Verlassensängste beim Hund
Was soll dass denn sein?
Genau diese Frage stellten wir uns auch. Oder besser gesagt, stellten
wir uns diese Frage gar nicht. Denn wir hatten noch nie von
Verlassensängsten gehört.
Als wir die 8jährige Huskyhündin Enya (Alias Sweenja) im April 2004 aus
der Auffangstation der Nothilfe für Polarhunde e.V. holten, war schon
klar, dass sie 8 Stunden in der Woche alleinbleiben musste. Was allen aber
nicht klar war, dass Enya nicht die Absicht hatte, dies auch ruhig und
gelassen zu akzeptieren. So war es für uns nach 19 Jahren Hundehaltung
eine ganz neue Erfahrung. Keiner meiner beiden vorigen Hunde hatte je
Probleme mit dem allein sein.
Sie mussten aber auch nie die schreckliche Erfahrung machen, von ihren
geliebten Menschen einfach in ein Tierheim abgeschoben zu werden. Enya
leider schon. (Was uns von Woche zu Woche unerklärlicher erscheint, denn
Enya ist ein super Hund und muss einst eine sehr gute Erziehung genossen
haben. Sie überrascht uns mit positivem immer mehr. Warum gibt man so
einen Hund her? )
Wie sagte ein Bekannter: „Ein Second-Hand-Hund ist wie eine Wundertüte.
Man weiß nie, was darin steckt.“ Ihr denkt, alles kann nicht super an
einem Tierheimhund sein! Da habt ihr auch Recht. Aber es gibt nix, was man
nicht ändern könnte.(O.k. Wir sind auch nicht die, die eine Sache voll
100% durchziehen. Auch wir haben Tage, an denen wir es schleifen lassen.)
Aber jetzt zu unserem Problem.
Also Enya war bei uns und hat sich sehr gut und schnell eingelebt. Mit
den Kindern und vor allem mit meinem 3jährigen Sohn klappt alles sehr gut.
Selbst wenn sie für seine Autoteststrecken für die Bergtouren benutzt
wird, ist Enya die Ruhe selbst und wenn es doch mal zuviel wird, geht sie
in ihren Korb. Denn dieser ist für alle anderen tabu. Als dann nach guten
zwei Wochen der Alltag wieder begann, jetzt mit Hund, da bekamen wir das
erste Mal zuhören, dass Enya sehr lange heult. Nicht nur das, sie riss
auch alles von der Küchentheke und Fensterbank, was sie erreichen konnte.
Alles Essbare wurde gefressen. Ob Deckel drauf waren oder nicht. Sie bekam
alles auf. Blumen lagen am Boden. Es war eine einzige Verwüstung im ganzen
Haus, wenn ich zurückkam.
Noch dazu hinterließ sie ihre Hinterlassenschaften in irgendeinem der
Zimmer. Manch einer wird jetzt sagen: selbst schuld. Aber wer konnte dies
wissen! Wir leider nicht. Unsere Wahl fiel auf einen älteren Hund, da wir
unter anderem dachten, dass diese (meist) stubenrein sind und das
Alleinsein gewohnt sind. Zumindest dachten wir dass.
Bei Enya weiß man nur, das sie 6 Jahre bei einer Familie mit Kindern
gelebt hat. Wir gehen davon aus, dass sie dort nie alleine war durch die
Kinderbetreuung. Danach wurde sie zwischen geparkt bei der Oma. Wo sie
vermutlich auch nie alleine bleiben musste. Nach einem Jahr Duldung bei
der Oma wurde sie letztendlich doch ins Tierheim gebracht. Und dort wurde
sie in einem Rudel gehalten. Also auch wieder nicht alleine.
Wir wissen nicht, ob Enya ihre Verlassensängste hat, weil sie nie gelernt
hatte, alleine zu sein oder weil sie nach 6 Jahren Familie einfach
aufgegeben wurde. Eigentlich (so denke ich) spielt es keine Rolle. Fakt
ist, dass sie nicht alleine bleiben kann oder will. Anfangs hat sie unsere
ganze Straße mit ihrem Huskygeheule beehrt, wenn ich bei der Arbeit war.
Ein Nachbar hat uns per Zufall darauf angesprochen, weil sie ihm so leid
tat. Ja super ! Und jetzt ?
Erstmal haben wir uns bei anderen Nachbarn erkundigt. Einige meinten,
sie heule nur ein bisschen. Bei anderen waren es gleich die ganzen 4
Stunden Durchgeheule. Wir entschuldigten uns und erzählten erst mal ihre
Lebensgeschichte. So hatte Enya zumindest erst mal Verständnis von allen
Nachbarn. Und wir die Zeit, uns um das Problem zu kümmern.
Wir haben uns Hilfe übers Tierheim besorgt und diese haben uns erst mal
Infomaterial und Bücher geliehen. So lernten wir zunächst, was
Verlassensängste überhaupt sind. Wegen den Hinterlassenschaften in den
Zimmern, schlossen wir erst mal die wichtigen Zimmer ab, wenn wir gingen.
Alle Fenster wurden geschlossen. So hatte sie nur noch den ersten Stock,
den Flur und das Bad. (Dies konnte man alles gut wischen.)
