| Spondylosis deformans (Spondylose)
In der Literatur findet sich eine Vielzahl von Begriffen (Synonyme) für
die diese Erkrankung der Wirbelsäule, wie Spondylitis deformans traumatica,
Spondylopathia deformans, Spondylose, Spondylarthrosis deformans,
Spondylitis ossificans deformans, Spondylarthritis, Ankylosing spondylitis,
Spondylosis deformans, Spondylitis deformans, Spinal osteoarthritis,
Spondylitis, Syndesmitis ossificans und Deformative ossifying spondylitis,
Hypertrophic spondylitis, Bamboo back.
Zwei eigenständige Erkrankungen der Wirbelsäule, die Spondylose und die
Spondylarthrose, werden in vielen Internettexten nicht klar voneinander
abgegrenzt. Spondylarthrose ist die Arthrose der kleinen Wirbelgelenke
(Facettengelenke), Spondylose ist eine sich langsam entwickelnde,
degenerative Erkrankung der Wirbelkörper, bei der im Röntgenbild knöcherne
Zubildungen (Osteophyten) darstellbar sind.
Spondylosis deformans tritt bei Menschen und Tieren gleichermaßen auf, bei
den Hunden sind vielfach die Vertreter großer Rassen betroffen. Über eine
Häufung dieser Erkrankung wurde speziell bei den Rassen Deutscher Boxer,
Deutsche Dogge und Deutscher Schäferhund in der Literatur berichtet und
darauf verwiesen, dass bereits Jungtiere dieser Rassen ein hohes
Spondyloserisiko haben. Erstmals erwähnt wurde die Erkrankung 1933 von A.
Pommer, der diese Wirbelsäulenerkrankung Spondylitis ossificans deformans
bzw. „chronische Wirbelsäulenversteifung“ nannte und darunter den Prozess
verstand, bei dem „die Wirbelkörper durch knöcherne Brücken - Synostosen –
miteinander verbunden werden“.
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9 jährige Siberian Husky Hündin mit hochgradiger
Spondylose
Brustwirbel/Lendenwirbelsäule |
Die Wirbelsäule ist der Hauptträger des Skeletts und ist in mehrere
Abschnitte unterteilt. Beim Hund besteht die Halswirbelsäule aus 7
Halswirbeln (vertebrae vervicales), die Brustwirbelsäule aus 12 – 14
(gewöhnlich 13) Brustwirbeln (vertebrae thoracicae), die Lendenwirbelsäule
aus 7 (manchmal 6) Lendenwirbeln (vertebrae lumbales). Das sich
anschließende Kreuzbein stellt sich beim Hund als unregelmäßiger Würfel
aus 3 Kreuz(bein)wirbeln (vertebrae sacrales) dar, gefolgt von den 20 – 23
Schwanzwirbeln (vertebrae caudales) der Schwanzwirbelsäule. Die
Wirbelkörper (Corpus vertebrae) sind jeweils über eine Bandscheibe und
zwei Bänder (Ligamentum longitudinale dorsale und ventrale) untereinander
verbunden.
Hauptsächlich betroffen von der Spondylose sind die Brust- und
Lendenwirbelsäule.
Von Schmorl u. Junghanns (1957) über Cohrs (1970) oder Hoerlein (1971) hin
zu Romatowski (1986), Dietz (1991) sowie Langeland u. Stigen (1994) wird
die Spondylosis deformans als eine nichtentzündliche, aseptische, sich
langsam entwickelnde, degenerative Wirbelsäulenerkrankung, die zu einer
Versteifung der Wirbelsäule durch knöcherne Fixierung der Wirbel führt,
beschrieben. Charakteristisch ist die Bildung von Osteophyten an den
Rändern auf den Wirbelkörpern an den Endplatten der Intervertebralräume
(Räume zwischen den einzelnen Wirbelkörpern, wo sich die Bandscheiben
befinden). Knöcherne Sporne können diese Spalten überbrücken und kommen
als lokale oder generalisierte Läsionen (Schädigung, Verletzung oder
Störung einer anatomischen Struktur oder Funktion) beim älteren Menschen
und Tier (Hunden, Katzen, Pferden, Rinderbullen, Ursiden, Walen, etc.)
vor. Außerdem treten sie in unterschiedlichen Größen von kaum sichtbaren
Knochenauswüchsen bis zu großen Brücken auf, die den Intervertebralspalt
überspannen. Die Oberfläche der knöchernen Zubildungen (Osteophyten) ist
glatt, ähnlich wie Zuckerguss.
