„Abnormal-Repetitives-Verhalten (ARV)“ – bestimmte Verhaltensmustern werden unnatürlich häufig wiederholt

Verhaltenstherapie ist innerhalb der Veterinärmedizin noch ein recht junges Teilgebiet, für das es nur wenig gesicherte Daten gibt. Und auch begrifflich ist manches noch sehr verschwommen, was in der Humanmedizin längst klar definiert ist.

Beim Menschen werden Handlungen, bei denen bestimmte Verhaltensmuster unnatürlich häufig wiederholt werden als Verhaltensstörungen unter dem Oberbegriff „Abnormal-Repetitives-Verhalten (ARV)“ zusammengeführt. Diese Handlungen werden mittels Verhaltenstests, die Aufschluss darüber geben, ob das Verhalten zielgerichtet ist oder nicht, unterteilt in Stereotypien und Zwangsverhalten (compulsive behaviours). Beim Menschen gelten ARV als Schlüsselsymptome für die Diagnose der Erkrankung OCD (obsessive-compulsive disorder oder Zwangstörungen).

In der Veterinärmedizin ist es derzeit noch etwas unklarer, denn lange Zeit wurden alle ARV als Stereotypien bezeichnet. Ausgehend von der menschlichen Erkrankung OCD wurden dann zunehmend alle ARV damit gleichgesetzt, statt Stereotypie wurde nun der Begriff OCD oder CD (compulsive disorder) verwendet.
Die Therapie-Erfolge von ARV bei Hunden mittels Verhaltens- und Pharmakotherapie waren lange recht gering, was möglicherweise an der fehlenden Aufschlüsselung in Stereotypien und Zwangsverhalten lag.

Mittlerweile weiß man, dass die Unterscheidung von ARV in Stereotypien und Zwangsverhalten auch beim Heimtier sinnvoll ist, da beides unterschiedliche kausale Prozesse widerspiegelt, die auf unterschiedlichen Beeinträchtigungen im Zentralnervensystem (ZNS) beruhen. Daraus ergibt sich, dass Stereotypien und Zwangshandlungen unterschiedliche Therapien erfordern.

Per Definition ist eine Stereotypie „das abnormale Wiederholen einer bestimmten motorischen Reaktion“ und das Zwangsverhalten „das abnormale Wiederholen eines bestimmten Verhaltensziels“ (APA 1994).
Bei Stereotypien liegt eine Gleichförmigkeit im Verhaltensmuster vor, jedoch kein offensichtliches Verhaltensziel (oder anders ausgedrückt: gleichförmige, andauernde, situationsfremde und wiederholt ausgeführte, nicht zu einer Endhandlung führende Verhaltenssequenzen), das Zwangsverhalten hingegen ist zielorientiert, jedoch meist variabel im Verhaltensablauf.
Stereotypien können sich im Laufe der Zeit verselbständigen, den Vorgang nennt sich Emanzipation und bedeutet, dass die Stereotypien dann auch unter besten Umweltbedingungen (unter denen sie normalerweise nicht entstehen würden) beibehalten und ausgeführt werden.

Für Mäuse wurden nach dem Vorbild der Humanmedizin artspezifisch modifizierte Verhaltenstests erarbeitet, mit denen Stereotypien und Zwangsverhalten unterschieden werden können. Seit 2006 läuft an der Veterinärmedizin Gießen eine Studie, deren Ziel die Entwicklung ebensolcher Verhaltenstests für Hunde ist, stünden solche Tests zukünftig zur Verfügung, könnten sich für die Therapieerfolge von Abnormal-Repetetitivem-Verhalten wesentliche Verbesserungen ergeben. Denn ARV ist sowohl für die Tiere wie auch für die Besitzer mit Leiden verbunden, aus dem sich nicht nur weitere krankhafte Veränderungen des Vierbeiners ergeben können, sondern das auch in Abgabe oder Euthanasie des Tieres enden kann.

Das Wissen über die Entstehung von Verhaltenssstörungen bei Tieren ist noch relativ begrenzt, vieles bislang unerforscht. Man weiß jedoch, dass es genetische Komponenten gibt, manche Rassen neigen mehr zu ARV, es gibt sogar bestimmte Verhaltensstörungen, die bei speziellen Rassen gehäuft auftreten, wie das Flankenlecken der Dobermänner oder das Anstarren von Schatten oder Lichtreflexen der Border Collies.
Als Risikofaktor bekannt sind auch isolierte und reizarme Aufzuchtbedingungen von Welpen und Junghunden. Das Vorenthalten oder der Entzug sozialer Erfahrungen in den „sensiblen Phasen“, in denen Hunde für bestimmte Lernerfahrungen besonders offen sind, führt zu schwerwiegenden Entwicklungsstörungen. Diese können sich auf alle Verhaltensbereiche auswirken und die Kommunikation mit der Umwelt mehr oder weniger einschränken (Fachbegriff: soziale Deprivation), zum Teil sind diese Störungen irreversibel, also nicht mehr zu korrigieren. So aufgewachsene Hunde zeigen beispielsweise Bewegungsstereotypien, vielfältige zwanghafte Gewohnheiten, zwanghafte Unruhe oder Apathie. Das Erkundungs- und Spielverhalten kann gestört sein, die Lernleistung verringert, bei manchen liegen auch eine Unfähigkeit zu sozialen Kontakten sowie tiefverwurzelte Angst und Unsicherheiten vor.

