| Mastzellentumore
Tumore der Mastzellen, auch Mastozytome genannt, gehören beim Hund zu den
häufig vorkommenden Neoplasien (Neubildungen von Körpergewebe durch
Fehlregulationen des Zellwachstums) der Haut. Es gibt für die
Mastzellentumoren je nach Studie und daran teilnehmenden Hunden
Zahlenangaben im Bereich von 7 bis hin zu 25 % aller Hauttumore, Rassen
wie Boxer, Dackel, Sennenhunde und kurzschädelige (brachycephale) Hunde
wie Bulldoggen scheinen eine Rassedisposition zu haben. Bei Katzen ist
dieser Tumor seltener und beim Menschen tritt er kaum auf.
Mastozytome können an allen Körperregionen des Hundes auftreten, häufig
finden sie sich an den Gliedmaßen (vor allem denen des Rumpfes), am Rumpf
selber, Kopf, Damm (Perineum), Hodensack (Skrotum) und Scheide (Vulva).
Selten aber nicht ausgeschlossen sind Mastzellentumoren an den
Schleimhäuten, also Mundhöhle, Bindehaut der Augen (Konjunktiven),
Präputinal- (Penis oder Klitoris Vorhaut) bzw. Vaginalschleimhaut.
Es gibt keine Geschlechtsprädisposition, das mittlere Alter der
betroffenen Hunde liegt bei 8,5 Jahren, wobei es wichtig ist zu wissen,
das auch sehr junge Hunde nicht von Mastzellentumoren verschont bleiben.
Etwa ein Zehntel der betroffenen Hunde hat mehr als einen Tumor
gleichzeitig (primäre Multiplizität).
Beim Menschen wurden Mastzellen erstmals 1876 von Paul Ehrlich
beschrieben, seit 1949 weis man, dass an der Erkrankung Mastozytose
(Vorhandensein von zu vielen Mastzellen im Körper) auch innere menschliche
Organe beteiligt sind. Erst in den Jahren zwischen 1991 und 2000 wurden
viele der wichtigen zellulären, molekularen und biochemischen
Veränderungen entdeckt, die von den Mastzellen ausgehen.
Medizinisch gehören Mastzellen zur Gruppe der weißen Blutkörperchen, sie
werden vor allem im Knochenmark produziert. Im Gegensatz zu den meisten
anderen Zellen, die dort entstehen, finden sich die Mastzellen nicht im
Blut der Blutgefässe (peripheres Blut), sondern nur in Geweben, wo sie für
Monate oder sogar Jahre verbleiben.
Fast alle weißen Blutkörperchen haben Aufgaben innerhalb des Immunsystems,
welches an der Körperabwehr gegen Bakterien und Mikroben beteiligt ist.
Mastzellen können schnell auf Angriffe antworten, indem sie stark
vasoaktive (Einfluss nehmend auf Gefäßmuskulatur und Gefäßweite)
Abwehrmoleküle ins Gewebe freisetzen. Diese biologisch aktiven Substanzen
werden auch im Rahmen einer schweren allergischen Reaktion freigesetzt,
was bis hin zum lebensbedrohlichen allergischen Schock (Anaphylaxie)
führen kann. Ein anderer Name für diese chemischen Substanzen ist
Mediatoren, zu ihnen gehören Histamin, Heparin, verschiedene Amine und
proteolytische Enzyme. Darüber hinaus besitzen Mastzellen u.a. Rezeptoren
für Cortisol und Sexualhormone.
Mastozytome werden auch in physiologisch aktiv und inaktiv eingeteilt.
Aktive Mastzellentumore setzen für lokale und systemische Reaktionen
Mediatoren frei. Eine jede Störung eines Mastzellentumors (unter Umständen
auch das Abtasten beim Tierarzt) kann zu einer Mediatoren-Freisetzung
führen, das erklärt, warum ein solcher Tumor innerhalb von Stunden an
Größe zu – oder auch abnehmen kann. Die biologisch aktiven Substanzen der
Mastzellentumoren können eine Vielzahl von lokalen Veränderungen und
sonstigen Begleiterscheinungen (paraneoplastische Syndrome) nach sich
ziehen, während der Operation beispielsweise zeitweiser Abfall des
Blutdrucks (hypotensive Episoden), lokalisierte Blutungen oder später
Wundheilungsstörungen (fibroblasten-hemmende Faktoren).
