Gedanken zur Hundeerziehung unter Berücksichtigung der Abstammung vom Wolf und der wahrscheinlichen Domestizierung

 

Von Roland Glatz 

Am 27. April 02 besuchten wir (meine Frau, die beiden Fellgesichter "Bärle" und "Lucky" und ich) ein Tagesseminar mit Erik Zimen, dem Canidenforscher. Die Thematik lautete 

"Vom Wolf zum Hund" 

und die Schlussfolgerungen, die wir daraus im Umgang mit unseren Vierbeinern gewinnen können. 

Beim Eintreten in den Saal ließ Zimen seinen Hund einfach frei. Der Rüde begrüßte sofort eine ihm bekannte Artgenossin auf Hunde-/Wolfsart, wie eine alte Bekannte die ins Rudel zurückkehrt. 

Was Zimen damit zeigen wollte, war einfach die Tatsache, dass unsere vierbeinigen Lieblinge, trotz der Domestikation, Zucht und Auslese in den letzten ca. 15.000 Jahren, unabhängig von der Rasse, immer noch zum Großteil Wölfe geblieben sind. 

Das führt dazu, dass wir das Erbe unserer Fellgesichter in Erinnerung rufen sollten. über die Abstammung unserer Hunde gibt es wohl keine weiteren Fragen: der Vorfahr ist der Wolf. Diese Tatsache sollten wir vor allem in Hinblick auf die soziale Struktur der Familiengemeinschaft Wolfsrudel nicht aus dem Blick verlieren. In dieser hierarchischen Ordnung gibt es eine Beziehung von oben nach unten. Wie wichtig diese einfache Erkenntnis für uns ist zeigt sich im täglichen Umgang mit unseren Fellgesichtern. Wir Hundehalter sollten also diese Rudelordnung akzeptieren und sie uns zu Nutze machen, denn im Gegensatz zu uns Menschen können Hunde/Wölfe diese Rudelbeziehung nicht durchbrechen. Dabei spielt es keine Rolle ob Irischer Wolfshund oder Zwergpudel. Bitte lernt daraus und berücksichtigt ständig die Tatsache: 

Hunde sind für die Demokratie ungeeignet. 

Im nächsten Abschnitt wurde auf die Domestizierung des Hundes eingegangen. Erstaunlicherweise setzte die Begleitung des Menschen durch den Wolf/Hund weltweit fast gleichzeitig nach der letzten Eiszeit ein. Man könnte sagen, eine Allianz zweier zum überleben geeigneter Arten.

Wobei ich es interessant fand, dass abweichend von der allgemeinen Meinung, der Mensch hat den Wolf domestiziert, es sich wohl eher anders darstellt. Vermutlich erfolgte der Anschluss des Wolfes an den Mensch allmählich. Die ersten "Hunde" waren Lager- oder Pariawölfe, die sich in der Nähe der Menschen von deren Jagd- und Lagerabfällen leichter als in freier Wildbahn ernährten.

Man spekuliert, dass in Folge Frauen verlassene Welpen mit ihrer Muttermilch gemeinsam mit ihren Kindern aufgezogen haben und die Welpen auf diese Art und Weise in den Verband der Familie integriert haben. Als Beleg wurden archäologische Darstellungen aus, über die ganze Welt verteilten Kulturen, gezeigt. Es war immer das gleiche Motiv: eine Frau, die an einer Brust ihr Kind und an der anderen Brust ein Welpen säugt. Noch heute gibt es Naturvölker in Asien und Afrika, bei denen zu jedem Kind, nach der Geburt, sofort ein Welpen beigegeben wird.

Der Nutzen in der Vergangenheit lag auf der Hand. Der Wolf/Hund konnte sich relativ leicht ernähren, das Lager wurde von den Tieren sauber gehalten und wohl auch, bedingt durch die überlegenen Sinne der Tiere, im gewissen Maß auch geschützt.

Als Schlussfolgerung aus dieser, überzeugend vorgetragenen These, verabschieden wir Männer uns besser von der Vorstellung, dass wir den Wolf als Jagdgefährten ausgewählt und gezähmt haben, sondern unsere Frauen haben den Wolf durch ihr Verhalten "gebändigt" und in das "Menschenrudel" einbezogen. Erst in der weiteren Folge wurden dann die Fähigkeiten des Wolfes/Hundes erkannt und die Tiere gezielt als Arbeitstier und Jagdgefährte genutzt. 

Im nächsten Abschnitt wurde uns bewusst gemacht, dass zwischen Mensch und Wolf/Hund einige Gemeinsamkeiten bestehen.

Beide Arten sind in erster Linie "Rudeltiere" und können, im Regelfall allein nicht dauerhaft leben. Diese Eigenschaft hat es ermöglicht, dass Mensch und Hund eine Lebensgemeinschaft bilden.

