Akuma, der „Höllenhund“: Ein verborgener Schatz

Akuma

Es ist bereits über vier Jahre her, dass Shiba-Rüde Akuma („Der dicke Yasper“) bei uns lebt. Im Juli kam er „probeweise“ für einen Monat als Pflegling zu uns und im August 2012 übernahmen wir ihn fest. Probewohnen ist nicht das übliche Prozedere, doch in Akumas Falle war es unabdingbar – und doch hat sich erst nach Monaten das volle *negative* Potential gezeigt. Es ist viel zu viel, um alle Probleme und deren Entwicklung niederzuschreiben, also kann dieser kleine Bericht nur ein grober Umriss sein.

Ein Rückblick
AkumaAnfänglich schien alles noch recht einfach: Sehr schnell hat er sich eingewöhnt, seine „Unartigkeiten“ bauten sich rapide ab, die schon sehr festgefahrene Futteraggression, die teilweise zu schweren Verletzungen führten, konnten durch positive Trainingsmethoden über Belohnungen in ordentliche Bahnen gelenkt werden. Die Futter-, Leinen- und Artgenossenaggression, sowie das offensive Verhalten gegenüber Besuchern standen so m Vordergrund, dass alle anderen Dinge eher in den Hintergrund rückten und so den Blick auf das große Ganze getrübt wurde.
Alle „komischen Ängste“ wurden hinten an gestellt. Ohne es zu bemerken haben wir Akuma überfordert, auch weil wir uns so über die großartigen Fortschritte gefreut haben. Die Aggressionen waren am Ende vielleicht doch nicht so gewichtig, weil sie überstanden schienen.

Doch nach ca. einem Jahr wendete sich das Blatt: Akuma fiel regelrecht in sich zusammen, was bei ihm zu einem Ausbruch mit der Tendenz zum Nachvornegehen führt. Dies ist die einzige Konfliktstrategie, die er kannte und die sich in ihm so gefestigt hat, dass sie bis heute sein bevorzugtes Mittel ist, wenn er sich zu sehr bedrängt fühlt.

Wir wurden plötzlich „aus dem Nichts“ gebissen – tatsächlich waren seine Vorwarnungen, sobald er getriggert wurde, minimal: Etwas kräuselten sich die Tasthaare, er wurde für nicht mal eine Sekunde steif und ging dann wie eine Klapperschlange auf einen los. Natürlich haben wir ihm mühevoll das Knurren und sonstige Eskalationszeichen beigebracht, aber in dem Moment, wo er in seinem Film gefangen war, schien das wieder vergessen zu sein.
Auch bauten sich seine Ängste durch langsame Gewöhnung einfach nicht ab. Über Brücken zu gehen, obwohl sie täglich auf unserem Weg liegen, war wie an Tag 1: Akuma krabbelte wie eine Spinne darüber, ein minimaler Zug an der Leine, den er selbst auslöste, brachten ihn zum Erliegen. Eine extreme Wasserphobie – ihm war so, als würde es ihn auffressen – und sehr großer Stress bei allem, was sich in seiner Umgebung veränderte, überschatteten die Aggressionsproblematiken. Dazu Angst vor Gewittern und Todesangst bei Feuerwerk, Reizüberflutungen bei normalen Stadtspaziergängen oder zu vielen Menschen, vereinfachten das Zusammenleben nicht.Akuma

Angst vor dem Leben
Auch konnte es nicht mehr ausschließlich auf die brutalen Trainingsmethoden alleine geschoben werden oder dass Akuma „nicht ganz so gut sozialisiert sei“.
Es steckte viel mehr dahinter. Der Hund war ein Hund mit Deprivationssyndrom (http://angsthund.de/content/deprivation/scholl/).

Erst diese Diagnose ließ uns Akuma besser verstehen und endlich bleibende (!) Fortschritte machen. Von Außen nicht erkennbar, für uns aber unbezahlbar. Es erklärte, warum die Mühe, die man sich im täglichen Miteinander gab, nicht so honoriert wurden, wie bei anderen Hunden, warum Akuma urplötzlich auf Yoma losging, warum er nach uns biss, obwohl wir ihm augenscheinlich gar nichts getan hatten, warum er seine Ängste nicht einfach durch Gewöhnung abbaute.