Die Freisetzung von Heparin kann zu einer verlängerten Blutungszeit
führen, lokale Histaminfreisetzung zu Juckreiz, akuten Entzündungen,
Hautrötungen (Erythemen), Ödemen, Ulzerationen (einsetzende
Geschwürbildung) und anderen Irritationen führen. Häufiger findet man auch
systemische Nebenwirkungen vor allem im Magen-Darm-Trakt. So konnten bei
Studien bei über 80 % der Hunde mit Mastzellentumoren Geschwüre im
Magen-Darm-Trakt festgestellt werden. Diese entstehen durch die chronische
Stimulation der H2-Histaminrezeptoren der Belegzellen der
Magenschleimhaut, in deren Folge es zu einer vermehrten
Salzsäureproduktion und einer gesteigerten Bewegung (Hypermotilität) des
Magens kommt, Magen-Darm-Ulzera bilden sich. Dies kann in schweren Fällen
bis zur Perforation des Zwölffingerdarms (Duodenum) und daraus folgender
tödlicher Bauchfellentzündung (Peritonitis) gehen.
Ohne labortechnische Untersuchung ist die Diagnose „Mastzellentumor“ kaum
zu stellen, da das Erscheinungsbild des Mastozytoms eine große Vielfalt
aufweist. Ähnlich einem Lipom kann es sich völlig reizlos als unter der
Haut liegende weiche Zubildung darstellen oder klein und unscheinbar wie
ein Insektenstich sein, aber auch als knotige, flächig ins umliegende
Gewebe einwachsende (infiltrative) oder geschwürartige (ulzerative)
Gewebezubildung auftreten oder wie eine allergische Reaktion erscheinen.
Gut differenzierte Tumore sind eher solitär und wachsen langsam,
undifferenzierte sind oft größer bei schnellerem Wachstum, gerade sie
neigen eher zum Ulzerieren. Meist sind es auch die anaplastischen Tumoren,
bei denen sich umliegendes Gewebe entzündet und / oder
„Satellitenmetastasen“ in der Umgebung des Tumors heranwachsen.
Eine Feinnadelaspiration (Entnahme einer geringen Gewebe- bzw.
Flüssigkeitsmenge mit einer sehr dünnen Nadel) und die sich anschließende
zytologische Schnelldiagnostik sind daher eigentlich unumgänglich. Bei
stark anaplastischen Mastzellentumoren können evt. weitere
immunhistochemische Untersuchungsmethoden oder eine Elektronenmikroskopie
nötig sein, um diese Tumorart von anderen anaplastischen Rundzelltumoren
zu unterscheiden.
Histologisch wurden Mastzellentumoren durch A.K. Patnaik in verschiedene
Grade eingeteilt, dieser ist bestimmend für das biologische Verhalten des
Tumors und ein wichtiger Faktor für die Gesamt-Prognose.
|
|
Patnaik-Grad |
Mikroskopische Darstellung |
|
gut differenziert |
1 |
klar definierte Zellgrenzen mit gleichmäßigen
Zellkernen, wenige bis keine Mitosen (Zellkernteilungen), viele große,
gut anfärbbare zytoplasmatische Ganula (körnchenförmige Einlagerungen
in biologischen Zellen, die meist Speicher- oder Sekretstoffe
enthalten) |
|
Mittelgradig differenziert |
2 |
Zellen eng beieinander mit unklaren
zytoplasmischen Grenzen, selten Mitosen, Granula in geringerer Menge
und geringerer Farbintensität |
|
Undifferenziert (anaplastisch) |
3 |
Viele Tumorzellen mit undifferenzierten
zytoplasmatischen Grenzen, ungleichmäßige Größe und Form der
Zellkerne, häufige Mitosen, wenige zytoplasmatische Granula |
Der Differenzierungsgrad, also wie stark die Tumorzellen von den
ursprünglichen Mastzellen abweichen, gehört zu den bedeutendsten Kriterien
für die Gradeinteilung. Je besser differenziert die Tumorzellen sind, also
je ähnlicher dem Ursprungsgewebe, desto geringer der Grad. Gut
differenzierte Tumoren bilden nur in seltenen Fällen Metastasen (unter 10
% nimmt man derzeit an), undifferenzierte jedoch sehr häufig, die
Zahlenangaben reichen hier von 50 – 90 % der Fälle. Metastasen finden sich
häufig in den lokalen Lymphknoten, der Milz und der Leber. Im Gegensatz zu
manch anderen Tumorarten sind Lungenmetastasen eher selten. Haben sich die
Mastzellen im gesamten Körper ausgebreitet (systemische Disseminierung),
spricht man von einer Mastozytose, hierbei können Mastzellen auch im
peripheren Blut und im Knochenmark gefunden werden.
