Goldakupunktur

 In den siebziger Jahren wurde in den USA die International Veterinary Acupuncture Society (IVAS) gegründet. Dr. Grady Young, der bereits seit einiger Zeit Akupunktur bei Hunden mit Hüftgelenksdysplasie anwandte und Dr. Terry Durkes, der auf den Gedanken kam, die Akupunkturpunkte längerfristig und dauerhaft zu stimulieren, begannen 1975 bei einer Gruppe von sieben Deutschen Schäferhunden mit Hüftgelenksdysplasie die Grundlagen für die heute sehr bekannte Goldakupunktur zu legen.
Bereits bei diesen ersten Versuchen zeigte sich, dass mit dieser Methode gute Erfolge bei einigen Hunden erzielt werden können. Jüngere Hunde benötigen im Allgemeinen mehr Gold als ältere. Die Größe eines Hundes beeinflusst den Therapieerfolg nicht, jedoch das Lebensalter des Patienten. Dr. Terry Durkes gibt in einem Aufsatz (zum 25. Jahrestag der IVAS) bei Hüftgelenksdysplasie eine Erfolgsrate von 98 % für die Altersklasse 3 bis 7 Jahre an, bei Hunden von 7 bis 12 Jahren sind es noch 80 %, bei den 12 bis 17jährigen Hunden noch 50%. Als Hauptursache für eine nicht erfolgreiche Goldimplantation gibt Dr. Durkes eine sekundäre degenerative Myelopathie (Erkrankung des Rückenmarks/ Erkrankung des Knochenmarks) an.
Von 1989 bis 1995 behandelte in Dänemark Jens Klitsgard 400 Hunde mit Hüftgelenksdysplasie mit der Goldakupunktur-Implantation und in Norwegen arbeitete Are Thorensen ebenso erfolgreich.
In Deutschland und Österreich konnte sich das Verfahren erst Ende der 90er Jahre wirklich durchsetzen. Die vielen positiven Erfahrungen aus den USA und Skandinavien führten allerdings zu einer regelrechten Vermarktung, zu einem künstlich ausgelösten Boom, unter dem leider auch die Qualität litt. Die reine Technik der Goldakupunktur zu erlernen ist nicht allzu schwierig, die gekonnte Anwendung im individuellen Fall verlangt jedoch fundierte Kenntnisse der Tierakupunktur und ein Verständnis für die Prinzipien der Traditionellen Chinesischen Akupunktur (TCM), denn nur so kann der Patient richtig beurteilt werden.

 Zwei Begriffe, Goldakupunktur und Goldimplantation, werden im Zusammenhang mit dem Einbringen von Gold in den Körper fast gleichwertig verwendet, ihre Grundbedeutung ist jedoch eigentlich eine andere.
Goldimplantation ist das reine Einbringen von Goldstückchen in den Körper, dies kann jeder Chirurg ausführen, Kenntnisse der Akupunktur sind hierfür nicht zwingend Voraussetzung.
Goldakupunktur ist hingegen eine Spezialform der Klassischen Akupunktur nach den Regeln der Traditionellen Chinesischen Medizin. In der traditionellen asiatischen Medizin geht man davon aus, dass Akupunktur in allen Fällen, außer in denen chirurgische Eingriffe notwendig sind, erfolgreich angewandt werden kann. Akupunktur wird zwar an bestimmten Körperstellen angewandt, wirkt aber auf das gesamte System. Die Akupunktur versteht sich als eine ganzheitliche Behandlungsmethode, die in sich zwar geschlossen ist von der Diagnose bis zur Therapie, jedoch immer offen ist für Kombinationen mit anderen Methoden der Behandlung. Mit dem Einsetzen von Goldstückchen in die verschiedenen Akupunkturpunkte wird in vielen Fällen eine lang andauernde Besserung der Beschwerden erreicht. Dr. Terry Durkes selbst gibt an, dass bereits eine Fehlplatzierung der Goldstückchen von nur 1/16 inch (1 inch = 2,54 Zentimeter) den Therapieerfolg deutlich verringern.

