| Kryptorchismus
Als Anorchie wird das komplette Fehlen oder die vollständige
Funktionsuntüchtigkeit beider Hoden bezeichnet. Ist einer der Hoden nicht
angelegt oder durch eine Hodendrehung (Torsion) vor der Geburt zwar
vorhanden, aber nicht voll entwickelt, wird dies Monorchismus genannt.
Unter Kryptorchismus versteht man das Ausbleiben des Abstiegs eines oder
beider Hoden (Descensus testis) aus der Bauchhöhle beim Rüden. Von einem
sekundären Kryptorchismus wird gesprochen, wenn der Abstieg der Hoden zwar
erfolgt, einer oder beide sich jedoch in der Folgezeit wieder in den
Leistenkanal (Inguinalkanal) oder die Bauchhöhle zurück verlagern. Die
Begriffe "gestörter Descensus testis" oder "maldescensus testis" werden
verwendet bei einem Hoden, der sich auf dem Abstiegsweg befindet, aber aus
irgendwelchen Gründen den physiologischen Abstieg nicht vollenden kann.
Manche Hoden verlassen auch den physiologisch vorgesehenen
Hodenabstiegsweg, man spricht von einer Ectopia testis. Je nach Position
des oder der betroffenen Hoden gibt es die Ectopia subcutanea, bei der der
Hoden neben dem Penis unter der Haut oder unter der Muskelschicht (Ecotpia
subfascialis) liegt.
Während der Embryonalentwicklung des männlichen Tieres bilden sich die
Hoden im Bauchraum in der Nähe der Nieren aus. Der Hodenabstieg beginnt
noch vor der Geburt, zunächst wird der Nebenhoden in den Leistenkanal
gezogen, etwa in der letzten Woche der Trächtigkeit steigt auch der Hoden
in den Leistenkanal ab. Zum Zeitpunkt der Geburt liegen die Hoden im
Leistenkanal bzw. passieren diesen. Bis wann der endgültige Hodenabstieg
vollzogen ist, die Hoden also im Hodensack (Skrotum) angekommen sind, ist
abhängig von der Rasse, der individuellen Veranlagung und der Ernährung.
Unter Berücksichtigung der verschieden Angaben des Zeitpunkts des
Hodenabstieg für die unterschiedlichen Rassen gilt der Zeitraum von der
sechsten bis achten Woche nach der Geburt als derjenige, bis zu dem die
Hoden den Hodensack erreicht haben sollten. Bis zum Eintritt der
Geschlechtsreife können die Hoden spontan in den Leistenkanal
zurückgezogen werden.
Der Hodenabstieg beim Rüden wird durch verschiedene Hormone gesteuert. Die
genaue Ursache des Kryptorchismus ist noch ungeklärt, man vermutet jedoch,
dass dem so genannten Testis Determination Factor, der auf dem Y-
Chromosom sitzt, eine Art Schalter- Funktion zukommt, der andere für die
Entwicklung zum männlichen Phänotypen verantwortliche Gene anregt, die
ihrerseits wieder die die Hoden betreffende Entwicklung beeinflussen.
Derzeit wird davon ausgegangen, dass Kryptorchismus vererbbar ist, der
genaue Erbgang ist noch nicht bekannt. Pendergrass und Hayes
dokumentierten 1975 für Chihuahua, Großspitz, Pudel, Zwergschnauzer,
Shelty, Yorkshire Terrier und Siberian Husky ein überdurchschnittliches
Risiko hinsichtlich des Kryptorchismus. Dieses Risiko ist verringerbar
durch einen konsequenten Zuchtausschluss der betroffenen Tiere, allerdings
kann der Genotyp eines weiblichen Tieres nur durch eine genetische Studie
festgestellt werden.
Hayes et al. (1985) und Pendergrass u. Hayes (1975) gaben
Nabelinfektionen, verspäteten Nabelverschluss sowie Entzündungsprozesse im
Hodenabstiegesbereich als begünstigend für einen Kryptorchismus an. In
einem ungünstigen Größenverhältnis zwischen Hoden und Leistenkanal sehen
sie die Erklärung dafür, warum besonders kleine Hunderassen von
Kryptorchismus betroffen sind.
Mit dem längeren Abstiegsweg des rechten Hodens erklären Wissenschaftler
die Tatsache, dass rechter Kryptorchismus häufiger ist als linker (etwa
doppelt so oft).
Aus Untersuchungen von Depue in den 80er Jahren ergab sich der Hinweis,
dass begünstigende Faktoren für die Anlage einer Hodenunterentwicklung
hohes Gewicht oder Stress des Muttertieres sein können. Dies kann die
Serumkonzentration der geschlechtshormonbindenden Globuline senken und die
Konzentration von freiem Östrogen heben, welches zur Hodenhypoplasie
führt.