In der Literatur werden verschiedene Meinungen vertreten, was die Ursache
der für die Spondylose charakteristischen knöchernen Zubildungen an den
Wirbeln ist.
Lange Zeit glaubte man, ursächlich sei eine Entzündung oder eine
vorangegangene Infektionskrankheit wie eine Staphylokokken-Infektion, dies
ist jedoch nach heutigem Wissen nicht zutreffend.
Für die Entstehung sind nach SAERS u. PRIEUR (1975) dynamische und
mechanische Faktoren ausschlaggebend. Durch dauernde oder übermäßige
Kompression, Zug-, Rotations- oder Scherbewegung auf den Stütz- und
Bandapparat der Wirbelsäule, vor allem auf die Bandscheiben und
Intervertebralbänder, würde es zu partiellen Rupturen (Zerreißung, Riss)
im Gewebe kommen. Diese häufigen Mikrotraumen (z.B. Zerrungen) würden zu
einer Faservermehrung im Periost (den Knochen bedeckende bindegewebige
Hülle) der ventralen (zur Vorderseite des Körpers gewandten) Wirbelseite
und des Ligamentum longitudinale ventrale führen (COHRS 1970, EICHELBERG
u. WURSTER 1982). Es bilden sich im Faserverlauf des Periostes Exostosen
(abgegrenzte Zubildung von kompakter Knochensubstanz mit Wachstum nach
außen aus), die sich vergrößern und aufeinander zuwachsen können. Die
vergrößerten Osteophyten (Knochensporne) haben das Aussehen von
Papageienschnäbeln und ragen in den Intervertebralraum, unter den nächsten
Wirbelkörper, greifen zahnartig ineinander oder verschmelzen miteinander.
Die Fasern des Ligamentum longitudinale ventrale können als Brücke dienen.
Die Osteophyten können bis unter den nächsten Wirbelkörper wachsen, sich
mit dem Osteophyten dieses nächsten Wirbelkörpers verbinden, wobei sich
oft Knocheninseln bilden. Sollten die Osteophyten sich beiderseits
seitlich über die Zwischenwirbelscheibe ausprägen, können sie zu einer
massiven Knochenplatte verschmelzen. Damit wäre das Endstadium, die
Bambuswirbelsäule oder flämische Säule, erreicht. Manchmal werden die
Wirbelbogengelenke mit ergriffen. Nach EICHELBERG u. WURSTER (1982) wurde
beim Tier eine rheumatoide Komponente noch nicht nachgewiesen. Außerdem
folgern diese beiden Autoren, dass sich aus einer hochgradigen Spondylosis
deformans sekundär eine Spondylarthrosis deformans entwickeln kann, wenn
an den kleinen Wirbelgelenken Umbauvorgänge ablaufen. Andere Quellen
halten eine sich gleichzeitig mit der Spondylosis deformans entwickelnde
Spondylarthrose für möglich.
In der Humanmedizin wurde in den 30er Jahren als Ursache der Spondylose
eine Elastizitätseinbuße des Zwischenwirbelscheibengewebes angegeben,
wobei sich alle Belastungen und Bewegungen auf den anliegenden Knochen
ungemildert und unverteilt übertragen. In den nachfolgenden Jahrzehnten
konnte dies jedoch nicht bestätigt werden, die größten allgemeinen
Randwulstbildungen, also das typische Bild der Spondylosis deformans,
fanden sich meist bei Wirbelsäulen mit nur geringen
Zwischenwirbelscheibendegenerationen und gut erhaltenem Gallertkern. Bei
hochgradigen Zwischenwirbelscheibenzermürbungen waren meist die
Randwulstbildungen weniger stark.
