Otitis, die Entzündung des Ohres

 

Unterteilt ist das Ohr des Hundes in das äußere und das innere Ohr. Der äußere Gehörgang nimmt im Verlauf eine Biegung um fast 90 Grad, der senkrechte Teil des äußeren Gehörganges ist also gut einsehbar, der horizontale (waagrechte) Teil aber nur mit entsprechenden tierärztlichen Hilfsmitteln. Auch die Reinigung dieses tiefen Anteils des äußeren Ohres ist schwierig. Das innere Ohr ist von der so genannten „Bulla“ umgeben, einer knöchernen Blase, die hinter den Kieferästen liegt. Die Bulla schützt die empfindlichen Organe des inneren Ohres, das Mittelohr und das Innenohr.
Hinter dem Begriff Otitis verbirgt sich eine Entzündung des Ohres, beschrieben werden damit Erkrankungen von der einfachen Entzündung bis hin zur chronischen Otorrhoe („Ohrenfluss“, der Absonderung von mitunter eitrigen Flüssigkeiten aus dem Ohr, häufig verbunden mit einer spontanen Perforation des Trommelfells). Der Zusatz externa bei der Otitis bedeutet, dass sich die Entzündung auf den äußeren Gehörgang, das äußere Ohr beschränkt und Mittel- und Innenohr nicht betroffen sind.
Nach längerer Krankheitsdauer geht die Entzündung des äußeren Ohres in eine Mittelohrentzündung (Otitis media) über. Besteht diese dann über einen längeren Zeitraum, können mittels Röntgen knöcherne Veränderungen der Bulla nachgewiesen werden. 

Von vielen Tierbesitzern wird nicht wahrgenommen, dass die Ohrentzündung keine lästige Erscheinung ist, sondern eine sehr schmerzhafte Erkrankung. Da das Außenohr einen bedeutenden Anteil am Hörprozess hat, kann eine schwere Otitis externa das Hörvermögen beeinträchtigen und in letzter Konsequenz sogar zum Verlust des Hörvermögens führen.
In der tierärztlichen Praxis sind Erkrankungen der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs recht häufige Beschwerdebilder. In der Veterinärmedizinischen Fakultät in Edinburgh war davon beispielsweise jeder 8. Hund betroffen, der dort im Rahmen einer Tierübungslehreinheit vorgestellt wurde [Fraser et al., 1970].

Schematische Darstellung eines HundeohresDie Ursache für die Entzündung des Ohres kann ein Fremdkörper im äußeren Gehörgang sein, also Grannen, Schmutz, verfilzte Haare oder einfach nur getrocknetes Ohrenschmalz, aber auch Parasiten, eine Pilzinfektion (Mycose), eine Allergie, eine Hauterkrankung, Polypen usw. können eine Irritation im Ohr hervorrufen.
Die einsetzende, lokale Entzündung sorgt im Gehörgang für eine ansteigende Temperatur, ein Klima, das die Vermehrung von Bakterien und Pilzen fördert. Die Schleimhaut des Ohres reagiert auf den Reiz mit vermehrter Produktion von Ohrenschmalz, ein guter Nährboden für die Keime. Der äußere Gehörgang schwillt langsam an, irgendwann kann der Eiter aus der Tiefe nicht mehr abfließen, zu diesem Zeitpunkt ist das Hörvermögen bereits deutlich eingeschränkt. In mehr als 60 % der Fälle sind bei den Hunden beide Ohren betroffen.

Nach den Ergebnissen verschiedener Studien scheint es bei bestimmten Rassen eine Prädisposition für die Otitis externa zu geben. Genannt werden die Schäferhunde, die Cocker- und die Springer-Spaniel, sowie die Zwergpudel. Auch das Alter eines Hundes scheint ein Faktor zu sein, demnach sind Tiere zwischen zwei und sechs Jahren häufiger betroffen. Eine Rolle zu spielen scheinen auch die Haare im Ohrkanal, je mehr Haare sich dort befinden, desto eher scheint es zu einer Otitis externa zu kommen.

