Tschaika und Yarko

Ein Lebensabend im Tierschutz war sicher nicht die Lösung, die man sich im Juni 2008 bei der Rückgabe von Tschaika (10/1993) und Yarko (10/1995) mehr als ein Jahrzehnt nach ihrer einstigen Vermittlung gewünscht hatte.

Tschaika und Yarko

Rückblickend aber kann man sagen, für die beiden war es gut, so wie es war. Dies verdankten Tschaika und Yarko vor allem den vielen Menschen, die um sie herum und unter ihnen ein ganz persönliches und sehr tragfähiges soziales Netz an Bindungen aufgebaut haben und damit das Leben der beiden Oldies unglaublich bereicherten.

Die Geschichte von Tschaika und Yarko, die im hohen Alter den Weg aus dem Tierschutz heraus nicht mehr fanden, ist hier stellvertretend erzählt für all die vielen älteren Hunde in Tierheimen und Auffangstationen. All überall bemühen sich die Mitarbeiter und die unzähligen Ehrenamtlichen, so weit wie unter den Umständen möglich, auf die speziellen Bedürfnisse der Senioren nach mehr menschlicher Anbindung, mehr Ruhe, ja sogar mehr Wärme in Form von geheizten Räumen während der kalten Monate so gut als möglich einzugehen, es gibt Bürohunde, Futterküchenhunde, Flurbesetzer und viele andere Provisorien mehr. Dennoch: es ist meist nicht dasselbe, das Leben im Tierschutz und das Leben in der häuslichen Umgebung.

Darum: wenn Sie können, dann öffnen Sie einem der Senioren Ihr Heim. Es ist nicht die Fülle der Zeit, die etwas über die Qualität einer Beziehung aussagt, sondern die Art und Weise, wie man diese Zeit nutzt. Und wie man an Tschaika und Yarko sieht: Zeit hat man mitunter mehr, als man anfänglich ahnt…..

Tschaika und Yarko
(Gedanken einer Gassigängerin)

Es war schon der pure Zufall, wie Tschaika und Yarko in mein Leben getapert sind. Und rückblickend kann ich sagen, dass die beiden liebenswerten Oldies mein Leben sehr bereichert haben.
Es begann alles 2008. In der regionalen Presse (Norddeutsche Rundschau) las ich einen Artikel über Corinna Harders und ihre Nordischen Hunde. Im Kopf abgespeichert: da muss ich unbedingt mal hin. Dabei blieb es aber auch. Bis ein erneuter Artikel eingeladen hat zum Eröffnungsfest der Station in Hohenlockstedt/Springhoe im Sommer 2008.

Zu der Zeit hatte ich gerade im Tierheim Itzehoe ehrenamtlich einige Jahre verbracht und diese Tätigkeit aus persönlichen Gründen beendet. Also war wieder Zeit vorhanden, denn eigene Hunde wollte ich nicht mehr; es war eine altersbedingte Entscheidung. Und wohin mit dieser Zeit? Als Gassigängerin war ich im Tierheim Itzehoe nicht mehr erwünscht. Was also lag näher, als mich im Nordlicht als Spaziergängerin einzubringen?

Also nix wie hin zum Eröffnungsfest ins Nordlicht. Meine beiden Mitstreiterinnen im Tierheim Itzehoe, Inge Kuklinski und Anne-Karin Schnelle, suchten auch ein neues Betätigungsfeld. Aus Neugier wurde Interesse, daraus ergaben sich die ersten vorsichtigen Kontakte und schon mal Spaziergänge (anfangs unter Anleitung). Es wurde schnell klar, dass Spaziergänge mit Nordischen etwas ganz anderes sind als Spaziergänge mit „normalen“ Hunden.

Einzug ins NordlichtDann kam der Herbst 2008 und mit ihm der Einzug von Tschaika und Yarko im Nordlicht (in der Station im Schwarzwald konnten sie des harten Winters wegen nicht bleiben, eine Pflegestelle fand sich leider für die beiden alten und nicht gesunden Hunde nicht).

Damit war der Grundstein gelegt für die regelmäßigen morgendlichen Spaziergänge mit den beiden Oldies, die nun im Nordlicht auf dem Flur des Hauses wohnten. Es begann sehr vorsichtig, man musste sich ja auch erst einmal aneinander gewöhnen. Der unkomplizierte Yarko hatte keinerlei Probleme, aber die betagte und kritische Tschaika tat sich anfangs schwer. Ich freute mich jeden Tag auf den Spaziergang mit Tschaika und Yarko und ich glaube, die beiden auch.

