Django – ein Hundeschicksal

Wir waren mit unserer Hündin Stella von einem Spaziergang auf dem Weg zurück nach Hause, als Angi, eine gute Freundin und Leiterin eines Tierheims, neben uns anhielt und die Wagenscheibe herunterkurbelte. „Du, ich habe einen Hund bei mir, den musst du unbedingt sehen.... Es ist ein Husky-Mix, allerdings schon etwas älter, aber schau ihn dir doch einfach mal an... Fredy findet auch der sei genau der richtige für dich – und Stella hätte endlich einen Gefährten...“ Da hatte sie allerdings recht. Schon seit einigen Monaten machte ich mir Gedanken über einen zweiten Hund...

Stella lebte nun seit eineinhalb Jahren bei uns, auch sie stammt aus einem Tierheim aus der Umgebung. Sie war streunend aufgefunden worden und aufgrund ihres Jagdtriebes – offenbar hatte sie einiges an Jagderfahrung sammeln müssen – schwer vermittelbar. Als sie dann endlich ihren „Lebensplatz“ gefunden hatte, kam sie nach einem halben Jahr wieder zurück ins Tierheim, aus nicht nachvollziehbaren Gründen. So traurig dies ist, war es ja auch irgendwie unser Glück, denn Stella war und ist von Anfang an unsere „Hundeseele“ gewesen und hatte sich mit einer Selbstverständlichkeit in unseren Herzen breit gemacht , sie war einfach problemlos und machte alles mit, Schlauchbootfahren, Schlitten ziehen, Seilbahn fahren, ob Restaurantbesuche oder ein Ausflug ins Legoland, alles gar kein Problem, nur dabei sein will sie... Da das Leben mit ihr eine Bereicherung war und so vollkommen rund lief, machte ich mir des öfteren Gedanken über einen Zweithund, denn das war es, was ihr noch fehlte, ein Hundegefährte...
Da wir eine aktive Familie sind, stellte ich mir einen temperamentvollen, hübschen, aktiven Junghund vor, der mit seiner Sportlichkeit Stellas eher faules Hundeherz im Nu erobern würde...

Spontan beschloss ich, mir den Hund einmal anzusehen und spazierte am Nachmittag mit Stella beim Tierheim vorbei. Da Angis Hunde praktisch immer frei herumtollen dürfen, war ich mir sicher, den „Huskymix“ zu sehen zu bekommen und mir dann einmal ganz „unverbindlich“ meine Meinung bilden zu können.
Schon von weitem begrüßten uns die Hunde – nur wo war der neue Husky? Da, irgendwo im Hintergrund sah ich einem Huskyschwanz, hocherhoben wedelnd... Wo war nur der Hund dazu? Endlich konnte ich Django identifizieren, allerdings war „Husky“ schon sehr übertrieben, „Schäfer“ hätte eher gepasst.... Ich und ein Schäfer, nein danke...Ich wollte doch einen nordischen Spitzensportler und dieser Hund – und das war augenscheinlich- hinkte nicht nur, sondern lief auf drei Pfoten....

Schon hatte mich Angi entdeckt. „Hallo, komm rein, dann kannst du Django kennen lernen, er ist so ein verschmuster Hund...“ Und dann sahen wir uns in die Augen, und kurze Zeit später war ich sicher, nie etwas anders gewollt zu haben als einen ungefähr zehn Jahre alten Deutschen Schäfer mit etwas nordischem Blut, der lahmte und außerdem noch an einer Fistel litt, die, kaum war sie verheilt, wieder aufplatzte. Der Hund war in einer schlechten körperlichen Verfassung.

Angi erzählte mir, dass Django ursprünglich aus Spanien stammte, wo er streunend aufgefunden worden war und in die Schweiz vermittelt wurde. Leider wurde dann aber nicht so für ihn gesorgt, wie es hätte sein sollen, weder die Fistel noch das lahme Bein wurden untersucht und behandelt. Als es dann in der Pflegestelle zu einem Zwischenfall kam, bei dem Django offenbar eine Katze getötet hatte, hätte er eingeschläfert werden sollen. Per Zufall erfuhr Angi von diesem Hund und beschloss, ihn zu sich zu nehmen. Sie versicherte mir, dass er in jedem Falle bei ihr bleiben dürfe, wenn ich ihn nicht nehmen würde.

