Cauda Equina-Syndrom
Unter diesem Sammelbegriff ist eine Reihe von Erkrankungen des
Übergangs der Lendenwirbel zum Kreuzbein zusammengefasst, die zu einer
Schädigung dieses Rückenmarks-Nervengebietes führen. Die Schädigung kann
in Form von Druck, Quetschung, Schwellung oder Entzündung stattfinden.
Ebenso vielfältig sind auch die Ursachen für ein CES (Cauda equina
Syndrom), recht bekannt, weil häufig bei den Schäferhunden vorkommend, ist
die degenerative lumbosakrale Stenose (Verengung, Einengung). Darunter
versteht man Veränderungen an der Wirbelsäule, die alle zu einer Verengung
des Wirbelkanaldurchmessers führen können, neben der Spondylose sind dies
vor allem Bandscheibenvorfälle und Verdickungen von Gelenkskapseln und
Bändern. Seit einigen Jahren ist auch die Osteochondrose des Kreuzbeines
als Ursache einer degenerativen lumbosakralen Stenose bekannt. Bei dieser
Entwicklungsstörung kommt es zu Absplitterungen von Gelenksknorpel, oft
auch des darunter liegenden Knochens, nachweisbar mittels Röntgen meist
schon ab einem Alter von 6 Monaten.
Auslösend für ein CES können aber auch angeborene Verengungen des
Spinalkanals (idiopathische Stenose), Missbildungen des lumbosakralen
Übergangs (Übergang von der Lendenwirbelsäule zum Becken), Frakturen und
Luxationen (Verrenkung oder Auskugelung eines Gelenks oder Teilen davon),
Entzündungen von Nerven oder Wirbelknochen, Tumore und Infarkte in dieser
Region sein. Diese Veränderungen haben zur Folge, dass das Rückenmark
zusammengedrückt wird und es somit zu neurologischen Ausfallerscheinungen
kommt.
Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Wirbeln. Kleine Wirbelgelenke am
Wirbelbogen verbinden die Wirbelkörper miteinander, zwischen den
Wirbelkörpern liegt eine Zwischenwirbelscheibe (Bandscheibe, Diskus). Je
nach Körperregion sind die Wirbel unterschiedlich geformt, wobei das
Kreuzbein, das die Wirbelsäule mit dem Becken verbindet, eine Besonderheit
bildet. Bei normal entwickelten Hunden besteht das Kreuzbein aus drei
miteinander verwachsenen Wirbeln.
Der hinterste Teil des Rückenmarks und das daraus entspringende
Nervenbündel werden als Cauda equina bezeichnet. Diese Nervenbündel
verlaufen über die Länge von ein bis zwei Wirbelkörpern im Wirbelkanal und
treten dann seitlich aus den Zwischenwirbellöchern aus. Über diese Nerven
werden Kot- und Harnabsatz gesteuert, sie versorgen die Schwanzmuskulatur
und wichtige Teile der Muskeln der Hinterhand.
Auswertungen von Röntgenbefunden der HD-Kommission in Zürich an der
veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich zeigten, dass von
4000 Hunden 3,5% einen so genannten Übergangswirbel zwischen
Lendenwirbelsäule und Kreuzbein aufwiesen. Darunter versteht man einen
missgebildeten Wirbel, der Eigenschaften von beiden
Wirbelsäulenabschnitten zeigt und deshalb auch als Übergangswirbel oder
Schaltwirbel bezeichnet wird. Die Ausbildung dieser Übergangswirbel ist
sehr vielfältig, als Unterscheidungsmerkmal dienen die Querfortsätze.
Diese können auf beiden Seiten gleichen Typs sein (symmetrisch) oder
unterschiedlich (asymmetrisch), es gibt welche ohne Verbindung zum Becken
oder mit teilweiser oder vollständiger Verbindung zum Becken.
Untersuchungen der Universität Bern haben gezeigt, dass die Beweglichkeit
in der hinteren Lendenwirbelsäule und am lumbosakralen Übergang größer ist
als in den anderen Wirbelsäulenabschnitten. Je größer die Beweglichkeit
der Wirbelsäule, desto stärker ist die Belastung der Bandscheibe, die die
bei Dreh- und Parallelbewegungen zwischen zwei Wirbelkörpern entstehenden
Kräfte auffangen und neutralisieren muss.
Besonders beansprucht ist der Bereich des Übergangs vom letzten
Lendenwirbel (L7) zum Kreuzbein mit dem dazwischen liegenden
Lumbosakralgelenk, da hier die Kraft von den Hintergliedmassen und vom
Becken auf den Körperstamm übertragen wird.
