Myasthenia gravis pseudoparalytica (kurz MG)
Diese deutsch auch schwere Muskelschwäche genannte Erkrankung wird zu den
Autoimmunerkrankungen gezählt, da ihre Ursache eine fehlgesteuerte
Reaktion des Immunsystems ist. Gekennzeichnet ist die Myasthenie durch
eine abnorme Ermüdbarkeit der Muskulatur. Die Symptome sind
belastungsabhängig und schmerzlos.
Im gesunden Körper wird an der Kontaktstelle zwischen Nerv und Muskel, den
so genannten Endplatten, der Botenstoff Acetylcholin ausgeschüttet. Dieser
wird von den Rezeptoren der motorischen Endplatte der quergestreiften
Muskulatur aufgenommen und so das Aktionspotential weitergeleitet, das
dazu führt, dass Muskeln kontrahieren, sich zusammenziehen. Im Verlauf der
Erkrankung kommt es zu einer Reduktion der Acetylcholin-Rezeptoren, die
Struktur der motorischen Endplatten wird verändert.
Bei der Myasthenia gravis binden sich fehlgesteuerte Antikörper an die
Rezeptoren der quergestreiften Muskulatur, das Acetylcholin kann daher
nicht aufgenommen werden und den Muskeln fehlen wichtige Informationen /
elektrische Impulse.
Die Myasthenia gravis ist sowohl beim Menschen, wie auch beim Hund, der
Ziege und anderen Tieren wie Katzen bekannt. Es ist eine eher seltene
Erkrankung, der erste beim Hund beschriebene Fall geht auf das Jahr 1961
zurück. Der Verlauf gestaltet sich meist sehr individuell, von
Verbesserung, Phasen des Stillstands (Remission) bis hin zu
Verschlechterung ist alles möglich. Dementsprechend schwierig bis
unmöglich ist es, Prognosen über den Verlauf beim jeweiligen Betroffenen
(Mensch oder Tier) abzugeben.
Bei Hunden werden eine angeborene Form der Myasthenie und eine erworbene
unterschieden. Die angeborene (kongenitale) Myasthenie ist recht selten,
sie tritt gehäuft bei Jack-Russel- und Fox-Terrieren auf, aber auch beim
Springer Spaniel. Meist treten erste Krankheitszeichen schon in der 6. bis
8. Lebenswoche auf, der Erbgang ist autosomal-rezessiv.
Die erworbene Form findet sich häufiger bei Deutschen Schäferhunden,
Labrador Retrievern und Golden Retrievern. Als Auslöser vermutet man neben
einem mulitfaktoriellen Geschehen eine genetische Prädisposition sowie
Thymome (Tumore des Thymus, einem Organ des Lymphsystems, der Thymus ist
bei Säugetieren im Mittelfell zu finden, beim Menschen oberhalb des
Herzens, etwa hinter dem Brustbein). Die Erkrankung findet sich häufiger
bei jüngeren Hunden (erstes bis viertes Lebensjahr) und älteren
Vierbeinern (ab dem 9. Lebensjahr).
Krankheitszeichen sind meist lokale Muskelstörungen, bei einer Vielzahl
von Fällen (etwa 80 %) ist vor allem die Speiseröhre betroffen. Es
entwickelt sich in der Folge ein Megaösophagus (Aufweitung der
Speiseröhre), welcher häufig zum Wiederhochkommen von (unverdauten)
Speisen führt (Regurgitieren), da die Nahrung den Magen gar nicht oder nur
in Teilen erreicht. Eine ganz große Gefahr bei einem bestehenden
Megaösophagus ist die Aspirationspneumonie, also eine Lungenentzündung,
hervorgerufen durch starke Entzündungsreaktionen auf eingeatmete
Nahrungsbestandteile.
Recht häufig sind auch Störungen des Lidschlussreflexes (vermindert,
schnell ermüdbar).
Beim Menschen wurde die Erkrankung bislang pragmatisch unterteilt in die
okuläre Myasthenie, die generalisierte Myasthenie
leichter/mittlerer/schwerer Ausprägung und die paraneoplastische
Myasthenie beim Vorhandensein eines Thymoms. Die amerikanische
Myasthenia-gravis-Gesellschaft, MGFA, hat eine Modifikation dieser
Klassifikation vorgeschlagen. Danach wird die Erkrankung in fünf
verschiedene Stadien eingeteilt, das erste ist die reine okuläre
Myasthenia gravis, bei der nur die Augenmuskeln betroffen sind. Das
Stadium II ist die leichte bis mittelschwere Generalisierung, bei der
Muskeln am ganzen Körper betroffen sind. Vom Stadium III, der
mittelschweren Generalisierung, spricht man, wenn Muskulatur des ganzen
Körpers unter Einbeziehung der Atemmuskulatur betroffen ist. Das Stadium
IV ist die schwere generalisierte Myasthenie, im Stadium V ist der Patient
intubationsbedürftig.
Beim Hund äußert sich die generalisierte Form der Myasthenia gravis in
schneller Ermüdbarkeit, steifem Gang bis hin zur Lähmung der Hinterbeine
oder sogar aller vier Beine. Ein Megaösophagus ist häufig vorhanden. Nach
einer Erholungsphase verschwinden die Bewegungsstörungen meist, treten
jedoch bei Belastung bald wieder auf.
Die Erkrankung Myasthenia gravis reagiert auf eine Vielzahl von
Lebensumständen, sehr heftige Reaktionen treten meist auf, wenn das
Immunsystem direkt betroffen ist, beispielsweise durch einen Infekt oder
Stress angeregt wird. Einfluss kann aber auch die Wetterlage und die
individuelle psychische Verfassung nehmen. Dies kann (vor allem bei
bestehender Atmungssymptomatik und / oder höherem Lebensalter und anderen
Vorerkrankungen) zu teilweise schweren Krisen führen, die mitunter
lebensbedrohlich werden können. Von einer myasthenen Krise spricht man,
wenn akute Lähmungserscheinungen und / oder Megaösophagus auftritt,
teilweise verbunden mit Atemnot (Dyspnoe).
Beim Menschen weiß man, dass gewisse Medikamente ebenfalls Einfluss auf
die Myasthenie nehmen. Dazu gehören manche Antibiotika, aber auch gewisse
Herzmedikamente, einige Antirheumatika, manche auf das Zentrale
Nervensystem wirkende Medikamente, diverse Hormone, manche Narkosemittel
und einige andere Wirkstoffe, wie Muskelrelaxantien, jodhaltige
Kontrastmittel, magnesiumhaltige Medikamente etc. Entsprechende Listen
stehen im Internet zur Einsicht zur Verfügung, z.B. bei der Deutschen
Gesellschaft für Neurologie http://www.dgn.org/fileadmin/leitl05/tab1/71TB_Myasthenia.pdf
Bei Hunden mit Myasthenie sollten diese Medikamente ebenfalls möglichst
nicht verwendet werden.
Myasthenia gravis ist nicht heilbar, es können lediglich die Symptome
behandelt werden, unter anderem durch den Einsatz von Immunsuppressiva.
Wird ein Thymom diagnostiziert, kann die operative Entfernung angeraten
sein.
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