Der zweite wesentliche Punkt ist die Anpassungsfähigkeit von Mensch und Wolf/Hund an annähernd alle Lebensräume und Lebensumstände. Aus dieser Eigenschaft hat der Mensch den Hauptnutzen gezogen, denn in allen Lebensräumen hat der Mensch bei der Besiedelung weltweit immer einen zuverlässigen, arbeitwilligen Begleiter gehabt.

Erstaunlich und in der Natur sehr selten sind diese Gemeinsam- und Vielfältigkeiten allerdings erst wenn man sie bewusst betrachtet und nicht nur als gegeben hinnimmt.

Man kann also ruhig behaupten, überall wo der Mensch sich hinbegeben hat, war der Wolf schon da oder ist ihm, entweder frei oder als Ableger Hund gefolgt. 

Diese drei einleitenden Abschnitte führten dann zu dem Teil des Seminars, den man mit dem Titel überschreiben kann: "Leute, wie geht ihr mit eurem Hund um, und wie solltet ihr ihn eigentlich behandeln."

Zu aller erst sollten wir bedenken, dass wir Menschen es sind, die ein 8 -12 Wochen altes Welpen aus seinem Rudel, seinem sozialen Umfeld, trennen und ihn in ein total anderes Umfeld einfügen.

Die meisten von uns bieten diesem Lebewesen sicher eine liebevolles, beschütztes Umfeld und einen Platz in einer Familie. Nach meinem dafürhalten, die einzige vernünftige Form der Hundehaltung "Familie und nicht Zwinger!". Aber ist das alles was ein Hund von uns, neben Selbstverständlichkeiten wie hoffentlich artgerechte Ernährung und Gesundheitsvorsorge, erwarten darf oder anders gefragt: Wir ihm geben müssen?

Nach der Meinung des Vortragenden, sehr vieler Seminarteilnehmer und auch nach meiner Ansicht, reicht diese Grundeinstellung nicht aus, um die Bedürfnisse unserer Fellgesichter zu befriedigen.

Aus der Betrachtungsweise unserer Hunde, sind wir keine Menschen, sondern zweibeinige Rudelgefährten. Was heißt das für uns in der Schlussforderung?

Bei allen Handlungen mit dem Hund sollten wir nicht vergessen, das Tier versteht unsere Sprache nicht, sondern wir müssen uns ihm verständlich machen. Unter Berücksichtung dieses Grundsatzes, betrachten wir uns dazu, den Ursprung aller Hunde, das Wolfsrudel. Neben aller gemeinsamen Aktionen innerhalb des Rudels, wie Spielen, Ruhen, Jagen und vieles mehr, tritt ein besonderes Merkmal hervor: Das "Sagen" hat der Alphawolf und die Alphawölfin, und zwar uneingeschränkt. In der weiteren Rangordnung hat jedes Tier seinen Platz. Jedes Individuum in dieser Familie kennt seinen Status und wird diesen auch im Sinne der Lebenserhaltung akzeptieren.

Die Erkenntnis daraus heißt für uns Menschen: "Macht eurem Hund klar, wer das Leittier ist und legt die Rangordnung fest!", Es können in einer Familie nur die Menschen sein, die über dem Tier stehen und als "unterstes" Mitglied der Hund,

Diese These soll aber nicht sagen, knüppelt eure Hunde nieder, NEIN, beachtet bitte, unsere Lieblinge verstehen unsere Sprache nicht, sie sehen und hören aus unserer Körpersprache und unserem Verhalten mehr als wir untereinander damit ausdrücken können,

Mit ganz einfachen Gesten und Verhaltensweisen zeige ich zum Beispiel meinen beiden Fellgesichtern, dass ich der "Chef' bin,

Als Erstes: Selbstbewusstsein darstellen und die Menschen in der Familie voranstellen. Eine typische Situation ist folgend hier aufgeführt. Leider kann ich meine Hunde nicht jeden Tag mit zur Arbeit nehmen. An diesen Tagen kommt meine Frau vor mir von der Arbeit heim. Jedes Mal, wenn ich die Wohnung betrete, kommt einer oder auch beide Hunde an die Tür. Was tun? Ich ignoriere die zwei einfach (kein Blick, keine Berührung) und begrüße als erstes meine Frau, dann die Hunde, und zwar in der Reihenfolge ihres "Rudelstatus". Also erst unsere Akitahündin "Bärle" und dann unseren Sib. Husky "Lucky", Ich zeige deutlich, durch das Ignorieren (der "Rudelführer" bestimmt die Kontaktaufnahme zu sich), das der "Rudelführer da ist und zweitens, durch die Reihenfolge der Begrüßung, festige ich die "Rangordnung" im "Rudel",

Eine weitere Maßnahme seine Position als "Chef' zu stärken ist das Füttern, In der Praxis werden unsere tierischen Freunde in einem regelmäßigen Rhythmus versorgt. Dies ist in der Natur ja nicht der Fall. Wenn es was zu fressen gibt, frisst das Alphapaar zuerst.

