Neosporose
Der Begriff Neosporose fällt häufig im Zusammenhang mit der Haltung von
Rindern. Die Infektion mit dem ursächlichen Einzeller Neospora caninum
führt bei Rindern zu einer erhöhten Abort-Wahrscheinlichkeit. Es gibt zwei
mögliche Infektionswege für das Rind, zum einen die vertikale Übertragung
(Erreger wird von der Mutter auf die Nachkommen weitergegeben über
zirkulierende Entwicklungsstadien, die Tachyzoiten) oder die horizontale
Übertragung (orale Aufnahme von Neospora-Oozysten über Futter oder
Wasser). Da der Hund sowohl Zwischen- als auch Endwirt für Neospora
caninum sein kann und als Endwirt auch infektionsfähige Dauerstadien des
Erregers, die Oozysten, ausscheiden kann, ergab sich hieraus die
Diskussion über die Gefährlichkeit von Hundekot auf Rinderweiden.
Die Neosporose ist nach derzeitigem Wissensstand keine Zoonose, wird also
nicht vom Tier auf den Menschen übertragen. Die Erkrankung ist in vielen
Ländern nachgewiesen worden, von einer weltweiten Verbreitung muss
ausgegangen werden.
Erst 1988 erhielt das Neospora caninum seinen Namen in den USA,
beschrieben wurde das zu den Kokzidien gehörende Sporozoon bereits 1984 im
Zusammenhang mit einer neurologischen Erkrankung bei Hunden in Norwegen,
konnte damals aber nicht klassifiziert werden. Dennoch ist die Neosporose
keine neue Erkrankung, retrospektive (rückblickende) Untersuchungen haben
gezeigt, dass diese Erkrankung bereits Ende der 50er Jahre bei Hunden in
den USA auftrat, vor 1988 wurde jedoch meist fälschlicherweise
Toxoplasmose diagnostiziert. Toxoplasma gondii und Neospora caninum
verursachen als zystenbildende Kokzidien in erster Linie eine
neuromuskuläre Erkrankung des Wirtstieres und sind sich nicht nur vom
Krankheitsbild sondern auch von der Morphologie her ähnlich.
Seit 1998 ist der Entwicklungszyklus von Neosporose caninum geklärt, es
gibt zwei Stadien des Erregers, die Tachyzoiten und die Bradyzoiten. Die
Tachyzoiten finden sich in vielen verschiedenen Zellen, die Bradyzoiten
liegen in Zysten und kommen nur in neuronalem Gewebe vor. Der Zyklus
verläuft fakultativ (nicht zwingend) zweiwirtig (Zwischen- und Endwirt).
Der Parasit weist ein großes Zwischenwirtssspektrum auf, klinische Fälle
wurden bei Schafen, Ziegen, Wildtieren, Pferden, Rindern und sogar einem
Rhinozeros beschrieben. Spezifische Antikörper zeigten in Untersuchungen
auch Wasserbüffel, Rot- und Graufüchse, Kojoten, katzenartige Raubtiere
(Feliden) und Kamele. Die Infektion eines Zwischenwirtes erfolgt über die
orale Aufnahme von Oozysten aus dem Kot von Endwirten. Der Parasit lagert
sich im Gewebe des Wirts ein, in Muskulatur, Gehirn oder anderen Organen.
Die Infektion kann über die Plazenta vom weiblichen Tier an die Nachkommen
weitergegeben werden (transplazentare Übertragung). Ein infiziertes Tier
muss nicht erkranken, es kann lebenslang Träger sein, ohne Symptome zu
zeigen. Es besteht jedoch die Möglichkeit, dass die Erkrankung bei einer
auftretenden Schwächung des Immunsystems, beispielsweise als Folge von
Stresssituationen oder medikamentösen Behandlungen, auftritt.
Wird nun das Gewebe eines mit Neosporose caninum befallenen Zwischenwirts
von einem Endwirt verspeist, so entwickelt sich im Darm die
Vermehrungsform, etwa 5 bis 13 Tage vergehen bis zur Ausscheidung von
Oozysten.
Hunde können, wie bereits erwähnt, sowohl Zwischen- als auch Endwirt sein.
Durch die Weitergabe des Parasiten von der trächtigen Hündin auf die Föten
können die Welpen als Zwischenwirte geboren werden. Endwirt kann ein Hund
werden, der Neospora-haltiges Gewebe aufnimmt. Ob eine natürliche
Infektion des Hundes durch die orale Aufnahme von Oozysten möglich ist,
ist bisher nicht nachgewiesen, der Ansteckungsweg bei erwachsenen Tieren
ist in vielen Bereichen noch unklar.
Die Diagnose der Neosporose ist nicht einfach, da Verwechslungen u.a. mit
der Toxoplasmose möglich sind. Die auftretenden Symptome werden zwar von
Neospora caninum ausgelöst, beruhen aber meist nicht auf dem Parasiten
selbst, sondern auf von ihm hervor gerufenen Entzündungsreaktionen. Dauern
diese Entzündungen über längere Zeit an, wird das Nerven- und Hirngewebe
irreversibel (unwiderruflich) geschädigt
Vom klinischen Erscheinungsbild her stehen neurologische Symptome im
Vordergrund, häufig aufsteigende Lähmungen (Paralysen) der Hinterhand, die
Lähmung kann sich auf die vorderen Gliedmaßen ausweiten (Tetraplegie).
Möglich sind auch Schluckbeschwerden, Kopfschiefhaltungen, Lähmungen des
Kiefers, Muskelschwäche, Herzinsuffizienz und Pneumonie
(Lungenentzündung), ferner Atemnot, Durchfall, Störungen der
Bewegungskoordination (Ataxie), Zittern (Tremor), Halbseitenlähmung
(Lähmung einer Körperseite, Hemiparese) und Seheinschränkungen (Hemianopsie).
