| Lebershunt (portosystemischer
Shunt)
Definiert wird der portosystemische Shunt als eine funktionsfähige
Verbindung der Pfortader zum großen Kreislauf. Diese funktionsfähige
Verbindung, deren Name aus den lateinischen Begriffen Vena portae für
Pfortader und Shunt für Nebenschluss abgeleitet ist, umgeht die Leber und
ist ganz vereinfacht gesagt, so etwas wie eine Kurzschlussverbindung
zwischen Pfortader und dem großen Kreislauf.
Die Bedeutung dieses Kurzschlusses für einen Organismus wird leichter
verständlich, wenn man sich zunächst den „normalen“, funktionierenden
Körper in Erinnerung ruft. Im Regelfall wird das Blut des Magens, des
Darms, der Milz und der Bauchspeicheldrüse in einer großen Ader
zusammengeführt und über die Leberpforte in die Leber geleitet (etwa zwei
Drittel des Leberblutes). Dort fließt das Blut über ein verästeltes System
durch die gesamte Leber und wird von all den Stoffen gereinigt, die zuvor
in den anderen Organen aufgenommen wurden. Diese Stoffe sind zum einen
notwendige Baustoffe für den Stoffwechsel, zum anderen aber auch
Giftstoffe wie beispielsweise Ammoniak, der bei der bakteriellen,
ureaseabhängigen Proteinverdauung entsteht. In der Leber, der
Stoffwechsel- und Chemiezentrale des Körpers, werden die Baustoffe so
aufbereitet, dass sie der Versorgung des Körpers zur Verfügung stehen, und
die Giftstoffe gefiltert, der Ammoniak wird beispielsweise zu Harnstoff
entgiftet.
Gibt es nun eine angeborene oder erworbene fehlerhafte Entwicklung bei der
Leberdurchblutung sind die Auswirkungen auf den Organismus gravierend,
denn es fehlen auf der einen Seite zu Erhalt bzw. Wachstum wichtige
Energiequellen (der Hund „kümmert“) während auf der anderen Seite
unsichere und schädliche chemische Verbindungen nicht ab- bzw. umgebaut
werden können und so bis ins Gehirn vordringen können. Ammoniak ist ein
Neurotoxin, im Gehirn verursacht er Störungen und sogar Krämpfe. Aus
aromatischen Aminosäuren wie Methionin entsteht im Stoffwechsel Mercaptan,
ein so genannter Komastoff, der im Zentralen Nervensystem zu
Bewusstseinstörungen führt. Neben diesen führen noch viele andere toxische
Stoffe, die aus dem Darm stammen, im Gesamten zu einer schleichenden
Vergiftung (Intoxikation) des gesamten Körpers, die sich vor allem in
zentralnervösen Störungen äußert wie Krampfanfällen, Störungen der
Motorik, übermäßigem Speichelfluss (Hypersalivation).
Shunts werden unterschieden nach ihrer Entstehung und Lage. Es gibt
erworbene und angeborene (congenitale) Shunts. Letztere bedingen sich
häufig in einem nicht oder nicht vollständig erfolgten Verschluss des
ductus venosus, eines großen Shunts, der das Blut im Fetus schnell durch
die fetale Leber zum Herzen des Ungeborenen transportiert. Denn im
Mutterleib wird die Leberfunktion des Fetus nicht benötigt, die Leber der
Mutter übernimmt die Aufgaben Toxine herauszufiltern, Zucker zu speichern
oder Proteine herzustellen. Der ductus venosus verschließt sich
normalerweise kurz vor oder nach der Geburt, wenn die Leber des kleinen
Lebewesens zu arbeiten beginnt. Passiert dies nicht, spricht man von einem
persistierenden Ductus Venosus oder einem congenitalen intrahepatischen
(in der Leber liegenden) Shunt. Die andere Möglichkeit, wie ein
angeborener Shunt entsteht, ist eine Abnormalität in der Entwicklung eines
Blutgefäßes außerhalb der Leber, das dafür sorgt, das Pfortaderblut nicht
in sondern außerhalb der Leber weitergeleitet wird, medizinisch ein
congenitaler extrahepatischer Shunt.