Ich verschlang also jede Information über Deprivationsschäden, die ich bekommen konnte, und stellte den Alltag um. Ich begriff, dass ich Akuma mit meinem „Programm“ überfordert hatte, ich verstand, dass die Erfolge, die ich erzielt hatte, deshalb nicht Bestand haben könnten. Obwohl meine Erwartungshaltung nicht so besonders hoch war, schwang in den ersten Monaten natürlich immer die Hoffnung mit und diese führten manchmal zu Enttäuschungen.

Akuma

Ab dem Zeitpunkt als klar war, dass Akuma deprivationsgeschädigt ist, fielen all diese Dinge von uns ab. Ich selbst konnte loslassen, auf Null gehen und in sehr kleinen Schritten all die Baustellen angehen mit den nötigen und wichtigen Ruhephasen. Es war mir nicht mehr peinlich, dass Akuma und Yoma zeitweise in getrennten Räumen waren, es war mir nicht mehr unangenehm, wenn er an der Leine manchmal immer noch ausrastete, trotz meines fleißigen Trainings. Ich konnte altkluge Sprüche und abfällige Bemerkungen ganz einfach ignorieren, statt mich rechtfertigen zu wollen.Akuma

Und obwohl es nicht so sichtbar gewesen war, war unser vorangegangenes Training nicht umsonst! Es hat uns den Weg geebnet, da seine Futteraggression NICHT deprivationsbedingt war, sondern menschengemacht. Brachiale und veraltete Rangreduktionsmaßnahmen durch „Fachleute“ haben ihn zu einem bissigen Hund werden lassen, weil man ihn nicht verstand, weil man nicht nach den Ursachen forschte, sondern seine Erklärung in der „Dominanz“ des Hundes suchte.

Paradigmenwechsel
Akuma ist das genaue Gegenteil von selbstbewusst und souverän. Sein kontrollierendes Verhalten entsprang dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber Veränderungen. Er war nicht fähig, seine Umwelt zu erkunden, weswegen er einem an den Fersen klebte. Eigentlich ist es beim Shiba gerne umgekehrt: Viele sind schwer an sich zu binden.
Doch in dieser Unsicherheit blitzte immer wieder ein gewisser Kooperationswille durch, den wir für uns gut nutzen konnten. So war Akuma ein gelehriger Schüler in Sachen Jagdersatztrainings, eine Voraussetzung für seinen Freilauf.

Akuma

Es ist eben nicht alles schlecht, auch wenn es im ersten Moment so aussieht.
In vier Jahren haben wir mit wirklich sehr langsamen Einheiten, viel Ruhe und vor allem keine festen Vorgaben sehr viele dauerhafte (!) Erfolge erzielt. Akuma kann meistens entspannen, Veränderungen werfen ihn nicht mehr so sehr aus der Bahn. Wir werden ihn nie überall ganz einfach mitnehmen können, wir müssen genau planen, wann es sinnvoll ist, wir müssen mit Artgenossen aufpassen, weil er manchmal einfach durch Überforderung doch rabiat (ohne Verletzungsabsichten!) reagieren kann und nicht jeder Hundehalter dafür Verständnis aufbringt – die meisten Hunde hingegen auffallend oft schon. Am meisten lassen wir Vorsicht bei Menschen walten, damit es eben nicht zu Beißvorfällen kommt, auch wenn das Besuchern oft sehr übertrieben vorkommen mag. Er ist keine Bestie, die einen anfällt, aber unglückliche Situationen passieren viel zu schnell. Dennoch kann er mit vertrauten Menschen fast normal umgehen, was uns mit Stolz erfüllt.

AkumaHund an die Macht!
Einer unserer größten Schritte war aber, dass Akuma das Schwimmen gelernt hat und nicht mehr so große Angst vor Wasser hat. An neuen Gewässern (wie bei allen neuen Umgebungen) zeigt er zwar Unsicherheiten, aber die Panik ist verschwunden. Es hat ihm einen enormen Selbstbewusstseinsschub gegeben.

