Bericht aus dem Nordlicht für Notfelle von Corinna Harders

Rocky, ein Malamute, der langsam sein Vertrauen zurückgewann

Auf ihre Weise ist auch dies eine Geschichte mit „Happy End“, auch wenn es ein anderes ist, als das, was man sich im Tierschutz meist erhofft. Rocky wurde nicht mehr vermittelt, er fand seinen letzten Platz und auch seine letzte Ruhestätte im Nordlicht.
Die Zeit, ein „eigenes“ Zuhause zu finden, hatte er nicht mehr, aber er hat in seinen letzten Monaten Menschen gefunden, die ihn unterstützten, ihn förderten, an ihn glaubten und die ihn liebten – und das ist weitaus bedeutungsvoller und wichtiger als die Frage „wo steht das Körbchen eines Hundes?“.

Rocky, ein neunjähriger Malamute, gehörte zu den Hunden in unseren Stationen, die man als "Problemhund" bezeichnen muss. Das war auch der Grund, warum Rocky lange Zeit nicht  auf der Vermittlungsseite zu finden war. Lange Zeit war eine Vermittlung undenkbar, denn langsam musste Rockys Vertrauen wieder aufgebaut werden.Rocky kurz nach seinem Eintreffen im Nordlicht
Rocky lebte von August 07 bis Ostern 2008 im Nordlicht.

Sein Vorleben war geprägt von Kommandos, die er zu befolgen hatte. Für einen charakterstarken Malamuten sicher untragbar und Rocky setzte sich mit Schnappverhalten zur Wehr. Dies wurde von seinen Menschen mit noch mehr Druck erwidert, sodass er auch körperliche Schmerzen ertragen musste. Die Situation eskalierte und Rocky landete im Tierschutz.

Die Abgabe an die Nothilfe für Polarhunde e.V. stand auch unter keinem guten Stern. Der verabredete Zeitpunkt, Rocky um 12.00 in die Station Süd zu bringen, wurde nicht eingehalten und das obwohl man wusste, dass Rocky noch die weite Reise ins Nordlicht antreten musste.
Um 17.00 konnte Herr Schwartze dann endlich starten. Um 21.00 trafen wir uns in Schweinfurt. Für Herrn Schwartze und mich war es keine angenehme Situation. Da wir Rockys Vorgeschichte kannten, war es unbegreiflich wie oberflächlich mit der Abgabe umgegangen wurde und Rocky zusätzlich eine Nachtfahrt zugemutet werden musste.

Rockys wirrer Blick spricht BändeEinen Problemhund zu übernehmen ist für mich nicht immer einfach, ein Blick, eine Bewegung lässt manchmal Unsicherheiten bei mir aufkommen, an denen ich arbeiten muss. Vor allen Dingen mich so zu verhalten, dass ich diese nicht auf den Hund übertrage. Rocky und ich traten also den Rest der Reise an. Schon auf der Fahrt nahm ich den Kontakt zu Rocky auf, um ihm und auch mir die Sicherheit zu geben, dass er nichts zu befürchten hat. Um 04.00 trafen wir im Nordlicht ein, die Ankunft lief problemlos, ein Gassigang durchs Nordlicht und dann ins Hundehaus vorbei an Dusty.

In den nächsten Tagen waren Rockys Unsicherheiten deutlich zu erkennen.
Kam man in seine Nähe oder ins Gehege, wollte er ständig gefallen, fatal war nur, dass er die gesamte Kette seiner Kommandos ( Sitz, Platz etc ) abspielte und dann auch ständig darauf wartete, von uns Anweisungen zu empfangen. Entsprachen wir dem nicht, wurden wir ausdauernd angesprungen, ein Verhalten, das in der gezeigten Schnelligkeit nur schwer abzuschätzen war.

Jede kleinste Veränderung in der Station löste bei Rocky richtig heftigen Stress aus. Besucher oder Neuaufnahmen von Artgenossen lösten in ihm schier die Panik aus. Oft hörte man ihn auf den Spaziergängen weit über die Felder und Wälder ununterbrochen bellen.
Sein Augenausdruck wechselte bei aufkommendem Stress von einer Sekunde auf die andere in einen fast leeren, aber auch bedrohlichen Blick – kurz, der Umgang mit ihm war schwierig, seine Persönlichkeit irgendwie nicht zu fassen.

Langsam konnten wir ein Vertrauensverhältnis zu Rocky aufbauen. Dann aber kam für mich eine einschneidende Situation. Es war nach einem Arbeitseinsatz, der ziemlich anstrengend gewesen war. Für Rocky war es – durch die arbeitenden Menschen auf dem Gelände- wieder einer jener Tage mit sehr vielen Stressfaktoren gewesen und auch ich war nicht mehr die Fitteste, als ich am späten Abend meinen letzten Gang durch das Hundehaus unternahm.