9 jährige Siberian Husky Hündin mit hochgradiger Spondylose
Brustwirbel/Lendenwirbelsäule - nach Goldakupunktur

Die Goldakupunktur wird in der Veterinärmedizin vor allem bei chronisch schmerzhaften Gelenkserkrankungen eingesetzt, also bei Dysplasien oder Arthrosen von Hüftgelenken, Ellbogengelenken, Kniegelenken etc., aber auch bei Verknöcherung der Wirbelsäule (Spondylose) und chronischen Schmerzsyndromen (auch Restschmerzen nach Operationen).
Eine Gelenkserkrankungen verändert letzten Endes immer den gesamten Bewegungsablauf, da der Hund sich bereits in einem frühen Stadium eine Schonhaltung angewöhnt, die die angrenzenden Gelenke vermehrt belastet und oft auch zu Muskulaturverspannungen führt. Bei einer Hüftgelenksdysplasie beispielsweise leistet der Hund vermehrt Vorwärtsschub mit den Vorderbeinen um die Hintergliedmaßen, die diesen Schub beim gesunden Hund zu etwa 70 % erbringen, zu entlasten. Meist überlasten dann die Vordergliedmaßen als Folge, in der Regel zunächst die Ellbogen, dann die Schultern. So entsteht aus der Erkrankung des einen Gelenks unter Umständen eine (schmerzhafte) Erkrankung von weiten Teilen des Bewegungsapparates.

Ellbogen einer 9jährigen Siberian Husky Hündin mit Arthrose,
 am 5. Tag nach Goldimplantation

Ziel einer Goldakupunktur ist es, Schmerzen zu lindern und den ursprünglichen Bewegungsablauf ohne Schonhaltungen wieder zu ermöglichen. Die bereits vorhandenen Veränderungen an den Gelenken werden durch die Goldakupunktur nicht beseitigt, auch Arthrosen bestehen weiterhin. Durch die Einwirkung der Implantate auf den Akupunkturpunkt wird allerdings der Stoffwechsel des Gelenkes und seiner Umgebung angeregt, Entzündungs- und / oder Schmerzstoffe werden leichter abgebaut bzw. abtransportiert. Die Schmerzen im Gelenk werden bei erfolgreicher Implantation weniger oder verschwinden ganz, Schmerzmittel können reduziert oder sogar weggelassen werden. Der Hund kann sich wieder besser bewegen und gewinnt dadurch an Lebensfreude und Lebensqualität.
Bildgebende Verfahren wie Röntgen / CT / MRT sind auch mit Goldimplantaten möglich, die Implantate sind auch kein Hindernis für sonstige, spätere Behandlungen jeglicher Art. Gold ist inert, also träge und reaktionslos, es wächst ohne zu Wandern problemlos in das Gewebe ein. Bisher wurde in keinem Fall eine Abstoßungsreaktion festgestellt.


Der Behandlungsablauf
Um beurteilen zu können, ob eine Goldakupunktur bei einem Patienten sinnvoll ist, ist zunächst eine umfassende Beurteilung seiner motorischen Abläufe in Ruhe und Bewegung (Gangbildanalyse) erforderlich. Der gesamte Körper wird nach Muskelverspannungen und Schmerzpunkten abgetastet. Hierbei werden die Akupunkturpunkte bestimmt, die für eine Goldimplantation in Frage kommen. Da für die noch nötige Röntgenuntersuchung der Gelenke und die Implantation selbst eine Sedation oder Narkose erforderlich ist, wird danach eine klassische Allgemeinuntersuchung durchgeführt (Herz-Kreislauf, evt. Labordiagnostik). Bei unauffälligem Befund wird der Hund sediert und Röntgenaufnahmen angefertigt. Für jeden Hund wird dann ein individueller Therapieplan erstellt.
Die Implantation des Goldes kann unmittelbar im Anschluss erfolgen oder zu einem separaten Termin. Wissen sollte man, dass es Hunde gibt, bei denen die Ursache für Gelenksprobleme in freien Gelenkkörpern liegt, die nicht in jedem Fall mittels Röntgen darstellbar sind. Bei diesen Hunden wird die Goldimplantation nicht den erwünschten Erfolg bringen (der Hund wird also weiterhin lahmen) und es werden weitere gezielte Untersuchungen (Arthroskopie oder Computertomographie) nötig werden.
Für die Implantation selbst werden je nach Umfang etwa ein bis drei Stunden benötigt. Beim sedierten Hund werden die Implantationsbereiche chirurgisch vorbereitet, also rasiert, desinfiziert). Um die zur Implantation verwendete Hohlnadel gut platzieren zu können, wird ein kleiner Hautschnitt von etwa 2 – 3 mm gemacht. Durch diesen wird die Hohlnadel an das Zielgebiet geführt. Ist die Nadel in der richtigen Lage, werden in den Konus der Nadel ein bis drei, ca. 2 – 3 mm lange und 1 mm dicke sterile Goldstückchen aus 24 Karat Feingold ( alternativ Goldkügelchen mit etwa 1 mm) eingelegt. Mit einem Stift (Mandrin) werden die Goldstückchen in die Tiefe geschoben, dann wird die Nadel und anschließend der Mandrin entfernt. Der Hautschnitt wird mit einem Nahtheft verschlossen, um die Narbenbildung minimal zu halten, da man weiß, dass wulstige Narben im Bereich von Akupunkturpunkten zu Störfeldern führen können. Zum Abschluss werden Kontrollaufnahmen aller einbezogenen Gelenke angefertigt. Danach kann die Sedation aufgehoben bzw. die Narkose ausgeleitet werden.
Die Goldimplantation ist also ein minimal invasiver Eingriff, der nur wenig zusätzliche Schmerzen bereitet und auch keine lange Rekonvaleszenz-Zeit erforderlich macht. Dennoch birgt auch dieser Eingriff Risiken, die vor allem durch sachkundige Ausführung minimiert werden können. Möglich wäre die versehentliche Implantation des Goldes in ein Gelenk (das wäre dann ein freier Gelenksfremdkörper mit entsprechenden Folgen) oder Implantation des Goldes an einen Nervenstrang (Dauerreizung). Auch lokale Infektionen sind möglich, ebenso deutliche Blutergüsse im Bereich der Implantationsstellen. Dies liegt an der meist starken Durchblutung der chronisch entzündeten Gebiete. Meist klingen diese Blutergüsse schnell ab, in Ausnahmefällen kann es zu Verdickungen an den betroffenen Stellen kommen, wenn Teile des Blutergusses in Bindegewebe gewandelt werden.
 