Beim congenitalen Shunt fehlen der Leber auch Wachstumsreize, die ihr
normalerweise mit dem Blut zugeführt werden und die in der Mehrzahl aus
der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) stammen. Die Leber bleibt daher im
Vergleich zum wachsenden Körper zu klein (Mikrohepathie), dies lässt sich
radiologisch und im Ultraschall nachweisen.
Der erworbene Shunt entsteht aus einer Druckerhöhung in der Pfortader,
häufig hervorgerufen durch eine Lebererkrankung wie die Leberzirrhose oder
–fibrose. In der Folge bilden sich Kollateralkreisläufe, in der Praxis
finden sich in diesem Fall oft mehrere Shunts, welche häufig außerhalb der
Leber (extrahepatisch) liegen.
Portosystemische Shunts werden seit den siebziger Jahren zunehmend
häufiger diagnostiziert, dabei gibt es eine Rassedisposition, oft
betroffen sind Terrierartige (Yorkshire, Cain, Jack Russel etc.), Pudel,
Malteser, Schnauzer aber auch Irische Wolfshunde, Bobtail, Dobermann,
Labrador und Golden Retriever. Dabei neigen die Hunde kleiner Rassen zu
extrahepatischen (außerhalb der Leber liegenden) Shunts, bei den großen
Rassen finden sich vorwiegend in der Leber liegende Gefäßmissbildungen.
Bekannt ist, dass die Krankheit vererbbar ist, der genaue Erbgang ist
jedoch (noch) nicht vollkommen geklärt, vermutlich rezessiv, sicherlich
aber polygen. In den Zuchtverbänden werden neben den betroffenen Tieren
meist auch die Wurfgeschwister und die Elterntiere aus der Zucht genommen.
Die meisten Hunde mit einem angeboren portosystemischen Shunt zeigen
bereits in den ersten Lebensmonaten erste Symptome, manchmal dauert es
aber auch bis zu zwei Jahre, bis die Krankheitsanzeichen auftreten. Für
den Besitzer schwierig ist die Vielzahl der unterschiedlichen Symptome,
die auftreten können, auch ihre Ausprägung ist nicht immer gleich.
Vielfach gibt es auch Phasen, Stunden oder sogar Tage, an denen es dem
Hund gut geht, alles völlig normal erscheint. Bei einigen Tieren lässt
sich ein Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und
Befindens-Verschlechterung herstellen, bei manchen Tieren äußert sich das
Vorhandensein des Shunts zunächst nur in ungewöhnlich langen
Erholungszeiten nach Narkosen oder Beruhigungsmitteln, etwas, wofür es
noch andere Ursachen geben kann.
Mögliche Krankheitsanzeichen eines Shunts sind:
| Aktivitätsniveau: |
der Hund ist sehr ruhig, wirkt vielleicht schon fast träge, wird
schnell müde |
| Ausscheidungen: |
Appetitlosigkeit, Erbrechen, manchmal Durchfall, Hund trinkt
viel und uriniert viel, manchmal Anzeichen einer Harnwegsentzündung,
teilweise mit Blut im Urin (verursacht durch aus nicht entgifteten
Stoffwechselschlacken entstehende Biuratsteine u.ä. |
| Entwicklung: |
Verzögertes Wachstum, also kleiner, schwächer, magerer
schwache Muskelentwicklung
|
| Gehirn / ZNS |
Speichelfluss Störungen des Gangbildes und der gesamten Motorik,
Sehstörungen, Orientierungslosigkeit, Unempfänglichkeit für
Ansprache, epilepsieartige Krampfanfälle, spontanes Einschlafen,
Kopf an Gegenstände pressen |
Besteht bei einem Hund der Verdacht auf das Vorliegen
eines portosystemischen Shunts, können sich aus Laboruntersuchungen
weitere Hinweise ableiten. Bei vielen Hunden mit congenitalen Shunts
finden sich erniedrigte Gesamtprotein, Harnstoff und Albumin
Konzentrationen im Blut, mitunter leichte Anzeichen einer Blutarmut
(Anämie) oder erniedrigte Werte bei den roten Blutkörperchen. Teilweise
sind die Leberenzyme (AST / ALT) etwas erhöht oder Blutzuckerwerte
erniedrigt, der Ammoniakgehalt ist hingegen oft hoch.