Schmorl (Schmorl u. Junghanns 1957) fand heraus, dass auslösende Ursache
für den Beginn der Spondylosis deformans nicht Bandscheibendegenerationen
sind, sondern die Abtrennung des Randleistenanulus von der
Wirbelkörperrandleiste. Als Randleistenanulus bezeichnete Schmorl die
äußersten Ringschichten des Faserringes, die in die
Wirbelkörperrandleisten mit SHARPEY`schen Fasern einstrahlen. Reißen
Fasern des Randleistenanulus in größerer Ausdehnung von der Randleiste ab,
dann ist der feste Zusammenhalt zwischen Wirbelkörper und Bandscheibe
zerstört. Die Haltetätigkeit muss dann beim Tier vom Ligamentum
longitudinale ventrale übernommen werden, an dessen Ansatzstellen sich
infolge der Überbelastung Knochenzacken ausbilden. Die Randzacken sitzen
also nicht am eigentlichen Rande des ausgebildeten Wirbelkörpers, sondern
entspringen an der Stelle aus der Wirbelkörperaußenfläche, an der sich
während der Wachstumszeit Wirbelkörper und knorpelige
Wirbelkörperrandleiste berühren. Die beginnenden Randzacken entwickeln
sich gerade an der Stelle, da sich hier das die Randleiste überbrückende
Längsband wieder an den Wirbelkörper fest anheftet. Denn genau an dieser
Stelle werden die Zerrungen durch das vor gepresste Bandscheibengewebe und
durch die unphysiologischen Bewegungen wirksam.
Spondylosis deformans erklärt Romatowski (1986) als Folge eines
Zusammenbruchs der Befestigung der peripheren SHARPEY ´schen Fasern am
Wirbelrand. Bandscheibenmaterial tritt hervor und dadurch streckt sich der
Ligamentum longitudinale ventrale. Es kommt zur Entwicklung von
Osteophyten an den belasteten Befestigungspunkten des Bandes am Wirbel.
Bailey u. Morgan (1983) erklären die Ursache der Spondylosis deformans als
einen Verlust der distanzhaltenden Funktion des Gallertkerns der
Bandscheibe. Die Zwischenwirbelscheibe beginnt unter dem Druck der
Endplatten der Wirbelkörper zentral Knochengewebe auszubilden. Bei
großwüchsigen Hunderassen halten die Autoren eine Konstitutionsschwäche
der Bänder für eine zusätzliche Ursache für die nachlassende Spannung des
Wirbelbogens. Durch das Absinken des Wirbelbogens wird der ventrale Gurt
überbeansprucht. Daher treten die ersten Veränderungen der Spondylosis
deformans stets ventral auf. Sie bestehen in einer Faservermehrung im
ventralen Periost, womit auch der Umbau der Wirbelkörperendplatten
einsetzt, die sich durch Zubildung von Knochengewebe verstärken. Danach
setzt die Bildung von Randexostosen ein, die im Faserverlauf des Periostes
liegen. Im weiteren Verlauf vergrößern sich die Exostosen, wachsen
aufeinander zu, dehnen sich aus und verschmelzen miteinander.
Schmerzen treten bei der Spondylose oft schubweise auf, im Anfangsstadium
vor allem durch Verspannungen der Rückenmuskulatur. Durch die Zubildung
von kompakter Knochensubstanz (Exostosen) kann es zu Zerrungen und
Überdehnungen der den Knochen bedeckenden bindegewebigen Hülle (Periost)
kommen, die hieraus entstehenden Irritationen verursachen ebenfalls
Schmerzen. Schmerzhaft sind auch das Aufeinandertreffen von Exostosen,
gebrochene Brücken oder die Bildung von Arthrosen der kleinen
Wirbelgelenke sein.