Schwere Symptome zeigen häufig junge Hunde mit einer bereits angeborenen (kongenitalen)
Infektion, plötzliche Todesfälle sind möglich. Bei älteren Hunden finden
sich öfter Zeichen einer generalisierten Infektion mit ZNS-Beteiligung,
einer entzündlichen Erkrankung der zentralen Nervenwurzeln des Rückenmarks
(Radikulitis) und der peripheren Nerven (Polyradikulitis), Polymyositis
(systemische entzündliche Erkrankung der Skelettmuskeln) und multipler
Organbeteiligung. In der Literatur sind Fälle mit ausgeprägten
Hauterscheinungen in Form von ulzerierender (geschwüriger),
nekrotisierender (Gewebe stirbt ab) Dermatitis beschrieben.
Besteht der Verdacht auf Neosporose, können mit einem serologischen Test
(indirekter Immunofluoreszens-Antikörpertest, kurz IFAT) Antikörper gegen
Neospora caninum nachgewiesen werden. Das Vorhandensein von Antikörpern
ist jedoch kein Beweis dafür, dass ein Befall mit Neospora caninum
ursächlich für die Symptome ist, da die Möglichkeit einer latenten,
symptomlosen Infektion besteht. Es besteht die Möglichkeit einer Punktion
des zentralen Nervenkanals und der Entnahme von
Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis). Aus dem Liquor
kann ebenfalls der Antikörpertiter bestimmt werden, möglicherweise kann
auch bei der zytologischen Untersuchung eine Meningoenzephalitis
(Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten) aufgezeigt werden. Können anderer
Erkrankungen wie Toxoplasmose, Staupe, Tollwut, Vergiftungen und anderes
ausgeschlossen werden, kann die Diagnose in der Praxis aus den klinischen
Erscheinungen, dem positiven Titer und einem möglichen Therapieerfolg
abgeleitet werden. Da es Hunde gibt, die die Neosporose überleben, sollten
Therapieversuche durchgeführt werden, je früher eine Therapie einsetzt,
desto größer sind die Chancen auf Erfolg. Eingesetzt werden Clyndamycin
oder Kombinationen mit potenzierten Sulfonamiden und Pyrimethamin. Die
medikamentöse Behandlung sollte sich über Wochen erstrecken, teilweise
sogar Monate. Der Heilungserfolg kann neben der Verbesserung der Symptome
auch über den Titerverlauf kontrolliert werden. Zurückbleiben können
allerdings meist geringfügige Haltungs- oder Gangartfehler.
Es gibt keine Schutzimpfung bei Neospora caninum und aufgrund des noch in
weiten Teilen ungeklärten Ansteckungswegs bei erwachsenen Tieren auch
keinen wirklich wirksamen Schutz.
Die gesicherte Infektion der Föten über die Plazenta einer titerpositiven
Hündin könnte jedoch ausgeschlossen werden, wenn eine derartige Hündin
nicht mehr zu Zuchtzwecken eingesetzt wird (eine positive Hündin kann die
Erkrankung bei jeder Trächtigkeit auf die Jungtiere übertragen). Bei
Hunden im ländlichen Bereich sollte zudem sichergestellt werden, dass sie
keine Möglichkeit haben, Abortmaterial oder Nachgeburten zu fressen, um
nicht zum Zwischenwirt zu werden.
Als Prävalenz bezeichnet man Häufigkeit einer Krankheit oder eines
Symptoms in einer Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Zum
Neospora-Befall bei Hunden gibt es aus den verschiedenen Ländern
unterschiedliche Zahlen. Serologische Untersuchungen ergaben für England
einen Wert von 13 %, für die Schweiz wurden 8 % ermittelt.
In Österreich wurden zwischen Ende 2001 und Ende 2002 1170 Hundeseren auf
Antikörper getestet. 3,56 % wurden positiv getestet, das Geschlecht
scheint für eine Infektion keine Rolle zu spielen, auch nicht, ob ein Tier
kastriert ist oder nicht. Relevant für das Testergebnis kann aber der
Wohnort des Hundes sein, aufgeteilt nach der Stadt Wien und den
Bundesländern ergab sich für Wien ein Prozentsatz von nur 2,1 % gegenüber
5,31 % in den Bundesländern. Interessant ist, dass diese Studie eine mit
dem Alter der Hunde zunehmende Durchseuchungsrate ergab, von den bis 6
Monate alten Tieren wurden nur 0.1% positiv getestet, bei den ein- bis
vierjährigen 0,3 % und bei den vier- bis siebenjährigen Hunden lag der
Wert bereits bei 0,8 %.
Kaum Zahlenmaterial gibt es hinsichtlich der Ausscheidung von Oozysten von
Neospora caninum durch Hunde – von 2001 bis 2004 wurden in Deutschland
11.586 Kotproben von Hunden auf das Vorkommen hin untersucht und lediglich
in 0,009 % der Proben konnten Neospora-Oozysten nachgewiesen werden. Dass
der Nachweis so selten gelingt, liegt auch daran, dass die Patenz
(Ausscheidungsphase) kurz und die Anzahl der Oozysten gering ist.
Neuere Untersuchungen kommen daher zu dem Schluss, dass die Gefahr von
Neospora-Infektionen bei Rindern nicht hauptursächlich im Kot von
Spaziergängerhunden auf Weiden und Futterflächen bedingt sind, zentraler
Punkt scheint auch hier die Weitergabe von Infektionen (Kuh auf Kalb)
innerhalb des Bestands zu sein.
Diese interessante Seite einem Freund senden
zurück
|