Die Entwicklung von Verhaltensstörungen ist auch in späterem Alter möglich, beispielsweise wenn die Haltungsbedingungen für den Hund nicht passend sind, wie ausschließliche Zwingerhaltung. Auch traumatische soziale Erlebnisse oder hormonelle Einflüsse während der Pubertät, Trächtigkeit und Menopause können zu ARV führen. Durch die hormonelle Komponente bedingt sind auch bei den Hunden mehr weibliche Tiere von derartigen Erkrankungen betroffen als männliche.

Verhaltenssstörungen entwickeln sich häufig in Konfliktsituationen, wenn der Hund angeborene Verhaltensmuster nicht ausleben kann oder in einen Verhaltenswiderspruch gerät, beispielsweise eine gleich hohe Motivation für Annäherung und Flucht.
Diese stressbesetzten Situationen können durch so genannte Übersprungshandlungen aufgelöst werden, der Hund zeigt ein Verhalten, das der momentanen Situation nicht entspricht. Durch den Stressabbau wird im Gehirnstoffwechsel die Ausschüttung bestimmter Hormone („Glückshormone“ wie Serotonin, Dopamin, ß-Endorphine) angeregt, die das Wohlbefinden steigern. Dieses Konfliktverhalten kann sich schließlich vom ursprünglichen Kontext lösen und in anderen Situationen ausgeführt werden, wenn die Erregung eine kritische Grenze überschreitet. Vermutlich liegen zu diesem Zeitpunkt bereits Veränderungen im Gehirnstoffwechsel vor, eine Art Suchtverhalten entsteht durch dieses selbstbelohnende Verhalten.
Im anderen Fall, also wenn die Erregung nicht mittels anderer Verhaltensmuster (Übersprungshandlung) abgebaut werden kann, besteht die Gefahr, dass der Hund in einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit gerät, d.h.der Hund hat gelernt, dass kein Verhalten zum Erfolg führt.

Daneben gibt es noch eine Vielzahl weiterer möglicher Ursachen für das Entstehen von ARV.
Dazu gehören infektiöse Geschehen wie durch Zecken übertragene Pathogene bei Borreliose oder Ehrlichiose, ferner Staupe, Tetanus, Aujetzky-Krankheit und Tollwut.

Der Befall mit Ektoparasiten (leben auf anderen Organismen und dringen nur mit den der Versorgung dienenden Organen in ihren Wirtsorganismus ein, ernähren sich von Hautsubstanzen oder nehmen Blut oder Gewebsflüssigkeit auf) oder Hauterkrankungen können Verhaltensstörungen, insbesondere Automutilationen (selbstverletzendes Verhalten durch Lecken etc.) begünstigen.

Ursächlich für ARV kann auch eine beeinträchtigte Zirkulation des Blutes in den Extremitäten sein, sowie eine Vielzahl von neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie, Neoplasien des zentralen Nervensystems, zerebellare (das Kleinhirn betreffende) Dysfunktion oder Nervenentzündungen (Neuritiden).
Bei einigen Rassen (English Pointer, Deutsch Kurzhaar, Dackel) gibt es eine angeborene sensorische Neuropathie, ein herabgesetztes Schmerzempfinden führt zum überdurchschnittlichen Auftreten von Leckdermatitis und Automutilaton im Bereich der Gliedmassen.

Verhaltensstörungen wie Schwanzjagen können auch als Folge von Bandscheibenerkrankungen, also luxierter oder subluxierter (verlagerte) Bandscheiben oder im Anschluss an ein physikalisches Trauma oder Operationen auftreten. Eine Cauda-Equina-Kompression oder Sakralmarksensibilitätsstörungen können Verhaltensstörungen wie Schwanzjagen, Schwanzbeißen oder Automutilation im Schwanz- und Perinealbereich sowie am Penis und den Hintergliedmaßen auslösen.

Diskutiert werden als Ursachen auch Tetanus, Botulismus und Medikamente (z.B. Apomorphin) und ein Zusammenhang mit den Proteinquellen (Unverträglichkeit) des Futters bzw. Futterhypersensitivität (Überempfindlichkeitsreaktionen des Organismus).

Die endogene Opiod-Freisetzung durch Autostimulation wird als weitere Möglichkeit für das Auftreten und Beibehalten oder das Fortführen von Abnormal-Repetitivem-Verhalten, speziell Bewegungsstereotypien, betrachtet. Es gibt die Vermutung, dass bei manchen Tieren mit automutilationsbedingten Verletzungen das Schmerzempfinden reduziert sein könnte, andererseits auch die Beobachtung, dass Tiere, die stereotype Bewegungen ausführen, auf Schmerz empfindlicher reagieren. Dies führt zu der Überlegung, dass die Verhaltensstörungen durch die Lage der Endorphin- (Opiat-) Rezeptoren vermittelt werden können und Morphin (das den Opioiden gleicht) die Endorphin-Rezeptoren zu übertriebenen Reaktionen bringen könnte und Naloxon (Opioid-Antagonist also Gegenspieler) Endorphin-Rezeptoren blockiere und so die Symptome verringere.