Es ergab sich mit der Zeit eine Regelmäßigkeit beim Gassigehen. Möglichst täglich gegen 9.30 Uhr bin ich Zuhause gestartet, um mit den beiden Fellnasen auf Tour zu gehen. Auch die beiden Oldies stellten sich schnell darauf ein und warteten bereits, damit wir um 10.00 Uhr starten konnten. Wir blieben natürlich nicht immer auf den Wegen, es war einfach zu schön, auch mal durch den Wald und über Moos zu laufen.morgens halb zehn im Nordlicht

Dabei war der „Sachensucher“ Yarko manchmal recht erfolgreich. Er erschnüffelte ein totes Reh, manchmal auch eine tote Maus, die er in seiner Gier gleich verschlingen wollte. Obwohl der Mauseschwanz seitlich aus der Schnauze ragte, konnte ich nichts mehr tun, er hat sie vertilgt und verdaut. Bei einem bereits abgenagten Bein eines Rehs hatte er allerdings keine Chance, ich war schneller und „entriss ihm die Beute“, die ihm aus der Schnauze baumelte. Er hat weder protestiert, noch ist er aggressiv geworden. Und seine Mama Tschaika hat alles in Ruhe und interessiert beobachtet.
Eine Futterspende

 

 

 

 

 

Yarko hingegen bewies meist nicht so viel Geduld, wenn er einmal warten musste, oft dann, wenn Tschaika sich mit Begeisterung ins Gras warf und sich dehnte und streckte. Ich habe sie natürlich gelassen, dann musste Sohnemann eben warten, ob es ihm gefiel oder nicht. Und wenn er mal bei so einer Gelegenheit geduldig dabei stand, dann wusste ich: heute ist er nicht gut drauf, er motzt nicht.

Mit der Zeit wurden die Spaziergänge immer weiter ausgedehnt, eine Stunde waren die beiden Oldies immer auf den Pfoten.Tschaika und Yarko auf Tour

Irgendwann gesellten sich Inge und Anne dazu, wenn es ihre Zeit erlaubte. Es wurde so ein kleines Auffangnetz für Tschaika und Yarko geschaffen, einer von uns konnte sich eigentlich immer kümmern, beispielsweise wenn mal ein Infostand die menschlichen Stationsbewohner ein ganzes Wochenende lang in Anspruch nahm. Und auch sonst war das sehr hilfreich, vor allem als bei mir im Frühjahr 2009 eine Meniskus-OP anstand. Ich habe die Oldies in dieser Zeit so sehr vermisst und sie mich auch – wie mir berichtet wurde.

Tschaika und Yarko

Teilweise hat Inge die morgendlichen Spaziergänge dann übernommen. Aber bald hielt es mich nicht mehr auf dem Sofa. Es musste doch möglich sein, auch mit Krücke die Spaziergänge wieder aufzunehmen. Und es ging.

Es ist erstaunlich, wie vor allem Tschaika in ihrem hohen Alter immer aktiver wurde. Manchmal lief sie sogar dem zwei Jahre jüngeren Yarko davon oder sprang noch über Gräben. Dabei muss man wissen, dass Yarko schon beim Einzug ins Nordlicht sehr krank war. Es wurde alles unternommen, um ihm seinen Alltag angenehm zu machen, nicht zuletzt, weil die beiden Hunde sehr aneinander hingen und man für den Tag X daher das Schlimmste annehmen musste. Wie sehr zeigte sich jedes Mal aufs Neue, wenn Yarko zum Tierarzt musste und Tschaika allein zu Hause blieb. Sie klagte so laut, dass es draußen zu hören war. Und die Freude bei seiner Rückkehr war riesig. Bei einem anschließenden Spaziergang war die Hundewelt dann wieder in Ordnung.geduldig lassen die Beiden sich fotografieren

Erstaunt hat mich immer wieder die Lebensfreude und Offenheit der beiden alten Hunde. Und gerade bei Tschaika, die um einiges reservierter war als Yarko, konnte ich oft spüren, dass sie mir ihr volles Vertrauen entgegen gebracht hat. Selbst Fototermine mit den Kindern bei einem Kindertag im Nordlicht hat sie geduldig über sich ergehen lassen. Bei Yarko war so etwas eh kein Problem, er tat alles, was von ihm verlangt wurde, immer wieder wurde er mit einem anderen Kind fotografiert. Denn die Kinder wollten natürlich alle ein Erinnerungsfoto von diesem Tag haben. Aber auch Tschaika hat sich nicht gesträubt und sich mit Zureden und etwas Nachschieben mit den Kindern fotografieren lassen. Einfach super!

Im Sommer 2009 kamen die beiden Oldies sogar ins Fernsehen. SAT 1 war im Nordlicht, um eine Reportage über die Station zu bringen. Tschaika und Yarko wurden im Garten und während eines Spazierganges gefilmt, sie wurden also deutschlandweit bekannt.Geburtstagsparty

Im Oktober desselben Jahres wurde dann Geburtstag gefeiert. Tschaika wurde 16 und Yarko 14, außerdem haben alle drei Gassigänger (Inge, Anne und ich) auch in diesem Monat Geburtstag - wenn das kein Anlass war zum Feiern!! Die Vierbeiner wurden mit selbst gebackenen Keksen versorgt, die Zweibeiner mit Frühstück. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber ich hatte das Gefühl, die Oldies haben den Tag so richtig genossen; sie haben gespürt, dass das alles nur für sie veranstaltet wurde.