Gute Hinweise liefert auch der Vergleich der Ammoniak- und
Gallensäure-Konzentrationen nüchtern und etwa zwei Stunden nach der
Nahrungsaufnahme. Gallensäuren werden in der Leber produziert und in der
Gallenblase gespeichert, bis sie zu Mahlzeiten benötigt werden. Sie
werden dann in den Darm freigesetzt um Fette aufzuspalten und dann
später in der Leber wieder herausgefiltert und an die Gallenblase
geleitet. Da bei Hunden mit Shunt ein Teil des Blutes nicht durch die
Leber fließt, weisen fast alle diese Tiere erhöhte Gallensäurewerte zwei
Stunden nach der Nahrungsaufnahme auf, 95 % der Tiere sogar noch nach
12stündigem Fasten. Die Futteraufnahme kann auch mit einem Medikament
„simuliert“ werden, Blut kann in diesem Fall schon nach zwanzig Minuten
erneut entnommen werden.
Bei der Urinuntersuchung findet sich oft verdünnter Urin, eine Infektion
oder sogar Ammoniumbiurat-Kristalle.
Am aussagefähigsten ist ein spezieller Ammoniak-Test, für den der Hund
mindestens 12 Stunden nüchtern sein muss und nur Wasser zu sich genommen
haben darf. Dem Hund wird Blut entnommen, dann eine genau bestimmte
Menge in Wasser gelöstem Ammoniumchlorid verabreicht und nach 30 Minuten
nochmals Blut entnommen. Beim gesunden Hund sollte der Wert unter 45
µmol/l liegen, aus der Praxis weiß man, dass die Grenze auch etwas
darüber sein kann, von Welpen mit NH3-Werten zwischen 45 und 60 µmol/l
hat die Mehrheit keinen Shunt. Daher werden weitergehende Untersuchungen
meist erst ab 60 µmol/l NH3 gemacht. Hunde, die von dieser
Labor-Richtnorm abweichen, also trotz recht niedrigen NH3-Wertes einen
Shunt haben oder trotz hohen Wertes eben keinen, gibt es in der Praxis
jedoch immer wieder.
Die Darstellung eines Shunts mittels eines bildgebenden Verfahrens setzt
neben einer sehr guten Geräteausstattung vor allem einen äußerst
erfahrenen Tierarzt voraus, daher werden derartige Untersuchungen meist
an Tierkliniken durchgeführt. In fast jeder Tierarztpraxis ist es aber
vorweg schon möglich, ein normales Röntgenbild des Bauches zu erstellen,
anhand dessen Aussagen über die Größe der Leber getroffen werden können.
Ist diese für Gewicht und Körpergröße des Hundes eigentlich zu klein,
kann dies bereits ein weiterer Hinweis auf einen Shunt sein.
Optimal ist die Darstellung eines Shunts mittels Ultraschall, da hier
der Hund meist nicht sediert werden muss und das Verfahren in keinster
Weise belastend ist. Eine weitere Alternative ist die Darstellung des
Shunts mittels Röntgenbild, hierfür wird vorher ein Kontrastmittel
verabreicht, um die Blutgefäße darstellen zu können (Angiographie).
Möglich ist auch die Berechnung der Blutmenge in Herz und Leber und ein
Vergleich der beiden, hierfür muss ein radioaktiv angereichertes
Kontrastmittel gegeben werden. Bei diesem Verfahren (Szinitgraphie) kann
der Tierarzt jedoch häufig nur sagen, ob ein Shunt vorhanden ist, nicht
aber, ob sich dieser inner- oder außerhalb der Leber befindet.
Die Behandlung eines Tieres mit der Diagnose „portosystemischer Shunt“
ist möglich, diese hat jedoch lediglich lebensverlängernde Effekte, eine
echte Heilung ist nur mittels einer (kostspieligen und riskanten)
Operation möglich. Allerdings gibt es Hunde, bei denen die Operation
nicht in Frage kommt, bei erworbenen portosystemischen Shunts kann der
Umweg des Blutes meist nicht geschlossen werden, da dies noch größere
Probleme hervorrufen würde. Nicht operabel ist ein Shunt auch bei
Hunden, die nicht narkosefähig sind oder deren Gefäßmissbildung sehr
ungünstig liegt. Diese Tiere werden kein normales Lebensalter erreichen,
da es irgendwann vermutlich zu einer schweren Leberfunktionsstörung mit
Leberfibrose / Leberzirrhose kommt. Dennoch können diese Tiere noch über
einen längeren Zeitraum ein lebenswertes, schmerz- und beschwerdefreies
Leben führen, wenn sich der Tierhalter an eine strenge Diät hält und
sorgsam Medikamente verabreicht.
