Hüftgelenksdysplasie

Die Hüftgelenksdysplasie (kurz „HD“) ist eine genetisch (also erblich) bedingte Fehlbildung eines oder beider Hüftgelenke, die sowohl beim Hund als auch bei der Katze vorkommen kann.

Das Hüftgelenk ist ein Kugelgelenk. Beim gesunden Hüftgelenk sitzt der Oberschenkelkopf tief und fest in der so genannten Pfanne am Beckenknochen, die Gelenkflächen sind mit Knorpel überzogen. Durch den Band- und Kapselapparat werden Oberschenkelkopf und Pfanne miteinander verbunden. Die Gelenkhöhle ist von der Gelenkkapsel umgeben, diese ist für die Bildung der Gelenkschmiere (Synovia) verantwortlich. Die Synovia ernährt den Gelenkknorpel und ermöglicht ein reibungsloses Gleiten.

Bei einer Fehlbildung, einer Dysplasie, passen Pfanne und Oberschenkelkopf nicht richtig zueinander, dies führt zu einer Instabilität im Hüftgelenk. Manchmal ist die Pfanne zu flach, so dass der Kopf aus ihr herausrutschen und an den Enden des Gelenks scheuern kann, in anderen Fällen ist der Oberschenkelkopf nicht korrekt ausgebildet. Es entstehen Fehlbelastungen an den Gelenkflächen mit lokaler Überbelastung der Gelenkpfanne, Zerrungen der Gelenkskapsel und der Bänder sind möglich. Der Gelenkknorpel verändert sich, kann sogar bis zum völligen Schwund abgerieben werden. Auf diese Veränderung innerhalb des Gelenks reagiert die Gelenkkapsel mit einer Entzündung. Von der Knochenhaut gehen Wucherungen aus, zunächst in Form von Reparaturgewebe, das auch „Arthrose“ genannt wird, fortschreitend kommt es zu knöchernen Zubildungen. Dies verursacht Schmerzen und die betroffenen Hunde versuchen daher, die Hinterbeine zu entlasten. Die resultierende Schon- bzw. Fehlhaltung führt zu Muskelschwund, der den Prozess weiter verschlimmert, da die Muskulatur eine wichtige Stützfunktion hat.

Die HD gehört zu den häufigsten Erkrankungen des Bewegungsapparates bei mittelgroßen bis großen Hunden, sie tritt sowohl bei Rassenhunden wie auch bei Mischlingen auf, ihr Auftreten hängt nicht vom Geschlecht des Hundes ab.
Die Dysplasie entwickelt sich in der Wachstumsphase des Hundes, also in den ersten 15 – 18 Lebensmonaten. Dies heißt auch, dass sich nach Abschluss des Wachstums das Hüftgelenk nur noch operativ positiv beeinflussen lässt. Erst mit Beendigung der Wachstumsphase eines Hundes lässt sich der Grad der Hüftgelenksdysplasie mittels Röntgenuntersuchung endgültig befunden. Röntgenaufnahmen, die vor diesem Zeitpunkt gefertigt werden, können aber bereits erste Hinweise auf das Vorliegen einer HD geben und sind keinesfalls vergebens, denn je früher diese Erkrankung festgestellt wird, desto mehr Möglichkeiten bieten sich. Auch für einen jungen Hund mit HD gibt es viele Wege, ihm ein langes Leben ohne größere Einschränkungen zu ermöglichen – sprechen Sie im Zweifel Ihren Tierarzt lieber einmal zuviel als zuwenig an.