Festgestellt werden konnte, dass bei Hunden mit einem Übergangswirbel im
Lumbosakralgelenk die Beweglichkeit und Kraftverteilung verändert ist.
Statt der Drehung überwiegt bei diesen Hunden die Parallelverschiebung,
was vermehrt zu Scherkräften führt, die Schäden an der Bandscheibe und den
Bändern der Wirbelsäule verursacht. Hat der Übergangswirbel Kontakt zum
Becken, so ist er weniger beweglich. Folge dieser veränderten
Beweglichkeit ist eine übermäßige Belastung der nächst gelegenen
Bandscheibe sowie von Bändern und Gelenken. Die daraus entstehenden
Schädigungen (Degenerationen) werden als Grund für das gehäufte und
frühere Auftreten von CES bei Hunden mit einem Übergangswirbel angenommen.
Die Züricher Studie geht davon aus, dass das Durchschnittsalter der Hunde
mit Übergangswirbel, die von CES betroffen sind, bei knapp 5 Jahren liegt
(ohne Übergangswirbel rund 6,5 Jahre). Das Risiko, an CES zu erkranken,
ist bei Hunden mit Übergangswirbel 5-mal höher als bei Hunden ohne
Übergangswirbel. Übergangswirbel fanden sich bei einer Vielzahl von
Hunderassen, gehäuft beim Deutschen Schäferhund und beim Grossen Schweizer
Sennenhund, selten beim Golden oder Labrador Retriever und gar nicht beim
Appenzeller Sennenhund und dem Tervueren. Unter den ausgewerteten
Röntgenbildern waren auch 68 von Siberian Huskys, in einem Fall konnte ein
Übergangswirbel festgestellt werden. Das Geschlecht des Hundes spielt für
das Vorhandensein eines Übergangswirbels keine Rolle, allerdings ist bei
Hündinnen die Beweglichkeit (Winkel zwischen Biegen und Strecken) des
lumbosakralen Übergangs generell größer als bei Rüden.
Die Krankheitssymptome entwickeln sich meist langsam über Wochen bis
Monate. Oft bleiben die ersten Anzeichen den Besitzern verborgen, der Hund
verweigert mal einen Sprung ins Auto, zeigt beim Aufstehen Missempfinden
oder möchte nicht an der Kruppe angefasst werden. Erst mit zunehmender
Erkrankung und steigendem Schmerz bilden sich deutlich wahrnehmbare
Beschwerden heraus, wechselnde Lahmheiten in einem oder beiden
Hinterbeinen, ein steifer Gang, eine eher leblose Rute, einem Schmerzlaut
bei einer Bewegung, möglicherweise Kauen an Rute oder Hinterläufen.
Fortschreitend kommt es zu Lähmungen in Form von Schwäche der Hinterläufe,
häufig werden diese nicht mehr genügend angehoben beim Laufen, die Krallen
schleifen nach und werden schräg abgeschliffen. Die Lähmung der
Hintergliedmaßen kann weiter voran schreiten und auch auf die
Schließmuskeln und die Blase übergreifen, der Hund wird inkontinent.
Die Diagnose der Erkrankung ist nicht ganz einfach, da viele der Symptome
auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Eine klinisch-neurologische
Untersuchung steht am Anfang, beurteilt wird der Bewegungsablauf des
Patienten. Spezielle Untersuchungen auf Schmerz und neurologische
Fehlfunktionen folgen (beispielsweise hat der Hund noch ein Empfinden
dafür, wie seine Pfote im Raum steht, korrigiert er eine auf dem
Pfotenrücken abgesetzte Pfote nach und ähnliches). Unter Narkose werden
Röntgenbilder angefertigt, diese sind jedoch zur endgültigen
Diagnosestellung selbst dann oft nicht ausreichend, wenn sie Befunde
liefern wie eine Stufenbildung zwischen dem letzten Lendenwirbel und dem
Kreuzbein, eine Spondylarthrose oder gar Verdickungen der Bänder oder
Bandscheibenvorfälle erkennen lassen. Die endgültige Diagnose erfolgt
meist mittels einer Kontrastmitteluntersuchung, also
Kontrastmittel-Röntgenuntersuchungen des Wirbelkanals (Epidurographie)
oder Myelographie zur Darstellung von Veränderungen im Wirbelkanal oder an
den Wirbeln sowie von Bandscheibenvorfällen. Deutlich überlegen sind
diesen Methoden die tomographischen, also Computertomographie (CT) und
Magnetresonanztomographie (MRT). Diese liefern auch Querschnittsaufnahmen
und liefern dreidimensionale Bilder, Veränderungen, die die
Nervenwurzellöcher betreffen, können so sichtbar gemacht werden. Für die
sichere Diagnose eines Cauda Equina Syndroms müssen die klinischen
Symptome mit den Resultaten der bildgebenden Verfahren übereinstimmen. In
Ausnahmefällen ist die endgültige Diagnose erst durch die Chirurgie
ermittelbar.
