| Helicobacter
Ende des 19. Jahrhunderts wurden erstmals winzige spiralförmige,
gramnegative Bakterien in der Magenschleimhaut von Menschen und Tieren
entdeckt und beschrieben. Unklar blieb, ob die Bakterien als natürliche
Bewohner des Magens einzuordnen seien oder ob es sich um einen
pathologischen Befund handelte. Nach wie vor herrschte daher die
Lehrmeinung, der Magen sei, durch seinen sauren ph-Wert, vor einer
Besiedlung durch Bakterien geschützt.
Warren und Marshall stellten 1984 die Verbindung zwischen den bis dahin
kaum beachteten winzigen spirillenförmigen Bakterien und entzündlichen
Veränderungen der Magenschleimhaut her. 1992 wurde durch Müller die
Annahme entkräftet, dass Gastritis Schicksal sei, nicht beeinflussbar,
zustande kommend durch lebenslange Belastung der Schleimhaut. Als
Hauptursache für chronische Gastritiden (Typ B Gastritis), Geschwüre im
Magen und dem sich anschließenden Teil des Dünndarms (Duodenum) und sogar
Karzinomen des Magens konnten helicobacterartige Bakterien, insbesondere
Helicobacter pylori ausgemacht werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO
stuft Helicobater pylori als krebserregend ein, in Zahlen von 1988 ging
man von einer Infektion bei weltweit etwa einer Milliarde Menschen aus.
Zwischenzeitlich konnten rund siebzig verschiedene Helicobacter Typen
isoliert werden. Helicobacter pylori konnte auch bei Makaken und Katzen im
Magen nachgewiesen werden, nicht bei Hunden. Bei diesen wurde Helicobacter
canis in Leber und Darm gefunden, auch der menschliche Darm bietet dieser
Helicobacter Art gute Lebensbedingungen. Helicobacter heilmannii wurde
sowohl bei Menschen, Hunden ,Katzen und Primaten im Magen nachgewiesen,
Helicobacter felis im Magen von Katzen und Hunden, Helicobacter cinaedi im
Darm von Menschen und Hamstern.
Wissenschaftlich beschrieben sind Fälle von Hunde- oder Katzenhaltern mit
Gastrosymptomatik, bei denen in Untersuchungen bei Tier und Mensch in der
Nukleotidsequenz fast völlig übereinstimmende Helicobacter-Stämme
festgestellt wurden. Zusammen mit der in Studien gemachten Beobachtung,
dass Berufsgruppen mit vermehrtem Kontakt zu Tieren wie Schlachter oder
Schäfer erhöhte Serumantikörper gegen Helicobacter plyori aufweisen, legt
dies den Verdacht einer Zoonose (Infektion von Tier auf Mensch möglich)
nahe. Um dies mit letzter Sicherheit behaupten zu können, ist über die
Keimquellen und die Infektionswege trotz aller Forschungsbemühungen immer
noch zu wenig bekannt.
Die bisherigen Untersuchungen zeigen, dass beim Menschen ein Zusammenhang
zwischen sozialem Status und der Helicobacter-Infektion besteht. In den
Industrieländern sind 10 - 50 % der Kinder infiziert, Kinder aus sozial
ärmeren Schichten zeigen eine erhöhte Infektionsrate. In den
Entwicklungsländern sind bis zu 80 % der Kinder unter 10 Jahre infiziert.
Da Helicobacter-Spezies im Speichel, im Zahnstein, im Magensekret und im
Kot nachgewiesen werden konnten, wird derzeit von fäkal-oralen,
oral-oralen und gastritisch-oralen Infektionswegen ausgegangen, ebenso
wahrscheinlich ist die Möglichkeit, sich durch ärztliche
Behandlungsmaßnahmen (z. B. Endoskopien) anstecken zu können. Einiges
deutet auch auf kontaminiertes Wasser als weitere Ansteckungsmöglichkeit
hin. Selbst die Möglichkeit einer Infektion mittels eines Vektors (1997
konnten bei Fliegen an der Oberfläche des Körpers und im Darmtrakt
Helicobacter pylori nachgewiesen werden) muss in Erwägung gezogen werden.
Bei einer Infektion mit Helicobacter-Spezies kann (muss aber nicht) eine
Erkrankung die Folge sein.
Nach den bislang vorliegenden Studienergebnissen aus der Veterinärmedizin
verursacht eine übermäßige Besiedlung mit Helicobater-Spezies auch bei den
betroffenen Tieren Magenschleimhautentzündungen hervor, teilweise
begleitet von klinischen Symptomen wie Erbrechen und Durchfall.
Die Annahme, dass die Präsenz von Lymphfollikeln in der Magenschleimhaut
bei Hunden und Katzen unspezifisch sei, wird nunmehr in Zweifel gestellt
und in Zusammenhang mit Helicobacter-Infektionen gebracht. Ob diese bei
den Tieren (ähnlich wie beim Menschen) letztendlich Vorboten von
magenschleim-assoziierten lymphatischen Lymphomen oder gar Magenkarzinomen
sein könnten, muss nach ersten Studienergebnissen angedacht werden.
Es liegen mittlerweile einige histologisch und bakteriologisch
abgesicherte exakt beschriebene Fälle von helicobacter bedingten
Magenentzündungen bei Hunden und Katzen vor. Nachgewiesen wurde die
Kontaktinfektion bei der Gruppenhaltung von Hunden (oro-oral über
Speichel, oro-fäkal über Kot).
Festgestellt wurde auch, dass die verschiedenen Helicobacter Speziies
unterschiedliche Pathogenität haben, speziell das helicobacter felis, das
bei Hund und Katze den Magen besiedelt, führt zu einer irreversiblen
(nicht mehr rückgängig zu machenden) epithelialen Schädigung der
Magenschleimhaut.
Die verschiedenen und so unterschiedlichen Helicobater-Stämme erschweren
die Diagnose und auch die Therapie. Bis vor einigen Jahren stand zur
Diagnose nur die Magen- bzw. Dünndarmschleimhautbiopsie zur Verfügung,
mittlerweile gibt es den für menschliche und tierische Patienten weit aus
weniger belastenden serologischen Antiköper-Nachweis. Dafür stehen die
Verfahren ELISA, KBR und Immunoblot zur Verfügung, als sicherste Methode
zeigte sich bisher die Untersuchung mittels Immunoblot.
Gerade bei chronischen, oft über Monate hin andauernden und bislang
therapieresistenten Durchfällen und besonders morgendlichem Galleerbrechen
bzw. Nüchternerbrechen auch bei Portionierung der Futterration über den
Tag bei ansonsten gutem Allgemeinbefinden sollte an eine
Helicobacter-Infektion gedacht werden.
Eine nachgewiesene Infektion wird in Anlehnung an die Erfahrungen der
Humanmedizin mit einer Kombinationstherapie (Antibioktika und
Protonenpumpeninhibitor, kurz PPI, also Säurehemmer) über einen Zeitraum
von einigen Tagen bzw. Wochen behandelt. Sehr erfolgreich war in der
Vergangenheit die Triple-Therapie (zwei Antibiotika, ein PPI), bei der der
Keim meist innerhalb einer Woche abgetötet wird und die von Helicobacter
verursachten Beschwerden abklingen bzw. völlig verschwinden. In einigen
Fällen kam es trotz erfolgreicher Therapie nach einiger Zeit zu erneuten
Magenbeschwerden.
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