Auch banales „Freizeitagility“, ihm also beizubringen auf und über Hindernisse wie Baumstümpfe, Äste, Felsen, usw. zu springen und zu klettern, machten ihn selbstsicherer. Akuma bekam das Gefühl, dass er etwas schaffen kann bzw. seine Umwelt aktiv zu beeinflussen.
Auch übergebe ich ihm immer wieder Entscheidungskraft. So darf er fast immer aus den Kaussachen aussuchen, welches ihm schmeckt, darf Wege bestimmen (auch wenn sie für Menschen langweilig sind), Spiele beginnen/beenden, die Dauer des Schnüffelns an einer Stelle festlegen, das Tempo wählen, usw. - er darf ganz aktiv „der Boss“ sein. Das darf Yoma auch. Böse Zungen behaupten dann, die Hunde seien unerzogen, weil sie ihre Befindlichkeiten ausdrücken, sich trauen zu sagen, was ihnen nicht gefällt (und gefällt), aber diese Dinge überhöre ich großzügig. Die Hunde können alleine bleiben und Leckerchen und Essen bleibt auf dem Tisch zurück, sie rühren es nicht an, da sie wissen, dass sie es sowieso bekommen.
Auch essen wir gemeinsam mit den Hunden, so verpönt das auch sein mag, sie dürfen jederzeit aufs Bett und auf die Couch, dürfen ihre Liegeflächen zu fast allen Zeiten selbst wählen und Akuma verteidigt nichts vor uns, er gibt Plätze frei, Kauknochen und Spielzeug liegen herum, selbst unbekannter Besucht darf an die Leckerlidose, da macht er sogar ein vorbildliches „Sitz“. Das war vor vier Jahren völlig undenkbar.

AkumaMittlerweile darf Akuma auch aktiv Hunde anknurren, sie verbellen oder verjagen, wenn die Situation passend ist. Das ist sicherlich für viele paradox, allerdings wurde er durch diese „Erlaubnis“ im Umgang mit Hunden sehr viel souveräner. Parallel werden nach wie vor Hunde mit positiven Dingen verknüpft. Aber diese „Gemütsäußerung“ gab ihm die ausdrückliche Möglichkeit, seine Umwelt aktiv zu gestalten, zu verändern, Einfluss auf sie zu nehmen. Unser Shiba-Mann stand nicht mehr ohnmächtig und hilflos den Dingen gegenüber. Selbstverständlich habe ich ihm schon immer Schutz angeboten und er nimmt diese Option auch an, dennoch kam der Durchbruch erst, als er selbst etwas gegen Angstauslöser machen durfte, auf seine Weise.
Der Vorlauf waren die positiven Trainingsmethoden über Belohnungen (nicht nur Leckerlis), die das Vertrauen in uns als Menschen aufgebaut und Akuma einen Rahmen gegeben haben.
So hat sich am Ende alles zusammengefügt und heute, nach vier Jahren, ist unser Weg nicht zu Ende, aber Akuma ist angekommen. Er sieht z.B. ein Anrempeln nicht mehr als Übergriff, etwas, was bei aller Vorsicht im Zusammenleben einfach passieren kann.

Liebesbeweise- und bekundungen
Akuma weiß, dass er sein Leben mitgestalten darf und soll, dass er das Recht hat, sich zu weigern, dass er dafür die Zähne nicht mehr einsetzen muss. Genau deshalb lässt er manchmal „uns zuliebe“ unangenehme Dinge über sich ergehen. Etwas, was ihn früher in Kampfstellung gebracht hätte. Er ist etwas belastbarer geworden, er hat nicht mehr so viel Angst. Er ist verschmuster geworden, lässt sich ohne Misstrauen kraulen, wenn er auf der Seite liegt und fordert es sogar ein, leitet das Kontaktliegen ein.Akuma und Yoma

Akuma wird nie ein unbelasteter und angstfreier Hund sein, aber das muss er nicht. Er muss auch nicht einfach, „sozial“ oder unauffällig sein. Es reicht, dass wir mit ihm gut zusammenleben können und keine Dritten gefährdet werden.
Der Alltag mit Akuma (und Yoma) ist ein schöner. Wir schätzen beide Hunde sehr und bereuen keine Sekunde, den „schwarzen Teufel“ (Akuma bedeutet Teufel, Yoma Dämon) zu uns geholt zu haben.
Akuma ist mein persönlicher Traumhund, auch wenn das Außenstehende nur schwer nachvollziehen können. Unsere Bindung ist eine besondere, aber auch fragile und dennoch wird sie allen Widrigkeiten trotzen.

Akuma ist gerade mal sechs Jahre alt, das ist für einen Shiba noch nicht einmal Halbzeit, und wir sind gespannt, wohin uns unsere gemeinsame Reise mit ihm führt.

Wir danken auch der Nothilfe für Polarhunde, verhaltensaufälligen Hunden das richtige Zuhause zu vermitteln, sowie in das in uns gesetzte Vertrauen, einen so besonderen Hund aufzunehmen.

Akuma

Tanja P. mit Familie und Freunden

 

 

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