Da HD seit Jahrzehnten eine große Rolle in der Hundezucht und der tierärztlichen Praxis spielt, ist diese Erkrankung recht gut erforscht, manches ist jedoch nach wie vor unklar. Die Ursache der HD ist noch nicht vollständig geklärt. Eine entscheidende Bedeutung kommt der Stabilität des Hüftgelenks und damit der korrekten Ausbildung des Bindegewebes, welches die Gelenkskapsel bildet, zu. In den Erbanlagen eines Hundes liegt somit die wichtigste Grundlage für HD. Diese Anlage wird von verschiedenen Genen beeinflusst, welche Gene eine Rolle spielen, ist noch nicht geklärt.
Doch nicht nur die Erbanlagen beeinflussen die Entwicklung der Hüftgelenke, auch der Ernährung kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Nachgewiesen ist, dass eine Fütterung, die den Hund sehr schnell wachsen und vor allem schnell an Gewicht zunehmen lässt, die fehlerhafte Entwicklung der Gelenke fördert. Oder sehr hart ausgedrückt: ein Hund mit einer Veranlagung zu HD kann sich die Hüftgelenksarthrose (Coxarthrose) regelrecht anfressen. Ein mittelgroßer bis großer Hund sollte also langsam und mager groß werden, da eine kalorienmäßig zurückhaltende und ausgewogene Fütterung das Ausmaß der Erkrankung selbst bei vorhandener Veranlagung zu HD mildern kann. Besonders wichtig ist es, ein Überangebot von Kalzium (Futterkalk) im Futter zu vermeiden und auf ein ausgeglichenes Kalzium/Phosphor-Verhältnis (1:1) zu achten. Hinsichtlich des Einflusses von Futtermittelzusätzen herrscht Uneinigkeit über deren Wirksamkeit. Die Gabe von Vitamin C wird heute als nicht sinnvoll erachtet, Glukosaminsulfat hingegen kann bei einigen Hunden Schmerzen lindern (aber Arthrose selbstverständlich nicht heilen), andere Hunde sprechen auf diesen Wirkstoff gar nicht an. Nebenwirkungen sind bei Glukosaminsulfat bisher keine bekannt. Die Gruppe der Glykosaminoglykane (GAG) wird aus Haifischknochen und Rinderluftröhren gewonnen, sie stärken ebenso wie Muschelextrakte den Hüftgelenksknorpel und sollen einen zu raschen Abbau desselben durch die HD in Jugendjahren verhindern. Den GAG und vor allem dem darin enthaltenen Chondroitinsulfat wird eine schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben, andere Quellen geben aber an, dass Chondroitinsulfat weniger wirksam sei, da es nicht unverändert durch die Darmwand aufgenommen werden könne.

Die HD wird in fünf verschiedene Schweregrade eingeteilt:

  • A = HD frei (In jeder Hinsicht unauffällige Gelenke, Norberg-Winkel 105° oder mehr.)

  • B = Übergangsform (Schenkelkopf oder Pfannendach sind leicht ungleichmäßig und der Norberg-Winkel beträgt 105° (oder mehr), oder Norberg-Winkel kleiner als 105° aber gleichförmiger Schenkelkopf und Pfannendach.)

  • C = leichtgradige HD (Oberschenkelkopf und Gelenkpfanne sind ungleichmäßig, Norberg-Winkel 100° oder kleiner. Eventuell leichte arthrotische Veränderungen.)

  • D = mittelgradige HD (Oberschenkelkopf und Gelenkpfanne sind deutlich ungleichmäßig mit Teilverrenkungen. Norberg-Winkel größer 90°. Es kommt zu arthrotischen Veränderungen und/oder Veränderungen des Pfannenrandes.)

  • E = hochgradige HD (Auffällige Veränderungen an den Hüftgelenken (bsp. Teilverrenkungen), Norberg-Winkel unter 90°, der Pfannenrand ist deutlich abgeflacht. Es kommt zu verschiedenen arthrotischen Veränderungen)

Bei den Röntgenaufnahmen wird zusätzlich noch die Messung des so genannten NORBERG - Winkels durchgeführt. Er ist als der Winkel definiert, der zwischen dem Zentrum des Oberschenkelkopfes und dem vorderen Pfannenrand abgetragen wird. Diese Messung, die mit einer speziellen Schablone direkt am Röntgenbild erfolgt, erlaubt eine objektive Zusatzbeurteilung des Hüftzustandes. Erwünscht ist ein Wert von 105° oder darüber; geringere Werte deuten auf flache Pfannen oder auch lose Hüften hin.

