Die Mehr-Hundehaltung

Die zwiespältige, skeptische Einstellung der Vermittler, die trotz Bemühens um Neutralität manchmal durchklingt, wenn ein Interessent im telefonischen Vorgespräch oder bei der Anfrage per email erwähnt, dass er bereits zwei, drei, vier oder mehr Hunde sein eigen nennt, möglicherweise sogar aktiv Schlittenhundesport betreibt, ist das Resultat der täglichen, viele Jahre andauernden Arbeit.

Niemand kann und will bestreiten, dass es Hundehalter gibt, denen das Leben mit den Nordischen sehr wichtig ist, so wichtig, dass vielleicht das Wort „Passion“ hier richtig ist. Es gibt unbestritten Halter, die sechs, acht, zehn oder noch mehr Hunde ihr eigen nennen und das Wesen jedes dieser Hunde kennen, die zu jedem Hund den Namen samt Lebenslauf und alle bedeutenden Vorkommnisse und Erkrankungen seines Lebens parat haben. Halter, die die Schwächen und Stärken eines jeden einzelnen Charakters ihres Rudels kennen und zu jedem einzelnen eine Beziehung haben. Bei diesen Haltern finden sich auch in Ehren und Würde alt gewordene Hunde, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewegt und gefordert werden. Bertreiben diese Halter aktiv Sport, so sehen sie sich als Team mit ihren Hunden, wissend, dass Erfolg oder Misserfolg das Ergebnis gemeinsamer Arbeit ist. Auch außerhalb der Saison werden die Hunde gut versorgt und beschäftigt, die Hunde haben Sozialkontakte und großzügige, interessant ausgestattete Freiläufe. Eine unkontrollierte Vermehrung ist nicht im Sinne ihrer Halter und wird daher zuverlässig verhindert. In der Regel haben diese Hunde Papiere und erfüllen auch von den Impfungen her alle Anforderungen, die von Seiten der Sportverbände gestellt werden.

Doch mit derartigen Haltern und ihren Hunden hat ein Tierschutzverein in der Regel wenig bis gar keinen Kontakt. Tierschützer sind eher für geplatzte Träume, schlecht organisierte Vorgehensweisen bis hin zu Dummheit und Gleichgültigkeit zuständig. Die Gründe, warum eine Mehrhundehaltung „abrutscht“, sind vielfältig und es ist unmöglich, hier alle aufzuzählen, einige häufig Vorkommende sollen trotzdem genannt werden. Manches Mal war die Zucht geplant, die in eine unkontrollierte Vermehrung ausuferte, deren Folgen die Betroffenen nicht mehr „Herr“ wurden, manchmal ist es der Traum vom eigenen Schlittenhunde-Team, der ohne viel Fachwissen und noch weniger Sachverstand angefangen und so zum Scheitern verurteilt war. Gerade hier ist oft eine erschreckende Gleichgültigkeit und Kaltherzigkeit den Hunden gegenüber festzustellen, als trügen diese die Verantwortung an der entstandenen Misere. Manchmal ist es auch nur Gutmütigkeit, die Unfähigkeit „nein“ sagen zu können, die dazu führt, dass die Zahl der Hunde überhand nimmt und die Versorgung nicht mehr gewährleistet ist, der Aufnehmende dem einzelnen Individuum nicht mehr gerecht werden kann. Wirtschaftliche Gründe, Verlust von Partner oder Arbeitsplatz, manchmal sogar beidem, führen ebenfalls oft Rudel in Notlagen.

Die Abgabe von ganzen Rudeln gehört in der Vermittlungsarbeit zu den am meisten gefürchteten Anliegen, denn es gilt meist, rasch eine Lösung für eine Vielzahl von Hunden zu finden, deren Zustand oft alles andere als befriedigend ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es häufig auch nicht der Halter der Hunde ist, der vorstellig wird, sondern eine Haltung im Zusammenhang mit schlechten äußeren Bedingungen als „Tierschutz-Fall“ gemeldet wird. Manche Meldungen werden mit Fotos untermauert, manche nicht, ernst genommen wird jede dieser Mitteilungen. Vor Ort wird versucht, sich ein Bild der Hundehaltung zu verschaffen, eine Momentaufnahme, die manchmal nur zu dem Ergebnis kommt, dass wohl persönliche Gründe Anlass waren, den Tierschutz einzuschalten, aber auch leider oft zeigt, dass vieles im Argen liegt,. Die weitere Vorgehensweise hängt von den sonstigen Umständen ab, manche Halter sind gesprächsbereit, andere wieder nicht. So ist manches rasch gelöst und anderes zieht sich über Jahre hin, ohne zu einem befriedigenden Endergebnis zu kommen, der rechtliche Weg, einem Tier zu helfen ist langatmig und oft vollkommen unverständlich.