Als nicht gut therapierbar (da häufig undifferenziert) haben sich Tumore
am Krallenbett, der Vorhaut, sowie perianale, orale und jene an Übergängen
von Haut zu Schleimhaut (mukokutane) gezeigt. Ungünstig sind auch
Mastzellentumore der inneren Organe und des Knochenmarks. Sind systemische
Symptome wie Appetitverlust (Anorexie), Erbrechen und gastrointestinale
Blutungen feststellbar, so deutet dies ebenfalls auf eine aggressive Form
des Mastzellentumors hin. Boxer sind zwar auf Grund der Rasse
überdurchschnittlich häufig von Mastzellenzytomen betroffen, diese sind
jedoch oft gut differenziert und haben somit eine bessere Prognose.
Um eine optimale Behandlungsstrategie zu finden, kann es je nach Tumor
erforderlich sein, eine ganze Reihe von weiteren Untersuchungen
durchzuführen. Dies kann die Punktion der regionalen Lymphknoten sein,
eine Kotuntersuchung auf okkultes Blut, ein Ultraschall des Bauchraums,
bei dabei sichtbaren Veränderungen an Milz oder Leber Punktion derselben,
möglicherweise Thorax-Röntgen sowie eine Knochenmarkuntersuchung (Anteil
von Mastzellen im Knochenmark liegt bei gesunden Hunden unter einem
Promille). Blutuntersuchungen können Aufschluss geben, ob bestimmte weiße
Blutkörperchen erhöht sind (Eosinophilie, Basophilie) und ob sich
Mastzellen im Blut befinden. Möglicherweise wird auch eine Untersuchung
des so genannten „buffy coats“ (der Speckschicht) auf Mastzellen
durchgeführt. Das hier erhaltene Resultat ist jedoch vorsichtig zu
interpretieren, da es einige Erkrankungen gibt, bei denen Mastzellen im
peripheren Blut auftreten und nur in etwas einem Drittel der Fälle, bei
denen Hunde unter einer die inneren Organe betreffenden (viszeralen)
Mastozytose leiden, Mastzellen im „buffy coat“ gefunden werden.
Das klinische Bild der caninen Mastzelltumoren teilt man laut WHO in
folgende Stadien ein
Stadium 1
einzelner Tumor der Dermis (Lederhaut) ohne Veränderung der regionalen
Lymphknoten
a) mit systemischen Symptomen
b) ohne systemische Symptome
Stadium 2
einzelner Tumor der Dermis mit Lymphknotenmetastase(n)
a) mit systemischen Symptomen
b) ohne systemische Symptome
Stadium 3
mehrere (multiple) Tumoren der Dermis oder großer, infiltrativ (ohne
scharfe Abgrenzung in das umliegende Gewebe einwachsend) wachsender
Einzeltumor mit oder ohne Lymphknotenmetastase(n)
a) mit systemischen Symptomen
b) ohne systemische Symptome
Stadium 4
Tumoren mit Fernmetastase(n) oder Tumorrezidiv mit Metastase(n)
Behandlungsmittel der Wahl ist bei einem Mastzellentumor sofern möglich
die großzügige chirurgische Entfernung. Im Gegensatz zu vielen anderen
Tumoren ist beim Mastozytom ein deutlich umfangreichere Resektion über die
sichtbaren Tumorgrenzen hinaus nötig, empfohlen wird ein Abstand von 3 cm,
auch hinsichtlich der Tiefe. Empfohlen wird auch, Rand – und
Tumorbettbiopsien zur Überprüfung vorzunehmen, im Idealfall ist eine
Untersuchung der Biopsieproben per Schnellschnitt noch während der OP
möglich. Bei einem Grad 1 Mastzellentumor ohne systemische Symptome, der
chirurgisch komplett entfernt wurde, werden Überlebensraten von bis zu 90
% angegeben. Für Hunde mit Grad 2 Tumoren werden bei ausschließlich
chirurgischer Behandlung und vollständiger Entfernung 4-Jahres
Überlebensraten zwischen 44 und 55 Prozent angegeben.