Angesichts der Vielfalt der Ursachen für Abnormal-Repetitives-Verhalten stehen vor einer Diagnose umfassende klinische Untersuchungen, um körperliche oder durch Parasiten hervorgerufene Erkrankungen abzuklären. Denn eine rein auf die Verhaltensstörungen ausgerichtete Therapie macht nur dann Sinn, wenn keine organische Erkrankung vorliegt.

ARV tritt in verschiedenen Ausprägungen auf, die medizinisch drei verschiedenen Schweregraden (I-III) zugeordnet werden.
Die Kriterien, nach denen zugeordnet wird, sind Dauer, Unterbrechbarkeit, Schlafrhythmus sowie Schlafdauer und Lernfähigkeit.
Häufig auftretende ARV sind beispielsweise:
- auffressen und runterschlucken von unangebrachten Dingen (z.B. Steine, Kot …)
- das Jagen des eigenen Schwanzes
- sich im Kreis drehen
- an der Flanke saugen
- ununterbrochenes Lecken von Körperteilen
- das „Prüfen“ des Hinterteils
- „unsichtbare“ Fliegen jagen
- Schattenstarren oder Lichtreflexe jagen
Ob ein Verhalten lediglich eine „Marotte“ oder bereits eine Verhaltensstörung darstellt, ist für Hundebesitzer nicht immer einfach abzugrenzen, im Zweifel befragen sie ihren Tierarzt. Generell ist Verhalten dann behandlungswürdig, wenn es andere Verhaltensweisen durch seine Ausprägung beeinträchtigt. Die Beeinträchtigung kann ganz unterschiedliche Lebensbereiche betreffen, möglicherweise wird weniger Fressen oder Wasser aufgenommen, der Hund reduziert seine Schlafzeiten oder verweigert sozialen Kontakt bzw. Spaziergänge.
Je länger eine Verhaltensstörung besteht und je schwerer sie ausgeprägt ist, desto geringer ist die Aussicht auf eine vollständig erfolgreiche Behandlung, einige der betroffenen Hunde werden auch langfristig nicht komplett verhaltensunauffällig.

Viele Besitzer tun sich schwer im Umgang mit ARV, vor allem dann, wenn sie den Hund second-hand erhalten haben und die Erkrankung auf frühere Lebensbedingungen des Hundes zurückzuführen sind oder wenn eine organische Ursache auslösend für das Entstehen von ARV ist.
Nun zu einem menschlichen Verhalten zu finden, das die bestehende Symptomatik weder begünstigt noch fördert ist mitunter sehr schwer. Denn gerade mit Blick auf den Faktor „Stress“ stellt sich stets die Frage, was an Aufgabenstellung, an Anforderung bringt den Hund voran, fördert ihn positiv und was überfordert den Hund und wird somit zu Stress. Wobei auch Strafe Stress auslöst und daher bei ARV-Patienten so gut es eben möglich ist vermieden werden sollte (Ausnahmen sind natürlich wirklich schwerwiegende Dinge wie Katzenjagen oder ähnliches).
Schwer ist auch der möglichst neutrale, ignorante Umgang mit dem gezeigten Verhalten, denn auch das Schmunzeln beim Anblick des Schwanz-jagenden Hundes oder die vermehrte Zuneigung beim Pfotenlecken aus Sorge vor der Leckdermatitis können die jeweilige Verhaltensstörung verstärken und diese in Richtung einer weiteren neuen Auftretensform, dem „Aufmerksamkeit erheischenden Verhalten“, lenken.
Viele Besitzer stehen ARV oft hilflos und überfordert gegenüber und nicht alle bringen trotz bester Vorsätze schlussendlich die Kraft und das Durchhaltevermögen auf, mit ihrem Hund nach einem Therapieansatz zu suchen.

Die ersten Therapieansätze liegen in einer Optimierung der Haltungsbedingungen was Auslauf, Beschäftigung und Kontaktmöglichkeiten zu anderen Hunden angeht und in einer Verbesserung der Mensch-Hund-Beziehung. Denn dadurch, dass die Hunde uns Menschen meist so fein beobachten und erspüren, gleichen diese viele unserer Unklarheiten und Undurchschaubarkeiten aus. Einem Hund mit ARV erzeugt es aber unbewussten Stress, wenn die Führung durch den Menschen keinen klaren Regeln folgt (mal so, mal so) oder sich beispielsweise die Körperhaltung seiner Bezugsperson häufig im Widerspruch zu den verbalen Kommandos befindet.
Hilfreich ist auch ein strukturierter und sich wiederholender Tagesablauf mit klar bestimmten Regeln und geplanten Interaktionen.
Weitere Therapieansätze liegen in der professionellen Desensibilisierung gegenüber streßauslösenden Faktoren, in gezieltem Verhaltenstraining und insbesondere in fortgeschrittenen Stadien im Einsatz von Medikamenten, meist Psychopharmaka.
 

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