aus dem Journal für Nordische Hunde Nr. 35 vom August 2007

Anaïs – „alt, zickig, launisch, eigenwillig, unvermutend zuschnappend“

Vor fünf Monaten aufgrund dieser Charakteristika noch schwer vermittelbar – heute könnte man schreiben: „zu Kleintieren vermittelbar“. Wohl bemerkt: „könnte!“ Denn vermittelbar ist Anaïs heute weniger als damals, denn wir würden sie nie, nie wieder hergeben!

Was heißt „schwer vermittelbar?“

Zur Erinnerung: An Weihnachten 2006 konnte Anaïs nach 2 ¼ Jahren bei der NfP endlich die Station verlassen (lesen Sie dazu: Anais - ein Wintermärchen). Die Vermittlung war so schwierig, zeitweise unmöglich gewesen, weil Klein-Anaïs zickig, eigenwillig und launisch war; weil sie, wenn sie sich bedrängt fühlte – und das war schnell mal der Fall – zuschnappte, „tackerte“, und weil sie mit 10 Jahren auch nicht mehr die Jüngste war.

Ab dem ersten Moment in ihrem neuen Zuhause, nein, schon bei unseren Besuchen in der Station war Anaïs nur lieb, schon fast verdächtig brav, liebebedürftig, anhänglich, wollte alles recht machen. Nach fünf Monaten mit Anaïs können wir berichten, dass sie wieder „beißt“! Jetzt ist sie aufgetaut, fordert uns zum Spielen auf – und spielen heißt raufen, den ganzen Arm oder die Hand zwischen ihre spitzen Zähne nehmen, „bitterböse“ knurren; wenn sie dann doch ein bisschen zu grob wird, nehmen wir einen alten Pulli zum Tauziehen, an dem dann gezerrt und der geschüttelt wird, was das Zeug hält (im wahrsten Sinne des Wortes). Für uns bedeutet dies: sie ist angekommen; sie wagt es, sie selbst zu sein.

In den fünf Monaten bei uns war sie nicht einmal zickig – jedenfalls nicht, was wir als zickig eingestuft hätten. Sicherlich schimpft sie manchmal, wenn sie abgetrocknet oder gebürstet wird. Sicherlich zieht sie sich ab und zu in ihre „Höhlen“ zurück, unterm Schreibtisch, unter einem Sessel, zwischen Couch und Wand. Aber warum in aller Welt sollten wir das unterbinden, warum sollten wir versuchen, diesen kleinen Willen zu brechen?

Klar, wer einen Hund sucht, der einem nicht von der Seite weicht, der sollte sich keinen so selbstbewussten anschaffen. Wer als Reiter (die wir sind) davon träumt, seinen Hund mit auf die Ausritte zu nehmen und dass dieser immer unangeleint, aber trotzdem hübsch bei seinem „Rudel“ bleibt, der sollte sich keinen Polarhund anschaffen. Anaïs, wie ihre beiden „Vorgängerinnen“, Spitz-?-Mix Sonny und Malamute-Husky-Mix Sarah, hätten/würden sich gleich zu Beginn eines Ausritts verabschieden: „Tschüss Frauchen, wir sehen uns dann später im Stall; warte aber auf mich, fahr` nicht alleine nach Hause.“ Aber ´mal ehrlich, wir wollen gar nichts anderes!

Anaïs hat inzwischen ihre „Geschwister“, z.T. sogenannte Kleintiere, akzeptiert. O.k., Pferd Gida hat sie zur Begrüßung in die Nase geschnappt und sich somit für alle Zeiten alle Sympathien verscherzt. Aber sie hat den im Haushalt (weil völlig blind) lebenden Igel und die griechische Landschildkröte akzeptiert und macht inzwischen keine Versuche mehr, diesen den Garaus zu machen.

Wir fragen uns immer mehr, warum Anaïs so lange auf IHRE Menschen warten musste. Wie wir uns bei Sarah gefragt haben, warum sie nach einer Vermittlung wieder ins Tierheim zurückgebracht wurde. Sarah war nur lieb, sie war einfach da, sanft, ohne Probleme hat sie alles mitgemacht (Feten mit 30 Leuten zwischen 3 und 80 Jahren, Hotelaufenthalte, Radfahren im Hänger, Kanufahren etc. etc. – egal, was). Was haben manche Menschen für Erwartungen an einen kleinen Hund, der gerade auf irgendeine Weise, aus irgendeinem Grund sein Zuhause verloren hat? Warum nicht warten? Darauf, dass man soviel Liebe bekommt; Küsschen; überschwängliche Lebensfreude, die ansteckt; ein fröhlich lachendes Pelzgesicht und strahlende Hundeaugen; darauf, dass aus „grauen (oder weißen) Mäusen“ wunderschöne stolze Hunde werden:

Wenn die „Chemie“ stimmt (auf beiden Seiten), ist alles möglich. Und: diese Chemie kann auch über Fotos vermittelt werden.

Wir sind überzeugt: ein angeblich „schwieriger“ Hund hat noch nicht SEINE Menschen gefunden. Anais jedenfalls ist für uns, auch wenn sie schon 10 Jahre ist, der ideale Hund. Die Chemie muss eben stimmen, und man muss bereit sein, ehrliche Zuneigung zu geben, zunächst auch ohne Erwartung einer Gegenleistung. Ein älterer Hund hat erhebliche Vorteile, wenn man nicht 24 Stunden am Tag für seinen Vierbeiner da sein kann: Einen Husky unter 10 Jahre können wir, nach den Erfahrungen mit Anaïs, nur Nicht-Berufstätigen oder sehr rüstigen Rentnern empfehlen – „spazierenrennen“ über mindestens zwei Stunden muss drin sein.