Wie immer schloss ich in Rockys Zimmer die Außentür, doch diesmal fing Rocky plötzlich an mich zu bedrängen und signalisierte, dass ich die Tür zu öffnen habe. Um die Situation erst einmal schnell aufzulösen, gab ich ihm den Weg ins Hundehaus frei. Eigentlich war nichts weiter passiert, aber Rocky hatte durch sein Verhalten mir neue Grenzen aufgezeichnet.
Am Ende eines solchen Tages hatte sicher jeder von uns sein Päckchen zu tragen und jeder hat auf seine emotionale Art reagiert. Aber für mich war klar, dass Rocky immer noch viel zu viele unkalkulierbare Verhaltensweisen in sich verbirgt, die mich in ihrer Spontaneität und Schnelligkeit überraschten und mitunter überforderten.Rocky

Auch wenn man eigentlich so etwas wie eine Bindung zu Rocky aufgebaut hatte, drohten Situationen immer wieder zu kippen, da der Rüde immer wieder durch sein erlerntes Verhalten aus seinem Vorleben Grenzen zum eigenen Schutz aufbaute. Allerdings ist es nie zum Schnappverhalten gekommen. Aber die Situation an sich war nicht unbefangen, es war wie ein Tanz um ein Lagerfeuer, in das man nicht greifen kann. Wir holten uns Rat in der Hundeschule Silvia Klüppelberg, sie arbeitet ehrenamtlich für die NfP.

Das professionelle Training mit Rocky begann. Sivia kam fast jeden Tag ins Nordlicht um mit kleinen Übungen zu beginnen. Diese fanden in der ersten Zeit ausschließlich mit dem trennenden Gittern dazwischen statt. Ziel war es, ein Vertrauensverhältnis auf Distanz aufbauen.

Sobald man sich Rocky näherte, hopste er vor seiner Tür auf und ab, eben dieses Bedrängen, das immer seine Forderungen zum Ausdruck brachte. "Mach was mit mir, aber schlage mich nicht". Von sich aus konnte Rocky keine Alternative zu diesem Verhalten finden und so lernte er die Übung "geh in den Korb". Das Lernen gewöhnt begriff Rocky die Übung sehr schnell, gezielt wurde auch belohnt, der Korb wurde zu einer positiven, angenehmen Rückzugsmöglichkeit.

Dieser Rückzug in den Korb brachte Rocky nicht nur aus diesem „Antreten zum Appell“ wie ein Soldat zur Entgegennahme von Befehlen heraus, sondern er lernte damit auch, dass er das Recht hat, sich durch einen Rückzug einen Freiraum zu schaffen.

Erste Übungen

Dann nahm Silvia direkt Kontakt zu Rocky auf. Eine weitere Distanzübung, das Geben der rechten Pfote mit den Worten „schöne Pfote", dann der linken „andere Hand". Da Rocky auf Kommandos in seinem Vorleben gedrillt wurde, lernte er auch diese Übung sehr schnell. Nur mit dem feinen Unterschied, dass hier sofort nach jeder Ausführung eine positive Bestärkung folgt, die Rocky rückmeldete „es ist richtig, es ist gut“.
Durch die Verlässlichkeit der menschlichen Aktionen und Reaktionen sowie die umgehenden Rückmeldungen baute Rocky immer mehr Vertrauen auf, was den Stresspegel um einiges sinken ließ und schließlich legte Rocky problemlos seine Pfote fest in Sivias Hand.

Rockys Pfote in der Hand der Trainerin

Mehr und mehr wuchs das Vertrauen und Rocky fand es schon nach einigen Wochen fast angenehm, sich streicheln zu lassen.

Gestreichelt werden hat ja doch wasNun konnte der unserer Meinung nach unbedingt notwendige Tierarztbesuch vorbereitet werden, der bislang noch nicht erfolgt war, weil einige Dinge dort wie beispielsweise die Blutentnahme auf Rocky einen starken Druck ausüben könnten.

Trainerin Silvia begann mit dem Maulkorbtraining und wir waren rasch um eine erschreckende Erkenntnis reicher, denn als Rocky den Maulkorb sah, lief er voller Angst davon. Daraus mussten wir schließen, dass Rocky in der Vergangenheit absolut negative Erfahrungen mit dem Maulkorb gemacht hat.

Beginn des Maulkorbtrainings

Jetzt ist der Maulkorb drauf

 

Wir bestrichen den Maulkorb mit Leberwurst und ließen Rocky diese ablecken, um ihn positiv auf den Maulkorb einzustimmen. Nach einiger Zeit war es schon möglich, ihn durch den Korb zu füttern und Schritt für Schritt immer mit den Worten "anziehen, ausziehen" ließ er sich ihn über die Schnauze ziehen. Von dem Zeitpunkt an, als das Anlegen des Maulkorb problemlos funktionierte, kam nicht mehr Silvia zu Rocky, sondern Rocky fuhr jetzt zur Hundeschule zum Training. Denn dort gab es viele Dinge, die nur darauf warteten, von ihm im Rahmen des Vertrauensaufbaus entdeckt und erfolgreich erobert zu werden.