Sollten sich bei der Untersuchung des Gewebes vom Rand oder vom Tumorbett
noch im Nachhinein Tumorzellen nachweisen lassen, muss über die
Möglichkeit einer Nachoperation nachgedacht werden. Alternativ dazu kann
eine Strahlentherapie durchgeführt werden.
Zu einer solch inkompletten Resektion des Mastzellentumors kommt es häufig
an den Extremitäten, hier kann in Kombination mit der Strahlentherapie für
Hunde mit Grad 1 und 2 nach Patnaik in ca. 90 % der Fälle eine mehr als
zwei Jahre andauernde rezidivfreie Zeit erreicht werden (eine neuere
Untersuchung bei 37 Hunden mit Grad 2 Mastozytomen gibt für 93 % der
bestrahlten Hunde eine rezidivfreie Zeit von über drei Jahren an).
Unabhängig vom Tumorgrad liegt die mittlere rezidivfreie Zeit nach
erfolgter Bestrahlung bei 32,7 Monaten. Hunde, bei denen die Tumorreste
noch mit bloßem Auge (makroskopisch) sichtbar waren, erreichten dabei eine
mittlere rezidivfreie Zeit von 12 Monaten, solche mit nur mikoskopisch
nachweisbaren Tumorresten von 54 Monaten. Die Gesamtdosis bei der
Bestrahlung beträgt zwischen 45 und 57 Gy, am effektivsten hat sich eine
tägliche Bestrahlung erwiesen.
Die Bestrahlung kann auch bei inoperablen Fällen angewandt werden,
mitunter kann ein Tumor so verkleinert werden, dass eine Operation
anschließend möglich wird.
Schwierig ist die Behandlung von Mastzellentumoren Grad 3 oder Grad 2 mit
Metastasen. Ob Operation oder Bestrahlung im Einzelfall Sinn ergeben ist
maßgeblich davon abhängig, ob es bereits Anzeichen für eine systemische
Ausbreitung des Tumors gibt. Auch ohne diese Anzeichen muss sich ein
Hundebesitzer im Klaren darüber sein, dass auch nach erfolgter Behandlung
eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass der Tumor zukünftig
disseminieren wird. Zusätzliche systemische Therapien können helfen, die
krankheitsfreie Zeit zu verlängern. Meist kurze und nur partielle
Remission kann mit der Gabe von Prednisolon erreicht werden, mit den
bekannten Nebenwirkungen wie vermehrter Durst und Hunger sowie erhöhtem
Harndrang.
Darüber hinaus sind verschiedene Chemoprotokolle beschrieben, eine
besonders wirksame Kombination scheint die Gabe von Vinblastin in
Verbindung mit Prednisolon zu sein, eine Studie mit Grad 3
Mastzelltumor-patienten gibt eine mittlere Überlebenszeit von 331 Tagen
an, 45 % der nachkontrollierten Patienten seien ein und zwei Jahre nach
der Therapie noch am Leben gewesen. In einer Studie für die Kombination
Doxorubicin und Prednisolon konnten bei insgesamt 10 von 17 Hunden
Remissionen erreicht werden, 4 komplett und 6 partiell. Aus den 4
Komplett-Remissionen ergaben sich 3 Langzeitremissionen von über zwei
Jahren. Die mittlere Überlebenszeit von Hunden mit Remissionen lag in
dieser Studie bei 97 Tagen.
Erste gute Erfolge bei Hunden mit nicht-resezierbaren oder multi-fokalen
Tumoren konnten mittels photodynamischer Therapie erreicht werden, die
allerdings nur an wenigen Einrichtungen zur Verfügung steht.
Bei allen wegen eines malignen Tumors operierten Hunden sollte eine
regelmäßige (Nach-) Kontrolle durch den TA stattfinden, da die Möglichkeit
eines Rezidivs an gleicher oder anderer Stelle auch nach längerer Zeit
noch gegeben ist.
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