Abgesehen von Elefanten und Walen benötigen alle Säugetiere zur
vollständigen Samenzellbildung (Spermatogenese) die um einige Grad
niedrigeren Temperaturen im Hodensack. Bei kryptorchiden Hoden wurde keine
Spermatogenese beobachtet und auch die Samenzellbildung des abgestiegenen
Hodens bei einseitig (unilateral) kryptorchiden Hunden war geringer als
bei gesunden Hunden. Kawakami konnte 1990 bzw. 1999 in Studien an
einseitig kryptorchiden Rüden belegen, dass der kryptorchide Hoden 17-Beta
Östradiol abgibt und die hormonabgebenden und samenzellbildenden
Funktionen des abgestiegenen Hodens hemmt. In anderen Studien fand er bei
den unilateral kryptorchiden Hunden einen deutlich niedrigeren
Testosteronplasmaspiegel als bei gesunden Hunden, eine verringerte Libido
und eine fast um die Hälfte reduzierte Spermiendichte
Bei Studien wurde festgestellt, dass die Häufigkeit von
Gewebeneubildungen, also Tumoren, bei den kryptorchiden Rüden bis zu 13,6
mal höher ist als bei gesunden Hunden. Im Bauchraum gelegen Hoden scheinen
eher zu Sertollizelltumoren zu neigen. Die Sertolli-Zellen sind entlang
der Hodenkanälchen aufsitzende Stützzellen des Samenepithels, die der
Ernährung der reifenden Samenzellen dienen. Die von ihnen ausgehenden
Tumoren sind meist gutartig (benigne), etwa 10 % entarten und werden
bösartig (maligne). Bei den im Leistenkanal liegenden Hoden sind häufig
die spermatogenen Zelllinien von Tumorbildung betroffen, Leydig-
Zelltumore sind in der Regel gutartig, die Seminome, die von den
Samenkanälchen ausgehen, jedoch maligne und von diffuser Form, sie wachsen
häufig in Lymph- und Blutgefässe ein..
Deutlich höher ist bei den abdominalen Hoden das Risiko der Hodentorsion,
der Hodenverdrehung. Übermäßiges Wachstum und fehlende oder verzögerte
Rückbildung des Hodenleitbandes findet vor allem im Leistenkanal statt,
ein Leistenbruch kann die Folge sein.
Bei kryptorchiden Rüden kann es zu Hyperöstrogenismus kommen, welcher zu
Hautveränderungen führen kann. Der Kryptorchismus kann
Verhaltensauffälligkeiten nach sich ziehen, Angstverhalten begünstigen und
mit zunehmendem Alter zu Aggressivität führen.
Die tierärztliche Behandlung eines kryptorchiden Rüden ist sinnvoll, vor
allem mit Blick auf das deutlich erhöhte Risiko, Hodentumore zu
entwickeln.
Mittels HCG- oder GnRH- Stimulationstest wird der Testosteronspiegel
unmittelbar vor und nach der damit verbundenen Hormongabe gemessen. So
kann bei nicht erfolgtem Hodenabstieg zwischen kryptorchiden und
anorchiden Rüden unterschieden werden, Monorchie ist so nicht
diagnostizierbar. Mit einer Ultraschalluntersuchung wird versucht, die
Lage, Form und Größe des bzw. der nicht abgestiegenen Hoden festzustellen,
sehr kleine Hoden sind dabei jedoch manchmal nicht auffindbar.
Die Möglichkeit, den Hodenabstieg durch Hormongaben auszulösen, ist in
einigen wenigen Fällen gegeben, die größten Erfolge wurden bei Rüden im
Alter von 2 -4 Monaten erzielt. Wenn dies nicht möglich oder erfolgreich
ist, sollte der Hund operiert werden.
Eine Operation wird sich danach richten, wie der Besitzer des Hundes die
gemeinsame Mensch-Hunde- Zukunft geplant hat. Bei einem Haus- und
Familienhund ohne besondere Arbeitsaufgaben wird der kryptorchide Hoden in
der Regel operativ entfernt und im Zuge der Operation durch Entfernung des
zweiten Hoden (Kastration) oder Unterbrechung der Samenleiter für
Zeugungsunfähigkeit Sorge getragen, um eine Weitervererbung sicher
auszuschließen.
Für einen Rüden, der als Leistungs- oder Showhund eingesetzt werden soll,
ist das Erscheinungsbild eines äußerlich intakten Rüden wichtig, um in der
Bewertung eine Chance zu haben. Dies kann, vor allem, wenn der Rüde noch
jung ist, mittels einer vom Chirurgen durchgeführten Verlagerung des
Hodens in den Hodensack und dortiger Fixation (Orchidopexie) geschehen,
allerdings kann es nötig sein, diese Operation in zwei Sitzungen
durchzuführen, um die Gefäße nicht zu straff zu spannen. In vielen Fällen
entwickelt sich bei jungen Hunden der in den Hodensack verlagerte Hoden
während der nächsten 12 bis 20 Wochen von der Größe her weiter, sogar bis
hin zur normalen Größe. Es obliegt allerdings der Verantwortung des
Besitzers und auch des Chirurgen, dafür zu sorgen, dass ein derartig
operierter Rüde keine Nachkommen mit derselben Veranlagung zeugt, am
besten durch eine Unterbrechung der Samenleiter (Vasektomie). Ist ein
Hoden bereits so verändert, dass diese Operationsmethode nicht mehr Erfolg
versprechend ist, kann der betreffende Hoden auch entfernt und eine
Hodenprothese aus Silikon eingesetzt werden, an die sich die Hunde meist
innerhalb weniger Wochen gewöhnen. Auch in diesem Fall sollte
sichergestellt werden, dass dieser Rüde nicht erfolgreich decken kann.
Diese interessante Seite einem Freund senden
zurück |