Birgit Veith mit Manfred Kadavy. Juni 2007

 

und nach 8 Monaten erreichte uns dieser wunderbare Bericht

Hallo, liebe zwei- und vierbeinigen NfP-Freunde!

Anais beim Heidelbeeren essen Nein, ich bin kein Chow-Husky-Mix, ich bin ein reinrassiger Siberian Husky. Erkennt Ihr mich? Ich bin’s, Anais!

Die blaue Zunge kommt vom Heidelbeeren-Essen. Ich war nämlich mit meiner Familie in Schweden im Urlaub. Und dort haben Herrchen und Frauchen mir gezeigt, wie man Heidelbeeren und Preiselbeeren erntet. Himbeeren sind mir lieber, aber die Himbeerzeit war vorbei.
 
Natürlich ist es bequemer, wenn meine Menschen die Beeren pflücken und ich sie aus der Hand fressen kann.
Anais
Aber wenn die beiden keine Zeit haben, weil sie ihr Eimerchen für Marmelade voll bekommen wollen, kann ich mir die Beeren auch selber vom Strauch pflücken.
Anais
Wir waren viel wandern, Kajak und Rad fahren. Meine Menschen sind total begeistert von mir und mächtig stolz auf mich – auch weil wir so oft „das ist aber ein schöner Hund“ zu hören bekommen und weil ich für meine elf Jahre noch so fit bin; vor allem aber, weil ich sooooo lieb bin und weil ich alles wie selbstverständlich mitgemacht habe: Erst die lange Autofahrt, ohne Übernachtung, aber ohne dass ich wie „früher“ (d.h. vor gerade einmal acht Monaten!) Arien gesungen habe. Dann bin ich ins Boot, ins Kajak und in den Fahrradhänger gestiegen, als ob ich mein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Anais fährt Kanu
Anais läuft am Rad

 

 

 

Ich kann auch toll am Fahrrad laufen, wie ein ausgebildeter Schlittenhund.
Aber ich sag` Euch, so ein Fahrradanhänger ist eine geniale Erfindung für reifere 4-Beiner (ursprünglich wohl für jüngere 2-Beiner, hab’ ich mir sagen lassen.). Das hatte schon Sarah, meine Vorgängerin, erkannt:

 

Wenn man müde ist, kann man sich ziehen lassen und seine Kommentare abgeben, d.h. den 2-Beiner, der da zieht, anspornen oder meckern, wenn’s zu langsam geht, und im Stehen versuchen, das Ganze auszubalancieren. Anais wird radgefahren
Und wenn man auch dazu zu müde ist, kann man sich einfach hinlegen und die 2-Beiner schaffen lassen. Anais
Unter uns: anfangs war ich bei allem anfangs furchtbar aufgeregt, aber ich habe versucht, mir nichts anmerken zu lassen. Ist doch Ehrensache!
Dazwischen immer wieder ein Bad – für Wasserratten ist Schweden ein Paradies.
Anais geht Baden
Anais
Eichhörnchen sind auch in Schweden meine große Leidenschaft.
Anais und das Eichhörnchen
Komm runter!
Trotzdem durfte ich tagsüber um unser Ferienhaus herum frei laufen. Herrchen und Frauchen waren sicher, dass ich nicht weglaufe. Warum auch? Schöner als bei den beiden kann es für mich nirgends sein. Nur wenn es dämmrig wurde und Elch und Marder um unser Haus schlichen, musste ich an die Leine. Zugegeben, da hätte ich mich schon vergessen können ...

Den Tag haben wir meist auf dem hauseigenen Bootssteg ausklingen lassen:
Feierabend auf dem Bootssteg

Ich bin auch ein bisschen stolz auf mich selbst, weil ich es geschafft habe, die Lücke, die Sarah hinterlassen hat, 100%ig zu füllen. Anais
Klar, Sarah ist nicht vergessen, soll sie ja auch nicht sein, aber wie oft höre ich Herrchen oder Frauchen sagen: „Du bist eine so tolle kleine Maus.“ „Das hätten wir nie gedacht.“ „Wie gut, dass wir uns getraut haben, Dich ‚schwierigen’ Hund zu nehmen.“ „Uns hätte, wieder `mal, nichts besseres passieren können.“ „Wir haben Dich ganz arg lieb, Du bist unser Schatz.“ Bei jedem dieser Komplimente wachse ich um ein paar Zentimeter ... Anais
Und wisst Ihr was? Ich hätte nie geglaubt, dass es Spaß machen kann, den 2-Beinern eine Freude zu machen. Anais

Anais mit Herrchen

Aber es macht Spaß!!!
Anais
Hoffe, Ihr hattet auch so einen husky-tollen Sommer (von dem Frauchen meint, er sei kein Sommer gewesen)! Viele Grüße aus Schweden sendet Euch

Anais mit Family
 

PS: In Schweden hat leider die Internetverbindung nicht funktioniert. Deshalb schicke ich meinen Bericht erst nach unserer Rückkehr von Deutschland aus. D.h. Frauchen macht das für mich – ich bin total fertig und brauch` erst `mal Urlaub vom Urlaub. Anais, Urlaub vom Urlaub


Völlig unerwartet verstarb Anais im Januar 2010, deren Krebs man mit einer Operation gegen Ende des vergangenen Jahres eigentlich in Schach gehalten glaubte.

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