Die Behandlung richtet sich nach dem Stadium der Erkrankung und dem
Schmerzzustand des Patienten. Die konservative Therapie besteht aus
medikamentellen und ruhig stellenden Maßnahmen, also entzündungshemmenden,
schmerzlindernden Präparaten und Schonung des Hundes, möglicherweise
ergänzt durch physiotherapeutische Übungen, Akupunktur und weiteren. Ziel
ist hierbei die Reduktion der Schmerzen und möglichst ein gezielter
Muskelaufbau, um den Hund in der Hinterhand zu stabilisieren. Die Chancen,
so dauerhafte Ergebnisse zu erzielen, stehen schlecht bei sehr aktiven
Hunden und natürlich bei Hunden, die unter stärkerer Belastung stehen,
also Schutzdienst, Agility oder vergleichbarem. Bei diesen
„Arbeits-Hunden“ kann oft durch eine Aufgabe des Jobs eine annehmbare
Lebensqualität trotz bestehender Erkrankung hergestellt werden.
Bei neurologischen Ausfällen oder Schmerzen, die auf ein konservatives
Vorgehen nicht ansprechen, kann ein chirurgischer Eingriff Besserung
bringen. Die Prognose hängt nach einer Operation davon ab, wie schwer die
Symptome waren und über welchen Zeitraum sie bestanden. Je schwerer und je
länger diese vorhanden waren, desto länger brauchen die Hunde für die
Rehabilitation, manche erlangen nie mehr ihre volle Nervenfunktion zurück.
Die chirurgisch am häufigsten durchgeführte Behandlung ist die dorsale
Laminektomie, bei der der Operateur von oben an den lumbosakralen Übergang
gelangt. Hierfür wird die Rückenmuskulatur gespreizt, teilweise auch
angeschnitten und das Wirbeldach weggefräst. Im dann freiliegenden
Wirbelkanal kann die Ursache der Kompression entfernt werden. Bei einigen
der so erfolgreich operierten Hunde kommt es nach einiger Zeit erneut zu
Problemen mit der Hinterhand. Dies kann an fortschreitenden degenerativen
Veränderungen liegen, aber auch an zu starker Narbenbildung.
Praktiziert wird teilweise bereits eine Methode, die in den Bereich der
minimal invasiven Operationstechnik fällt, die partielle lumbosakrale
Laminektomie. Hierbei werden die Dornfortsätze und die Facettengelenke der
beteiligten Wirbel mehr geschont, es wird nur der Wirbelzwischenraum unter
Entfernung des Zwischenbogenbands (ligamentum flavum, seitlich am Wirbel)
erweitert und eine partielle dorsale Laminektomie des ersten
Sakralsegments durchgeführt. Eine Studie mit dieser Vorgehensweise ergab
bei 86 Hunden eine Erfolgsquote im Sinne einer dauerhaften Besserung von
mehr als 90 %. Die Rekonvaleszenz ist deutlich kürzer.
Neben diesen entlastenden Operationsverfahren wurde auch versucht, den
lumbosakralen Übergang mittels Implantaten zu stabilisieren, vor allem bei
Patienten mit Frakturen oder entzündlich bedingten Zerstörungen der
Bandscheibe. Hierfür wurden verschiedene Stabilisierungsmethoden
entwickelt und erprobt. Von denen konnte sich bisher keine durchsetzen, da
noch keine die wirklich geeignete war, um die enormen Kräfte, die auf
diesen Bereich des Körpers einwirken können, stets und immer zuverlässig
aufzufangen.
Ob der eigene Hund jemals von einem Cauda Equina Syndrom betroffen sein
wird, lässt sich heute weder vorhersagen noch testen. Die einzige
Prophylaxe ist das Aufwärmen der Hunde vor dem Einsatz bei anspruchsvollen
Trainingseinheiten und das abschließende Auslaufen, also das, was zur
Schonung des gesamten Bewegungsapparates empfohlen wird. Eine Garantie,
den Hund so vor Cauda Equina zu bewahren, bietet es aber nicht.
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