Rücken einer 9jährigen Siberian Husky Hündin mit
hochgradiger Spondylose am 5. Tag nach der Goldimplantation.


Die Nachsorge
Die Fürsorge für diesen Bereich obliegt fast ausschließlich dem Halter, denn der Tierarzt kann zu dieser Phase nur wenig beitragen, lediglich das Ziehen der Fäden in der Zeit zwischen dem 4. und 10. Tag, je nach individueller Wundheilung.
Der positive Effekt einer Goldimplantation kann sich bereits nach zwei Tagen zeigen, es kann aber auch zwei Wochen oder zwei Monate dauern. Ganz wichtig ist, dass es mit den Verbesserungen nicht zu einem massiven Muskelkater mit Muskelfaserrissen und Übersäuerung der Muskulatur kommt. Und das geht, da die meisten Hunde durch die Schonhaltung einige Muskelgruppen kaum oder gar nicht mehr belastet haben, manchmal schneller als gedacht. Viele der Hunde, bei denen die Implantation erfolgreich ist, werden nämlich ausgesprochen fröhlich und agil – und würden, wenn sie könnten, viel mehr belasten als wünschenswert ist.
Viele der erfahrenen Goldakupunkteure raten dazu, den Hund in den ersten beiden Wochen nur an der kurzen Leine im kontrollierten Schritt zu bewegen und wildes Spiel oder Toben zu unterbinden, auch von ausgiebigen Spaziergängen wird abgeraten. Im Schritt wird ein Gelenk aus eigener Muskelkraft durchbewegt, der Faktor „Unterstützung durch Schwung“ entfällt. So können gezielt die Muskeln aufgebaut werden, die bisher wenig genutzt wurden. Optimiert werden kann der Behandlungserfolg in vielen Fällen auch durch zusätzliche physiotherapeutische Maßnahmen. Nach den ersten Wochen wird die Belastung, wieder ganz individuell dem Hund und seinem Befinden entsprechend, langsam gesteigert. Das Schritt-Training kann also für einige Monate aktuell bleiben. Viele Goldakupunkteure bestellen ihre Patienten gerade in den ersten Monaten regelmäßig zur Nachsorgeuntersuchung ein, um die Fortschritte zu dokumentieren und die weitere Bewegungstherapie (und die Dosis evt. noch erforderlicher Schmerzmittel) mit den Besitzern zu besprechen.
Eine Goldimplantation ist auch bei Hunden möglich, bei denen der Einsatz einer Hüftgelenksprothese zukünftig erforderlich sein könnte. In diesen Fällen sollten die Hüfte und deren arthrotische Veränderungen mit regelmäßigen röntgenologischen Untersuchungen kontrolliert werden. Sollte eine Hüftgelenksprothese eines Tages erforderlich werden, so kann es am nicht-operierten Bein (Hüftgelenksprothesen werden in der Regel erst auf der einen dann auf der anderen Seite eingesetzt) während der Rekonvaleszenz zu einer Überbelastung kommen. Am Bein der operierten Seite wird die Muskulatur durch die Schonung zurückgehen und muss anschließend wieder aufgebaut werden.


 

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