Soll in der Familie heißen erst essen die Menschen, dann die Hunde. Lässt sich das im Alltag so realisieren ist es kein weiteres Problem, Für den Fall, dass dies nicht klappt eine kleine weitere Hilfe. Bevor ihr eure(n) Hund(e) füttert stellt am gleichen Platz an dem ihr das Futter zubereitet eine Kleinigkeit für euch parat. Es bietet sich Obst oder Gemüse an, denkt an eure Figur. Richtet das Futter her. Aber bevor ihr den/die Vierbeiner versorgt, lasst sie beim Verspeisen eurer Kleinigkeit zuschauen, im Anschluss gibt's Futter für die Fellgesichter.

Eine dritte Maßnahme ist noch zu erläutern. Nach Meinung des Hundeforschers, ich schließe ihr mich uneingeschränkt an, hat der rangniedere Hund nichts auf gleicher Höhe des "Rudelführers" zu suchen. Oder wie ich es gelesen habe und treffender nicht ausdrücken kann:

" Ist der Hund auf der Couch/dem Bett bin ich auf dem Schrank!". 

Als nächstes, für Herrn Zimen und auch für viele andere, steht das Kapitel Erziehung. Stellt sich die Frage: "Was und Wie?"

Als erstes "Was". Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten. Was will ich von meinem Hund und was will ich für einen Hund? Nur einen Begleiter, einen Sportsfreund und Partner oder einfach einen Familienhund?

Was jedoch alle Hundhalter anstreben sollten, ist ein Hund, der gegenüber Menschen und Artgenossen gut sozialisiert ist!

Ausbildungsarten, die ich strikt ablehne ist der Schutzhund oder das gedrillte Sportgerät, welche dann wohl eher Maschinen als Lebewesen sind. 

Was sich nach eingehender Diskussion herausgestellt hat, was jeder Hund können sollte, sind die Kommandos "SITZ/ggf. PLATZ", "BEI FUSS" und "KOMM/HIER". Sinn und Zweck dieser Empfehlung ist recht leicht zu begründen.

"SITZ/ggf. PLATZ": ein Hund, der sitzt oder liegt springt z.B. nicht unbedacht in auf die Fahrbahn oder an anderen, besonders ängstlichen Menschen hoch.

"BEI FUSS" macht es dem Hund leichter in ungewöhnlichen Situationen (Menschenmengen; Eisenbahnfahrten etc.) den Kontakt zu seinem "Rudelführer" (der in den Augen des Hundes ja alles weiß) zu halten.

"KOMM/HIER" macht es uns Menschen leichter, sollte der Hund an der langen Leine oder frei laufen, bestimmte Situationen zu entschärfen. Nennen kann man da z.B. unbekannte Hunde, ängstliche Mitmenschen oder gar aufspringendes Wild.

über das, wie die Ausbildung sein sollte, kann man, zumindest mit mir, nicht diskutieren. Es darf im Umgang mit Mensch und Tier keine körperliche Gewalt geben.

Was von uns gefragt ist, ist Geduld, Liebe zum Tier und Ausdauer. Ich persönlich sage dazu: "liebevolle Konsequenz". Wie ist das zu verstehen oder wie sieht das in der Praxis aus?

Jede positive Leistung wird umgehend belohnt (Wurststückchen haben sich da sehr bewährt). Negative Leistung wird ignoriert, aber nicht bestraft. Die übung aber wiederholen, geduldig und ohne Druck. Bei Erfolg belohnen und loben. Sollte es mal nicht klappen, auch nicht so schlimm. Beachtet aber bitte: eine übungseinheit soll immer mit einem positiven Erlebnis für den Hund beendet werden. Also zur Not noch eine leichte übung und dem Hund mit Belohnung und Lob die Freude an der Ausbildung erhalten.

Nach einer gewissen, individuelle "Arbeitszeit" macht bitte eine Spielpause. Zum Beispiel Zerr- und Beißspiele mit einer Beißwurst (aber nur wenn der Mensch gewinnt). Danach vielleicht noch mal einen kleinen Ausbildungsabschnitt.