Wir fingen an, sie immer wieder für kurze Zeit alleine zu lassen. Außer
natürlich an den beiden Arbeitstagen. Die musste sie leider auch weiterhin
ohne uns durchstehen. Müll raus bringen ohne Hund oder einfach mal kurz
zum Nachbarn. Wenn ich im Haus am aufräumen war, wurde sie immer woanders
hingeschickt oder ich machte einfach die Türe zu. Denn sie sollte lernen,
dass ich gehe, aber auch wieder komme (bevor sie heult).
Auch fingen wir intensiver an, mit ihr den Gehorsam und das Erlernte
wieder zu lernen. Wir veränderten unser Verhalten beim weggehen ohne Hund,
damit Enya nicht immer in Panik ausbrach. Wir ziehen uns ruhiger an (was
mit Kindern nicht immer einfach ist, die man 100 mal antreiben muss.) Enya
muss sich immer auf einen bestimmten Platz im Flur setzen, solange wir uns
richten. Dies hat zum Zweck, dass sie erstens nicht wie von Hummeln gejagt
immer an uns durch rennt und zum anderen wirkt es sehr beruhigend auf sie,
da sie auf ihrem Hintern sitzen muss.
Wenn wir dann ohne sie gehen, legen wir ihr ein Leckerchen hin und gehen
mit den Worten „Tschüß Enya“ aus der Tür. Beim Nachhausekommen wird sie
auch nur mit „Hallo Enya „ begrüßt und damit ist Schluss. Enya rennt dann
immer gleich hoch ins Bad und zeigt uns, dass sie nix angestellt hat. Naja
immer klappte dies nicht ohne Pfütze. Aber dies war anfangs und es wurde
immer besser. Wir räumten pingelig genau die Küchentheke leer. Die Blumen
auf der Fensterbank wurden auch in Sicherheit gebracht und die Zimmer, in
die sie nicht reinmachen durfte, waren abgeschlossen.

Ein Babyphon mit Handyverbindung zu Frauchen beeindruckte sie auch
nicht wirklich. Sie heulte einfach weiter und meine Handyrechnung schoss
in die Höhe. Der schlaue Rat mit einem Zweithund, der half leider auch
nix. Denn der „Leihhund“ heulte 3 Wochen mit unserer mit. Also versuchten
wir es mit Globuli. Die wir aber, ich muss es gestehen, ihr auch nicht
regelmäßig gaben. Auch das Radio an lassen brachte leider nix. Enya meinte
offensichtlich, sie müsse lauter sein als dieses. Auch das Schlafzimmer
auflassen beeindruckte sie nicht. Jetzt lag sie in unserem Bett und
heulte. Aber wir übten weiter.
Und es besserte sich so, dass Enya lernte, zumindest erstmal im Auto ruhig
zu sein und nicht alle Aldi Kunden auf dem Parkplatz auf sich aufmerksam
zu machen. Mittlerweile haben wir Enya 9 Monate und es beschwert sich kein
Nachbar mehr über unseren heulenden Husky. DENN ! Sie heult nicht mehr.
Das heißt, sie heult schon noch. Etwas! Aber nur direkt dann, wenn ich weg
fahre. Wenn ich weg bin, ist sie ruhig. Und auch die Hinterlassenschaften
sind ausgeblieben. Seit gut 4 Wochen hat sie alles sauber gehalten. Ich
kann jetzt nachhause kommen, ohne dass ich alles putzen muss. Wir haben
angefangen Enyas Selbstbewusstsein aufzubauen und dadurch wird sie auch im
Haus sicherer, wenn sie alleine bleiben muss und ihr schützendes Rudel
nicht bei ihr ist.
Wir sind sehr stolz, doch noch alles in Griff zu bekommen, denn am Anfang
dachten wir nicht, dass wir dies schaffen würden. Erstens hatten wir keine
Ahnung, was Verlassensängste sind, zweitens konnte ich weder zuhause
bleiben noch hatten wir Aussicht auf einen Hundesitter. Wer traut sich
auch in eine Wohnung zu einem großen Hund, über den man so gut wie nix
weiß? Also mussten wir mit dem Mitteln arbeiten, die wir hatten und jetzt
wussten. Ich denke, wir haben dies auch ganz gut hinbekommen.

Empfehlen kann ich auch allen Hundefreunden lest euch das Buch
ERZIEHUNGSPROBLEME BEIM HUND durch. Hier geht es unter anderem auch um
Tierheimhunde. Themen sind Trennungsangst. Leinenaggression, Mobbing,
Raufergruppen, Aggression gegen Hund und Mensch, Dauerkläffer, Jäger,
Zerstören von Einrichtungen, Unsicherheit, Korrekturprogramme und vielen
anderen hilfreichen Tipps. Gut fand ich auch, dass mehrere Hilfemethoden
beschrieben sind und nicht nur eine. Es lohnt sich wirklich. Das Buch ist
vom Kosmos Verlag und geschrieben wurde es von Führmann und Franzke. Bei
amazon.de erhältlich, den ihr über die Nothilfe-Internet-Seite anklicken
könnt.
Enya mit Familie Schwald
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