Selten können die Knochensporne (Osteophyten) auch die Austrittsstellen
von Nerven (foramina intervertebralia) einengen, überqueren oder
umwachsen. Es kann dadurch zu neurologischen Ausfällen in Form von
Instabilität (vor allem Hinterhandschwäche) und Auswirkungen auf die
unteren Harnwege, Schwanz und Anus kommen.
In vielen Fällen wird die Diagnose Spondylosis deformans als Zufallsbefund
einer Röntgenaufnahme gestellt. Oft zeigen auch Tiere mit deutlichen
knöchernen Spornen keine Symptome, also keine Veränderungen im
Allgemeinbefinden oder im Gang. Es gibt aber auch Fälle, in denen
deutliche Beschwerden vorhanden sind trotz nur geringgradiger
röntgenologischer Veränderungen. Eine Zunahme der Beschwerden in
irgendeiner Form wurde bei Tieren ab acht Jahren beobachtet (Studie beim
Deutschen Boxer, Mühlebach u. Freudiger 1973).
Auftretende Symptome können Steifheit, Rundwölbung der Wirbelsäule
(Kyphose) und Verspannung der Rückenmuskulatur, Beschwerden beim Aufstehen
nach längerer Ruhe, Niederlegen, Treppensteigen und Beinheben sein.
Erkrankte Tiere lehnen teilweise den Galopp als schnellste Gangart und oft
auch das Springen ab. Bei manchen Bewegungen (Spiel, Fall etc.) kann es zu
unwillkürlichen Schmerz-Lautäußerungen kommen. In extremen Fällen ermüden
die Hunde rasch, folgen unwillig, stehen oder gehen nur kurz und setzen
sich dann oft schnell hin. In der Literatur sind Fälle beschrieben, bei
denen Hunde beim Berühren der Brust- und Lendenwirbelsäule wimmern und
schreien.
Die Symptome können durch verschiedene Maßnahmen gelindert werden, diese
reichen von Homöopathie, Physiotherapie über entzündungshemmende bis hin
zu schmerzstillenden Medikamenten, auch Goldakupunktur ist möglich.. Die
Therapie wird sich immer am konkreten Einzelfall orientieren, wie Menschen
empfinden auch Hunde Schmerz sehr unterschiedlich.
In Ausnahmefällen kann auch ein chirurgischer Eingriff sinnvoll sein,
beispielsweise bei Rückenmarks- oder Nervenwurzelkompressionen. Möglich
ist es auch, zwei betroffene Wirbel miteinander zu „verplatten“, durch
diese Immobilisierung der Wirbel entfällt der durch die Reibung der
aufeinander zuwachsenden, knöchernen Zubildungen hervorgerufene Schmerz.
Möglich ist auch die operative teilweise oder vollständigen Entfernung des
Wirbelbogens (Laminektomie).
Auf die Lebenserwartung eines Hundes nimmt die Diagnose Spondylose keinen
direkten Einfluss. Viele der betroffenen Hunde leben ohne Einschränkungen
mit dieser Wirbelsäulenveränderung bis zu ihrem natürlichen Tod.
Je nach Röntgenbefund und /oder auftretenden Symptomen kann es sinnvoll
sein, wenn der Halter eines betroffenen Hundes darauf achtet, dass der
Hund nicht zu sehr tobt, nicht mit gar zu ungestümen Artgenossen spielt
oder durch „Aufreiten“ belästigt wird. Einen Hund mit Schmerzsymptomatik
sollte der Halter auch vor Mitmenschen bewahren, die gerne herzhafter auf
einem Hunderücken „tätscheln“.
Dennoch sind Hunde mit Spondylose ganz „normale“ Hunde, die ihren
Möglichkeiten nach ausgelastet und beschäftigt werden wollen, auch wenn
der zugehörige Halter oft Sorge hat, die Aktivitäten könnten einen
erneuten Schmerzschub auslösen.
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