Man erkennt also Lob, Belohnung und Spiel sind notwendige Erziehungshilfen, körperliche Gewalt und Druck absolut unnötig. Allerdings sind Geduld und Ausdauer gefragt. Dem Ungeduldigen und Jähzornigen sei empfohlen "Legt euch keinen Hund zu"

Manchmal sind aber auch strengere Maßnahmen, speziell bei der Alltagserziehung, notwendig. Aber auch dort gilt "Keine Gewalt!". Bei Drängeleien beim Füttern hilft zum Beispiel Wegschieben der Schnauze mit der Hand, Wegschieben, nicht treten, mit dem Fuß oder, wenn ausgebildet, die ganze Meute sitzen lassen, so dass man wieder Handlungsfreiheit hat.

Als letzte und schärfste Maßnahme bei Ungehorsam, dies gleicht aber auch einer Situation wie vor einem Kampf zwischen Hunden, gilt für mich das "Vieraugengespräch". Wenn unbedingt notwendig halte ich den Hund am Kopf fest und schaue ihm starr in die Augen, und zwar solange, bis er wegschaut oder den Blick senkt. Das sollte jedoch nur derjenige machen, der sich sicher ist, lange diese Situation auszuhalten. Bei einem selbstbewussten Hund sind da schon mal 5 - 10 Minuten nötig. übrigens: wer zuerst wegschaut verliert, denkt an euren Status als "Rudelführer". Und, ganz wichtig, nie bei fremden Hunden, schlimmstenfalls kommt es dort zum Angriff.

Der nächste Punkt auf diesem Seminar ist genauso wichtig wie die Integration und die Erziehung des Hundes in der menschlichen Gemeinschaft. Das einzig passende Schlagwort dafür lautet "Lasst die Hunde auch Hunde sein!"

Hunde brauchen neben Schlafen, Fressen, Spielen und Kontakt zu seinem Menschenrudel auch ihre Freiräume als Hunde.

Das fängt bereits beim Spazierengehen an. Für unsere Fellgesichter ist es wichtig, mal hier und mal dort zu riechen. Was für uns eine Morgenzeitung ist, ist für die Hunde das "Lesen" der Geruchsspuren in ihrem Umfeld. Je seltener sie wo sind, desto interessanter. Also wechselt gelegentlich die Wegstrecken und denkt nicht nur an das Abspulen von Kilometern, euer Hund wird es euch danken.

Die nächste wichtige Situation ist die Begegnung mit anderen Hunden. Fragt doch einfach Hundebesitzer, die euch begegnen, ob er mit einer Kontaktaufnahme zwischen den Tieren einverstanden ist. Meistens ist es ja doch nur ein kurzes Beschnüffeln des Kopf- und Analbereichs Dann wissen die Tiere genug von einander und jeder zieht seines Weges. Im schlimmsten Fall zieht man die Hunde auseinander, bestenfalls fangen sie an zu spielen. Seht es einfach praktisch: 15 Minuten Spiel unter Hunden ersetzt eine Stunde Spaziergang.

In diesem Zusammenhang habe ich aus dem Seminar noch eine weitere wichtige Lehre gezogen. "Wir Menschen sind häufig zu besorgt um unsere Hunde."

Wie ich dabei gelernt habe sind Rangeleien zwischen den Vierbeinern, die wir schon als Kampf sehen, im Sinne der Tiere noch harmlose Radau- und Showveranstaltungen, die auch der Rangordnung dienen. Danach wird im Regelfall, ohne unser Dazutun, ganz harmlos miteinander umgegangen.

Nur in äußerst seltenen Fällen kommt es zum ernsten Kampf. Dann gehen aber deutliche Aggressionszeichen voraus z.B. Augenstarren, also eher leise als laut. Spätestens jetzt sollte man eingreifen und die Tiere trennen. Kommt es zum Kampf hilft wohl nur eins Zitat ;"Jetzt hilft nur noch ein solider Stock!" und dann ohne Hemmung zuschlagen. Wohl die einzige Methode, um die Kämpfer zu trennen. übrigens sind Hündinnen dabei meist schlimmer als Rüden.

Zum Schluss möchte ich zusammenfassend sagen, dieser Seminartag hat sich für uns Menschen auf jeden Fall, für unsere Hunde in den praxisbezogenen, aktiven Vortragspausen, gelohnt. Das bereits Gewusste und das Erlernte ergänzte sich in unserem Fall in überzeugender Art und Weise mit dem, an diesem Tag gehörten und gesehenen.

Zugegeben, verschiedene Punkte waren mir vorher auch nicht bewusst, aber ich habe mit dem Gelernten bisher nur gute Erfahrungen gesammelt.

Ich hoffe mit diesem Bericht euch die eine oder andere Anregung gegeben zu haben und damit euch und euren Hunden einen kleinen Dienst zu erweisen.

 

Ergänzend zu diesen Thesen kann ich nur die Lektüre "S.A.M." empfehlen.

 

 

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