Hunde haben wie Menschen ein sehr individuelles Schmerzempfinden und so sagt ein Röntgenbefund nichts aus über den Umgang des Hundes mit seiner Erkrankung. Ein Halter, der seinen Hund kennt und beobachtet, wird vermutlich an geringfügigen Veränderungen des Hundeverhaltens merken, ab welchem Zeitpunkt der Hund Schmerzen hat. In der Regel lässt die Aktivität des Hundes nach, er legt sich häufiger hin, findet oft jedoch nur schwer eine bequeme Stellung. Beim Aufstehen hat der Hund Mühe und lahmt vielleicht sogar in der Hinterhand nach längerem Liegen. Diese Lahmheit verschwindet in frühen Stadien nach einigen Schritten, später treten Lahmheitsanzeichen zunehmend auch bei körperlichen Aktivitäten des Hundes auf. Die medikamentöse Behandlung wird sich auf Schmerz und Entzündungshemmung konzentrieren, Vorsicht ist im Umgang mit Cortison geboten, da dieses Gewebe aller Art abbauen kann.
Eine gute Schmerztherapie ist auch bei Hunden sehr wichtig, denn nicht selten verändert sich unter chronischen Schmerzen der Charakter eines Hundes, sogar „Bissigkeit“ hat ihre Ursache mitunter darin. Die meisten Schmerzmittel haben Nebenwirkungen im Bereich des Magen-Darm-Traktes, die sich durch bestimmungsgemäße Verabreichung oft in Grenzen halten lassen. Um die Auswirkungen auf das Immunsystem kontrollieren zu können, sollten regelmäßige Blutbilder erstellt werden.
Bei einigen Hunden mit Hüftgelenksdysplasie kann die langsam bekannter werdende Goldimplantation in Frage kommen.

Operativ gibt es verschiedene Möglichkeiten, etwas für einen HD-erkrankten Hund zu tun.

Bei jungen Hunden im Alter von 6 bis etwa 16 Monaten mit nicht besonders schwerwiegenden Fehlbildungen können durch eine Bewegungstherapie und gleichzeitige Fütterungsumstellung schwere Schäden häufig vermieden oder vermindert werden.

Bei der dreifachen Beckenosteotomie (Beckenschwenk-Osteotomie) wird das Becken an drei Stellen (Darmbein, Sitzbein und Schambein) durchtrennt, das Becken etwas zur Seite gekippt und im korrekt zum Oberschenkelkopf stehenden Winkel wieder durch Osteosynthese (operative Versorgung von Knochenverletzungen mit Metallimplantaten) verbunden. Diese Operation wird bei mittlerer bis schwerer HD im Frühstadium durchgeführt, sie ist nur möglich, wenn noch keine Arthrosen vorliegen, daher wird auch diese OP meist bei Junghunden durchgeführt.

Bei Hunden mit mäßiger Arthrose kann die PIN-Operation durchgeführt werden, sie ist auch bei Junghunden möglich. Die Operation kann gleichzeitig an beiden Hintergliedmassen durchgeführt werden. Die PIN-Operation betrifft im Wesentlichen den Musculus pectineus (lat.: Kammmuskel), ein Muskel an der Innenseite des Oberschenkels. Er begrenzt bei Tieren das Schenkeldreieck (Trigonum femorale) von hinten. Der Musculus pectineus ist gelegentlich beim Hund mit dem Musculus adductor longus vereinigt. Ziel der OP ist die Durchtrennung oder Entfernung des Musculus pectineus sowie das Umschneiden des Gelenkkapselrandes zur Unterbindung der schmerzleitenden Nervenfasern (verwendet wird daher auch der Begriff Denervation). Die Veränderung der mechanischen Kräfte im Hüftgelenk kann in manchen Fällen eine Schmerzlinderung bewirken, der Erfolg hält meist zwischen einem halben und mehreren Jahren an. Über den wissenschaftlich belegbaren Erfolg dieser seit mehr als 25 Jahren eingesetzten Methode liegen uneinheitliche Resultate vor, vor allem hinsichtlich des Langzeiteffekts.