Kontaktübungen mit Maulkorb

zusehends entspannt sich Rocky

Rocky auf der Schaukel
Rocky auf der Schaukel, es war seine Lieblingsübung.
Zur Selbstbelohnung wählte er die Schaukel und genoss die Schwingungen

Balanceübungen
Ein ausrangierter Apothekerschrank dient für Balanceübungen.

noch mehr fürs Gleichgewicht
Ohne Zwang und Drill pendelte Rocky selbstständig das
Gleichgewicht auf dem Ball aus.

Arbeiten mal andersrum
Heute läuft es etwas anders, ist nicht eigentlich der Malamute das Arbeitstier?

 

Übrigens verlief Rockys Vorstellung beim Tierarzt entspannt und positiv. Durch die sensiblen Vorbereitungen entstand für Rocky keine bedrohliche Situation.
Die Blutentnahme wurde am Hinterbein durchgeführt, sodass Rocky durch die Futtergabe am Maulkorb positiv abgelenkt werden konnte und er nicht frontal konfrontiert wurde.

Das Blutbild zeigte schlechte Schilddrüsenwerte, die keine autoimmune Ursache haben, sondern auf eine langfristige Störung, ausgelöst durch Dauerstress, hinweisen.

Rocky wurde in der Folge auf Tabletten eingestellt. Da der Organismus auf die Hormongabe sehr sensibel reagiert, war gerade in der Einstellungsphase ein engmaschiges Training wichtig, natürlich abgestimmt auf seinen gesundheitlichen Zustand.Lebensfreude pur

Die Medikation hat Rocky sehr gut vertragen und hat gemeinsam mit dem Training Rocky die Lebensqualität zurückgegeben. Voller Lebensfreude rannte er jetzt über den Platz der Hundeschule: Rocky, ein Malamute, der das Vertrauen zu sich und seiner Umwelt wieder gefunden hatte.

Und nach vielen Wochen und Monaten hatte Rocky damit den Sprung auf die Vermittlungsseite geschafft, denn nun konnte die Suche nach Malamute hundeerfahrenen Menschen, die ihm die nötige Sicherheit entgegenbrächten, an denen er sich orientieren könnte, beginnen.

 

Währenddessen wurde weiter trainiert, auch ganz praktisches, wie Rocky als „Begleiter“ beim Kaffeetrinken. Im Februar war er nach vielen Monaten das erste Mal im Hausbereich des Nordlichts zu „Gast“.
Kaffetrinken im HausAnfangs hatte er Last mit der neuen Situation umzugehen, orientierte sich aber an Trainerin Silvia. Das Training fand unter realen Bedingungen statt, das heißt, der Tisch war gedeckt, es gab eine Tasse Kaffee und etwas Kuchen. Dies nicht nur der Gemütlichkeit halber, der Kuchenduft sollte auch Rockys Interesse wecken und ihm die Chance geben, Erlerntes in anderer Umgebung umzusetzen. Mit dem positiv auftrainierten Wort "Nein" ließ er sich tatsächlich super umlenken. Nach einiger Zeit genoss er sein Plätzchen bei den Bezugspersonen, legte sich völlig entspannt zur Ruhe.

Völlig entspannt

Selbst der Druck ( Hand von oben ) ließ ihn cool bleiben.

Total cool und entspannt

Um einen Eindruck der Arbeit der letzten Monate zu vermitteln, hier noch eine ganz Reihe von Bildern aus dem Training.
 

Rocky hat endlich Vertrauen
Hand an der Schnauze zum Untersuchen der Zähne

enger Kontakt
Enge Kontaktaufnahme


Nicht einmal das Schaf im Hintergrund stört Rocky
Übung am Zaun mit Schaf im Hintergrund, Rocky zeigt wenig Interesse, geht in die Rückorientierung zu seiner Kontaktperson
 
Selbst mit Druck von oben kann Rocky umgehen
Starke Drucksituation von oben, die kein Hund als angenehm empfindet
 

Ein Besucher kommt
Es platzte ein Besucher in die Trainingsstunde. Rocky wollte auf die Tür springen. Mit einem kurzen nein entzog er sich sofort aus der Situation, war dann desinteressiert und ging absolut locker damit um.

Keine Panik vor dem Schirm
Übungen mit dem Schirm
 

Keine Angst vor dem Schirm Frontale Bedrohung - Rocky bleibt locker
Diese frontale Bedrängung wäre in seinen Anfängen eskaliert. Als Silvia noch vor seiner Box gearbeitet hat und Rocky nur etwas unter Druck gesetzt hat ist er sofort nach vorn gegangen (ohne Vorwarnung). Ohne das schützende Gitter wäre sie sicher erst einmal nicht mehr arbeitsfähig gewesen.

 

Ohne jedes Anzeichen für Unwohlsein, für eine Erkrankung nahm Rocky am späten Samstagabend noch seine „Gute-Nacht-Zahnputz-Kaustange“ um später in dieser Nacht zum Ostersonntag seine Augen für immer zu schließen, leise und friedlich, so wie sein Leben zur Ruhe gekommen war, kam auch Rocky zur Ruhe.

 

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