Am Abend besprach ich mich mit der ganzen Familie. Ich bin der Meinung, dass eine solche Entscheidung für ein neues vierbeiniges Familienmitglied von allen getragen werden soll (obwohl ich natürlich die Hauptarbeit und Verantwortung übernehmen wollte). Ein Tier merkt, wenn es nur geduldet ist. Und das wollte ich nicht. Beat, mein Mann, und die Kinder beschlossen, Django am Tag darauf zu besuchen und kennen zu lernen. Ich blieb mit Stella zu Hause. Wir wollten den Rest der Familie nicht beeinflussen. Als Beat nach Hause kam, sagte er nur: “Wann holen wir ihn?“

Allerdings hatten wir gerade zwei Wochen Wanderurlaub in österreich gebucht. Natürlich mit Hund, in einer abgelegenen Waldhütte in den Bergen, traumhaft. Nur, was für Stella und uns das Paradies auf Erden war, kam für den hinkenden Django nun überhaupt nicht in Frage. Außerdem wäre nochmals ein Tapetenwechsel innerhalb so kurzer Zeit zuviel für ihn gewesen. Dazu kam, dass er überhaupt keine Grundimmunisierung hatte und sein Allgemeinzustand immer noch sehr schlecht war. So blieb er noch zwei Wochen bei Angi. Als wir am Samstag von den Ferien nach Hause kamen, machten wir als erstes einen Spaziergang zu Angi und nahmen Django gleich mit nach Hause.

Die erste Woche war schwierig. Wir hatten gerade unser Haus umgebaut und Django markierte mit Sicherheit immer genau dort, wo es am schlimmsten, sprich, am neusten war, z.B. auf dem frisch verlegten Parkettboden (wo es doch bei uns auch massenweise Plattenboden hat...) Außerdem erbrach er sich oft oder hinterließ seinen Kot oder Urin im Haus. Im Garten gefiel es ihm ganz gut, solange ich dabei war. Als ich kurz zu meiner Schwester wollte, die gleich angrenzend wohnt, dauerte es keine dreißig Sekunden und Django hatte den 1.20m hohen Zaun übersprungen, trotz Hinkebein.

Nach einigen Tagen waren diese Anfangsschwierigkeiten kein Thema mehr, Django ist bis heute ein sehr sauberer Hund und zeigt an, wenn er nach draußen muss. Sein Reich respektiert er inzwischen problemlos.

Bald kamen die nächsten Sorgen auf uns zu. Angi hatte einen „Spitzenchirurg“ ausfindig gemacht, ein Studienkollege unseres Tierarztes. Dieser hatte Django vorgängig bereits untersucht. Eine Operation des Hinkebeines sollte stattfinden, und zwar in Zürich. Angi und ich brachten Django gemeinsam nach Zürich und vertrieben uns mehrere Stunden Wartezeit mit Spazierengehen und Kaffeetrinken. Endlich war es überstanden und wir durften ein schlafendes Bündel Hund ins Auto tragen Ich werde niemals mehr vergessen, wie ich Django auf meinen Armen getragen habe, so leicht war er. Da beschloss ich, dass mein „Buebeli“ nie mehr herumgeschubst werden sollte, komme, was wolle. Dieses Versprechen wurde leider später dann wirklich auf die Probe gestellt. Davon später.

Wir wussten nun mehr, offenbar hatte Django in Spanien einmal das Bein gebrochen oder was auch immer, auf jeden Fall war das ganze ganz fürchterlich und krumm und ungeschickt zusammengeflickt und mit riesigen Drähten befestigt worden. Die Knochen waren dermaßen falsch zusammengewachsen, dass ein normales Gehen nie mehr möglich sein würde. Die riesigen, nicht sterilen Drähte waren offenbar auch der Grund für das Fistelgewebe, welches sich entwickelt hatte und den Hund stark plagte. Der Chirurg hatte die Drähte, so es denn ging, entfernt und die Fistel herausgeschnitten.

Genau ein halbes Jahr lang hatten wir Ruhe – bis die Fistel wieder da war... Wir versuchten es nochmals mit Globuli, Immunsystem stärken, T-shirts tragen, damit er nicht leckt etc... Eines Tages sagte mein Tierarzt: “Weißt du, wenn es mein Hund wäre, ich glaube, ich würde ihn einfach machen lassen... natürlich darf ich das jetzt fast nicht so sagen...“ Von da an beschloss ich, Django diese ganzen Bäder, Bandagen, Socken, Verbände und Hausmittelchen zu ersparen und die Natur walten zu lassen. Und siehe da, die Fistel schließt sich, wenn es unserem Jungen gut geht, und manchmal, und das sei hier nicht verschwiegen, platzt sie halt auch wieder auf... Seit wir dieser Geschichte nicht mehr soviel Beachtung schenken, kommt der Hund gut damit klar.

