des Maulkorb problemlos funktionierte, kam nicht
mehr Silvia zu Rocky, sondern Rocky fuhr jetzt zur
Hundeschule zum Training. Denn dort gab es viele Dinge, die
nur darauf warteten, von ihm im Rahmen des Vertrauensaufbaus
entdeckt und erfolgreich erobert zu werden.
Übrigens verlief Rockys Vorstellung beim
Tierarzt entspannt und positiv. Durch die sensiblen
Vorbereitungen entstand für Rocky keine bedrohliche
Situation.
Das Blutbild zeigte schlechte
Schilddrüsenwerte, die keine autoimmune Ursache haben,
sondern auf eine langfristige Störung, ausgelöst durch
Dauerstress, hinweisen.
Rocky wurde in der Folge auf Tabletten
eingestellt. Da der Organismus auf die Hormongabe sehr
sensibel reagiert, war gerade in der Einstellungsphase ein
engmaschiges Training wichtig, natürlich abgestimmt auf
seinen gesundheitlichen Zustand.
Die Medikation hat Rocky sehr gut vertragen
und hat gemeinsam mit dem Training Rocky die Lebensqualität
zurückgegeben. Voller Lebensfreude rannte er jetzt über den
Platz der Hundeschule: Rocky, ein Malamute, der das
Vertrauen zu sich und seiner Umwelt wieder gefunden hatte.
Und nach vielen Wochen und Monaten hatte Rocky
damit den Sprung auf die Vermittlungsseite geschafft, denn
nun konnte die Suche nach Malamute hundeerfahrenen Menschen, die ihm die
nötige Sicherheit entgegenbrächten, an denen er sich
orientieren könnte, beginnen.
Währenddessen wurde weiter
trainiert, auch ganz praktisches, wie Rocky als „Begleiter“
beim Kaffeetrinken. Im Februar war er nach vielen Monaten
das erste Mal im Hausbereich des Nordlichts zu „Gast“.
Selbst
der Druck ( Hand von oben ) ließ ihn cool bleiben.
Um einen Eindruck der Arbeit der letzten
Monate zu vermitteln, hier noch eine ganz Reihe von Bildern
aus dem Training.
Ohne jedes Anzeichen für Unwohlsein, für eine Erkrankung nahm Rocky am späten Samstagabend noch seine „Gute-Nacht-Zahnputz-Kaustange“ um später in dieser Nacht zum Ostersonntag seine Augen für immer zu schließen, leise und friedlich, so wie sein Leben zur Ruhe gekommen war, kam auch Rocky zur Ruhe.
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