Doch nicht nur der Weg, einem in Not geratenen Rudel helfen zu können, ist oft ein Abenteuer, auch die Aufnahme selbst wird häufig zu einem ebensolchen, in vielerlei Hinsicht. Oft sind die Informationen über die einzelnen Hunde im Vorfeld dürftig, aussagefähige Beschreibungen der Tiere nicht zu erhalten, manchmal fehlt es schon an genaueren Altersangaben und verlässlichen Angaben zum Gesundheitszustand. Dementsprechend schwierig ist die Platzierung solcher Hunde, manch Pflegestelle hat hier schon unvergessliche Überraschungen erlebt (was natürlich auch bei der Abgabe von Einzelhunden passiert). Bei einer Aufnahme in die Station führt die Umplatzierung oft zu Unruhe im Rudel, manchmal entstehen daraus Unverträglichkeiten, wo vorher keine waren, für die es dann, meist ohne noch viel Ausweichmöglichkeiten zu haben, Lösungen zu finden gilt. Richtig bitter und das oft nicht nur in finanzieller Hinsicht, wird meist der tierärztliche Checkup – häufig fallen neben den ohnehin schon kalkulierten Kosten für Entwurmungen, Chip, Impfungen und Kastrationen noch jede Menge weitere Ausgaben an. Traurig daran ist, dass vieles sich im Vorfeld hätte anders regeln lassen, manches, was nun chronisch und den Hund einschränkend ist, hätte früher behandelt ein anderes Ergebnis haben können – dahinter steht meist vermeidbarer Schmerz, den ein Tier erleiden musste. Und unsagbar deprimierend ist, wenn festgestellt werden muss, dass die Hilfe viel zu spät kommt und das einzige, was noch getan werden kann, das Begleiten eines schmerzlosen Abschieds in eine andere Welt ist.
Die Vermittlung der einzelnen Rudelmitglieder an gute Plätze ist mal einfacher mal schwieriger, je nachdem, wie hoch die Ansprüche an die zukünftigen Halter durch die Vorgeschichte der Hunde sind. Nicht zwingend muss dabei aus einem Sporthund ein Sofa-Husky werden, aber er soll einen Platz bekommen, an dem er mit all seinen Bedürfnissen als Einzelner wahrgenommen wird und entsprechend seinem Charakter zufrieden leben kann.

Erfahrungen mit in Not geratenen Rudeln hinterlassen Spuren bei denjenigen, die den Kontakt zu den Interessenten halten, manch düsteres Szenario der Vergangenheit drängt sich unwillkürlich in die Gedanken, wenn die Nachfrage nach einem weiteren Mitglied für ein „größeres“ Rudel oder einem sporttauglichen Hund auftaucht. Dennoch versuchen die Vermittler, mit diesen Anfragen so neutral und unbefangen wie möglich umzugehen, wohl wissend, dass pauschale Ablehnung nicht gerechtfertigt ist, Rudelhalter ist nicht gleich Rudelhalter und der Schlittenhundesport hat seine Schattenseiten wie jede andere Sportart auch. Ihn deshalb generell abzulehnen ist nicht gerechtfertigt und auch nicht im Sinne der dem Verein anvertrauten Hunde. Denn viele von ihnen laufen gerne vor Fahrrad, Trainingswagen oder Schlitten, im Sinne der Hunde und mit dem Hauptaugenmerk auf ihrem Wohlergehen eine auslastende und auch miteinander verbindende gemeinsame Beschäftigung von Mensch und Hund.
Nichtsdestotrotz verlaufen derartige Anfragen oft rasch im Sande, denn die Interessenten merken wohl, welche Skepsis ihnen entgegengebracht wird und missverstehen diese als unausgesprochenes „Nein“. Und bestimmt geht so auch der eine oder andere gute Platz für einen Hund verloren, aber auch Tierschützer sind nur Menschen, die sich bemühen, aber eben nicht frei von Erinnerungen und Empfindungen sind.


 

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