Die Diät besteht, da viele Toxine im Darm ja aus der Eiweißverdauung
stammen, aus einer protein- und fettarmen Ernährung, der Proteingehalt
des Futters liegt idealerweise auf 18 % oder weniger der
Trockensubstanz. Die Tiere benötigen sehr hochwertiges Protein aus Milch
und Pflanzen, tierische Nebenerzeugnisse, die oft in Futtermitteln
enthalten sind, eignen sich nicht für Shunt-Patienten. Das Futter sollte
ausreichend natürliche Antioxidanzien zur Verfügung stellen bei
niedrigen Kupfer- und Eisenwerten. Einige Hersteller von Tiernahrung
bieten spezielle Leber-Diäten an, die sich gut eignen, vor allem bei
größeren Rassen sicherlich eine Kostenfrage.
Um insgesamt die Menge der Toxine zu verringern, die aus dem Darm
aufgenommen wird, wird Lactulose gegeben. Hierdurch wird der ph-Wert im
Darm verändert, was für gewisse Bakterien ungünstigere Bedingungen
schafft, im gesamten wirkt Lactulose auch anregend auf die Verdauung, so
dass die Darmpassage der Nahrung beschleunigt wird. Da ein zuviel an
Lactulose allerdings zu Durchfällen führt, gilt es, die genau richtige
Dosis herauszufinden, um einen weichen, aber geformten Stuhlgang zu
erhalten. Häufig werden zusätzlich noch Antibiotika eingesetzt, da diese
als Nebenwirkung die toxinproduzierenden Bakterien im Darm reduzieren.
Kommt es während der Behandlungszeit, vielleicht weil der Hund sich
heimlich irgendwo ausgiebig „bedient“ hat, zu einem akuten Anfall, so
kann mittels Infusionen und / oder Darmspülungen viel dafür getan
werden, dass die zugeführten Giftstoffe möglichst rasch wieder
ausgeschieden werden.
Die operative Korrektur eines Shunts bietet keine einhundertprozentige
Chance auf Heilung, manche Quellen nennen 90 %, eine Studie an der
Klinik für kleine Haustiere der Freien Universität Berlin ergab eine
Erfolgsquote von fast 80 %. Ähnliche Zahlen gibt es auch von der
Universität Gießen, wobei generell bei außerhalb der Leber liegenden
Shunts die Erfolgschance besser ist als bei innen liegenden
Gefäßmissbildungen. Ein Shunt kann meist nicht mit sofortiger Wirkung
verschlossen werden, da dies zu einem lebensbedrohlichen Druckanstieg im
Pfortadersystem führen würde. Moderne Operationsmethoden ermöglichen es
aber in einer Vielzahl der Fälle, dennoch mit einem Eingriff
auszukommen. Hierfür wird um das Shunt-Gefäß ein „Ameroid Constictor
Ring“ gelegt, ein Metallband mit einem inneren Ring aus getrocknetem
Milcheiweiß. Dieses quillt nach und nach im Körper durch Flüssigkeit auf
und verschließt so den Shunt zunehmend. Der Körper seinerseits reagiert
auf das Anlegen des Metallbandes mit einer kleinen Entzündung, meist
bildet sich Körpergewebe um den Ring und unterstützt den Verschluss des
Gefäßes. Ein so operiertes Shuntgefäß ist innerhalb eines Zeitraums von
wenigen Tagen bis zu drei, vier Wochen vollkommen verschlossen.
Konventioneller ist die Methode, das Shuntgefäß mittels einer Ligatur,
also mit Nahtmaterial, so weit wie möglich zu verschließen. Hier kann
nach einigen Monaten eine Nach-Operation erforderlich sein, wenn das
Ergebnis nicht so gut ausfällt, wie erwünscht.
Ein stationärer Aufenthalt des Tieres für einige Tage ist erforderlich,
da eine intensive Überwachung der Laborwerte und des Zustandes nötig
sind und bei manchen Hunden in den ersten drei, vier Tagen Krampfanfälle
unbekannter Ursache auftreten können.
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