Es war eine schöne Zeit mit den beiden.
Aber dann kam der zweite Weihnachtstag, der 26.12.2009. Telefonisch teilte mir Corinna mit, dass Tschaika in der Nacht einen Schwächeanfall hatte. Und dabei war sie noch am 24.12. rund eine Stunde ohne Mühe spazieren gegangen, hatte sich immer wieder in den Schnee geworfen und dieses „Tschaika-Wetter“ so richtig genossen….
Als ich im Nordlicht zur gewohnten Zeit ankam, lag Tschaika im Körbchen und stand nicht mehr auf. Yarko und ich gingen also allein auf Tour. Die herbeigerufene Tierärztin riet nach einer eingehenden Untersuchung dazu, Tschaika gehen zu lassen. Im Beisein ihres Sohnes Yarko ging sie über die Regenbogenbrücke.

YarkoDer Flur im Nordlicht war jetzt leerer geworden. Aber der Flurbesetzer Yarko war ja noch da. Er bekam von allen jede Zuwendung, um ihm den Verlust seiner Mama erträglicher zu machen. Bei den Spaziergängen merkte man ihm schon an, dass etwas fehlte. Und so machten wir uns – so oft es ging – gemeinsam mit Cassis (wie wir die Vermittlungshündin Callis nennen) auf den Weg. Das hat ihm sichtlich gefallen. Die Hündin ist sehr viel jünger und hat ihn richtig motiviert; es dauerte nicht lange und die beiden verstanden sich gut.

Dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Yarko wurde schwächer, die Arthrose setzte ihm zu, das kalte Wetter mit Schnee und Eis war natürlich nicht gut für ihn.
Futter interessierte ihn immer öfter gar nicht oder nur mäßig. Möglicherweise machte ihm auch eine von der Tierärztin diagnostizierte Halsentzündung das Schlucken schwer. Eine Situation, die ungünstig war, da er doch seine Medikamente nehmen musste. Und ohne Futter keine Medizin.

Da kam mir die Idee, etwas für Yarko zu kochen, wie ich es bei meinen eigenen Hunden auch gemacht hatte. Also wurden Fleischknochen gekauft, abgekocht und abgepult. In der Brühe habe ich Möhren und Kartoffeln gekocht, das Fleisch wurde klein geschnitten und alles püriert oder gestampft. Aus meiner „Hundezeit“ hatte ich noch einen kleinen Mörser, den ich mit ins Nordlicht nahm. Die Tabletten wurden also gemörsert und unter das Futter gemischt. Yarko hatte ganz schnell begriffen, dass in dem Topf jeweils etwas Leckeres war, das man ohne zu kauen nur schlucken musste. Der Topf war schnell leer, und er hat gleichzeitig seine Medizin bekommen.

Insgesamt aber nahm der Appetit ab, die Tierarztbesuche nahmen zu und die Sorgen um ihn wurden größer. Seine Krebserkrankung machte ihm sicherlich auch zu schaffen. Es folgten kleinere Zusammenbrüche, nach denen er sich jedoch immer wieder aufrappelte. Bis zum 26. Januar 2010. An dem Tag konnte und wollte er wohl auch nicht mehr aufstehen.

Am Tag davor war ich noch eine halbe Stunde mit ihm unterwegs gewesen, er war immer wieder einmal leicht in den Hinterbeinen eingeknickt und konnte seine Hinterpfoten manchmal nicht mehr richtig aufsetzen. Die Stufe ins Haus hatte er auch nicht mehr allein geschafft, da musste ich ihm hinein helfen und drinnen hatte er sich sofort auf seine Decke gelegt.
Yarko hat – wie auch Tschaika – im Nordlicht seine letzten Atemzüge getan und seine letzte Ruhe gefunden.

Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass die beiden Oldies Tschaika und Yarko nach ihrer Reise aus der Familie über das Tierheim und die Station im Schwarzwald in ihrem hohen Alter doch noch Familienanschluss bekommen haben. Im Flur des Nordlichtes hatten sie sich häuslich eingerichtet und man hatte den Eindruck, dass sie mit dieser Lösung vollauf zufrieden waren. Sie hatten einen schönen Lebensabend.

Der Flur im Nordlicht ist jetzt ungewohnt leer, ich vermisse die beiden Fellnasen sehr, aber vergessen werde ich sie nie. Und ich freue mich darüber, dass Anne von Tschaika und Yarko ein Video gedreht hat, das man auf Youtube ansehen kann. Dort ist auch zu sehen, wie sie an ihrem Lieblingsbaum Halt machen, um alle neuen Gerüche von anderen Hunden aus dem Nachbarort zu erschnüffeln. An diesem Baum kamen sie nie ohne „Zeitung lesen“ vorbei. Außerdem ist auf diesem Video zu sehen, wie ein Paket ausgepackt wurde, gefüllt mit selbstgebackenen Hundekeksen. Die beiden Oldies liefen ganz aufgeregt um mich herum, um auch ja nichts zu verpassen. Und als endlich das Paket ausgepackt war, gab es natürlich sofort etwas zu mampfen.

Tschaika und Yarko

Tschüs, meine Mäuse. Man musste euch Prachtexemplare einfach lieb haben.

Alice Winter

 

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