Bei der Femurkopfresektion wird der Oberschenkelkopf und –hals abgesetzt und entfernt. Nach sechs bis acht Wochen hat sich ein bindegewebiges „Ersatz(puffer)gelenk“ gebildet, mit dem die Tiere normal beansprucht werden können.
In den ersten Tagen nach der Operation muss der Patient geschont werden. Sofern notwendig, werden Schmerzmedikamente gegeben. Sobald die Gliedmaße wieder belastet wird, sind kurze Spaziergänge an der Leine erlaubt und erwünscht. Sofortige Physiotherapie nach der Operation wirkt sich günstig auf den Heilungsverlauf aus. Die Ergebnisse dieser Operation sind sehr oft gut. Uneinigkeit herrscht bezüglich der Angaben, bis zu welchem Körpergewicht eines Hundes die Operation durchführbar ist (Angaben von 18 – 30 Kilo maximal) und ob diese beidseitig möglich ist.

Auch bei Hunden besteht die Möglichkeit der totalen Hüftgelenkprothese. Dabei wird der knöcherne Anteil des Gelenkes durch Metall und Kunststoff ersetzt. Verschiedene Typen von der zementierten bis zur zementlosen (verschraubten) Prothese sind auf dem Markt erhältlich. Nach Entfernung des dysplastischen und arthrotischen Oberschenkelkopfes werden der Oberschenkelschaft und die Gelenkpfanne im Becken zur Aufnahme der Prothese vorbereitet. Es wird in der Regel zunächst nur eine Seite operiert.
Bei den neuen, zementfreien Hüftgelenken besteht die künstliche Pfanne aus Titan und Polymethylmetacrylat und wird nach maßgenauer Einpassung und Ausrichtung mit einer Schraube fixiert. Das Gegenstück, der Titan-Stamm, wird mittels drei bis fünf Schrauben auf der Innenseite des Oberschenkels korrekt verschraubt. Die Verbindung stellt das aufgeschlagene Halsstück dar. Bei Bedarf können, im Gegensatz zu den bisherigen, zementierten Prothesen, Richtung und Größe der Anteile während der Operation oder noch Wochen danach verändert werden. Die meisten Hunde zeigen schon Tage nach der Operation eine verbesserte Fortbewegung. Die Lahmheit verschwindet normalerweise innerhalb von 4 bis 6 Wochen nach dem Eingriff. Nicht in allen Fällen ist bei Hunden mit beidseitiger Dysplasie ein zweiter Eingriff nötig, um die noch nicht operierte Hüftseite noch mit einem künstlichen Hüftgelenk zu versehen, da viele der Hunde die operierte, schmerzfreie Seite mehr belasten und so eine gute Lebensqualität haben.

Hüftgelenksdysplasie wird wohl noch lange Thema bei Hundehaltern und in Tierarztpraxen sein, obwohl sich gerade bei den Rassehunden viele Rassehundeklubs sehr um eine HD-freie Nachzucht bemühen. Ähnlich wie bei anderen, ebenfalls genetisch bedingten Erkrankungen wird von Seiten verantwortungsbewusster Züchter durch Zuchtwertschätzungen und strategische Paarung versucht, Welpen zu züchten, die ein unterdurchschnittliches Risiko haben, an HD zu erkranken.
In die Zuchtwertschätzung eines Hundes fließt nicht nur dessen eigener Gesundheitszustand ein, sondern auch die Resultate seiner Geschwister und möglicher bereits geborener Nachkommen. Durch eine geschickte Auswahl eines entsprechenden Partners (strategische Paarung) kann die genetische Disposition der Nachkommen günstig beeinflusst werden. Dies ist eine Methode der Zuchtselektion, die sich, konsequent durchgeführt, in der Vergangenheit beim Hund als äußerst erfolgreich erwiesen hat.
Doch solange mancher Züchter mehr auf Quantität denn auf Qualität achtet, manch einer im privaten Hinterhof eine gute Geldquelle in der Erzeugung von leicht verkäuflichen, gerade populären Hunderassen sieht und nach wie vor viel zu viele private Hundehalter ihrer Hündin einen Wurf „gönnen“, solange wird HD auch nicht ihren „Spitzenplatz“ bei den Erkrankungen des Bewegungsapparates verlieren.
 

Diese interessante Seite einem Freund senden

 zurück