Eine Begebenheit, die hätte tragisch enden können, soll hier nicht verschwiegen werden. Nach einigen Wochen bei uns bemerkte ich, dass Django anfing, ein extrem territoriales Verhalten zu zeigen. Er bellte buchstäblich alles und jeden an, der an unserem Haus vorbei ging. Er begann, den Passanten am Zaun entlang zu folgen und wie wahnsinnig zu bellen. In dieser Phase begann ich bereits, mit ihm dahingehend zu arbeiten, dieses Verhalten zu korrigieren. Vermutlich war er in Spanien einzig zu diesem Zweck gehalten und auf dieses Verhalten gedrillt worden, ein Territorium zu bewachen und Eindruck zu schinden. Da der Kindergarten- und Schulweg aber direkt an unserem Haus vorbeiführt, wir sehr viel Besuch haben und ich Hundegebell nicht in dieser Dosis ertrage, passte mir sein Verhalten nun aber gar nicht.

Eines Tages hörte ich ein Gebrüll am Gartentor. Es war ein schöner Tag, die Terrassentür stand offen. Normalerweise waren die beiden Hunde ja auch ständig bei mir, ich war nur schnell in der Küche etwas holen gegangen. Es war mein kleiner Neffe Dario, der so brüllte und schrie. Er hatte mich besuchen wollen, und war gerade im Begriff gewesen, über die Zauntür, die immer verschlossen ist, zu klettern. Von seinem beabsichtigten Besuch hatte ich natürlich nichts gewusst. Django muss ihn bei seinen Kletterversuchen gewarnt und anschließend in den Stiefel geschnappt haben. Meine Schwester ging natürlich sofort zum Arzt und diesem gelang es – er ist selbst Hundebesitzer- dem kleinen Jungen den Vorfall ganz neutral und ohne jegliche Schuldzuweisung zu erklären. Glücklicherweise sind keine bleibenden Schäden entstanden, Django hatte nicht zugebissen. Bereits am nächsten Tag kam mich Dario wieder besuchen und Django verhielt sich ihm gegenüber wieder wie immer, freundlich und gelassen.

Für mich war das ein schlimmer Moment, der sich nie, nie wiederholen durfte. Nun war Handeln angezeigt - inzwischen haben wir eine Schleuse, die Kinder müssen sich an strikte Regeln halten (es wird geklingelt und ich hole fremde Kinder immer ab), und Django ist nur unter Aufsicht frei im Garten. Damit er trotzdem genügend „Frischluft“ hat, haben wir die Terrasse entsprechend umgebaut, so dass von außerhalb kein direkter Kontakt möglich ist.

Dieser Vorfall ist jetzt dann ein gutes Jahr her und glücklicherweise ist nichts derartiges mehr passiert. Sein extremes Territorialverhalten ist nun praktisch nicht mehr existent, wobei Django nie ganz berechenbar sein wird, was sich auch im Umgang mit Menschen zeigt. Aus diesem Bewusstsein heraus ergeben sich zwingend Verhaltensregeln auch für draußen. Django ist sehr verschmust, aber nur im Familien- und Freundeskreis, bei Fremden auf der Strasse ist Streicheln kein Thema. Außerdem bleibt er im öffentlichen Gebiet an der Leine. Vielleicht sieht das jetzt nach großen Einschränkungen aus. Für uns ist das aber nicht der Fall. Django ist jetzt etwas über zehn Jahre alt und hat ein sehr liebenswertes Wesen. Wir genießen jeden Tag mit ihm. Er zeigt mir auch täglich seine Liebe und Dankbarkeit.

Im Kopf sieht er sich allerdings immer noch als jungen Gipfelstürmer, wenn wir die Leinen holen, ist er derjenige unserer drei Hunde, der am meisten ausflippt. Wenn ich den beiden anderen die Geschirre für den Saccowagen anziehe, heult er jeweils richtig, weil er dann ganz genau weiß, dass er eben nicht mitkommen kann. Dieser Hund hat eine ganz treue Seele, so ist auch heute noch Angi seine große Liebe. Obwohl er eigentlich nur knapp einen Monat bei ihr im Tierheim gelebt hat. Er kennt ihr Auto, er freut sich jedes Mal riesig, wenn wir beim Tierheim vorbei spazieren, und wenn Angi zu uns zu Besuch kommt, wird sie von oben bis unten verschmust... Ob er doch irgendwie spürt, dass sie ihn gerettet hat?
Django und Alaskan
Seit bald einem halben Jahr hat er nun einen jungen Freund zur Seite, Alaskan, unser „Schätzeli“. Alaskan ist nun eben dieser bildhübsche, sportliche Hundejunge, von dem ich anfänglich geschrieben und immer geträumt habe. Django liebt ihn innig und teilt alles mit ihm. Seit Alaskan bei uns lebt, ist Django „jünger“ geworden, verspielter, lustiger, er frisst mit viel mehr Appetit, was optisch viel hermacht, etwas mehr auf seinen dürren Rippen....
Alaskan und Django


Django- unser ganz besonderer Hund....

Familie Bruderer, Dezember 2005
 

 

 

 

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