Das Hundeohr, schematische Darstellung

Je früher eine Entzündung des äußeren Gehörgangs erkannt wird, desto besser sind die Chancen, diese relativ einfach und zügig in den Griff zu bekommen. Kratzt ein Hund vermehrt an den Ohren, schüttelt häufiger den Kopf oder hält ihn schief, so kann dies ein Hinweis auf eine beginnende Ohrentzündung (oder Milbenbefall etc.) sein und mit Blick auf die möglichen Folgen sollte das Tier lieber einmal zu viel als zu wenig beim Tierarzt vorgestellt werden.
Bei wiederkehrender Otitis externa, die vom Tierarzt jeweils bis zur Abheilung behandelt wurde und für die bisher keine Ursache gefunden werden konnte, kann eine Blutabnahme und die Durchführung eines Allergietests sinnvoll sein. Auch eine Schilddrüsenunterfunktion sollte in Erwägung gezogen werden. Im Jahr 2006 befand sich ein Siberian Husky Rüde in der Vermittlung, bei dem innerhalb eines dreiviertel Jahres mehrfach eine Otitis externa diagnostiziert und therapiert wurde. Erst dann traten zusätzlich Hautirritationen auf, der umgehend durchgeführte Allergietest ergab eine Futtermilben-Überempfindlichkeit. Mit der entsprechenden Ernährungshandhabung trat die Otitis externa nicht mehr auf.
Behandelt wird die Otitis externa mit Ohrreiniger und Ohrtherapeutika, also Medikamenten. Der Tierarzt kann, wenn es nötig sein sollte, schon im Vorfeld bestimmen, ob Hautbakterien (Streptokokken, Staphylokokken, Pseudomonaden etc.) oder Pilze (Malassezien) die Entzündung verursachen, häufig sind auch verschiedene Keime beteiligt. Um das Ohrenschmalz von der Schleimhaut zu lösen, wird zunächst Ohrreiniger in den Ohrkanal gegeben und ein wenig einmassiert. Der Hund schüttelt anschließend meist ganz automatisch den Kopf, überflüssiger Ohrreiniger und losgelöste Verkrustungen werden so aus dem Ohrkanal entfernt. Danach werden meist einmal täglich Ohrentropfen eingebracht, die dank des Ohrreinigers auch über die Schleimhäute Zugang finden. Die Behandlung erstreckt sich meist über mehrere Wochen, sind Pilze mit beteiligt über bis zu 8 Wochen.

Tritt nach einigen Tagen Behandlung keine Verbesserung ein oder ist der Gehörgang zum Zeitpunkt des Tierarztbesuches bereits so verkrustet, dass mit Ohrreiniger eine Lösung der Verkrustungen / Verschmutzungen unwahrscheinlich erscheint, kann (bei den meisten Hunden in Narkose) eine Ohrspülung durchgeführt werden. Der äußere Gehörgang wird dabei mit einem Schleimhautdesinfektionsmittel manuell gereinigt, danach wird die medikamentelle Therapie fortgesetzt.

Polypenartige Wucherungen im Ohr entstehen, wenn es unter der Therapie nicht gelingt die Ohrentzündung einzudämmen, in der Praxis überwiegen allerdings die Fälle, in denen eine Ohrenentzündung bis dahin schlicht verschleppt und gar nicht behandelt wurde. Eine Behandlung mit Medikamenten bringt hier kaum Erfolg, meist ist eine Operation des Ohres nötig und dies bald, denn durch die zunehmende Verengung des Gehörganges schreitet die Entzündung deutlich schneller fort.. Die betroffenen Tiere haben zu diesem Zeitpunkt starke Schmerzen, in der Umgangssprache haben sich nicht umsonst Begriffe wie „Ohrenzwang“ und „Kopfscheue“ dafür gefunden. Ohrenzwang beinhaltet das häufige Schütteln des Kopfes, vielfach eine Kopfschiefhaltung, vermehrtes, fast zwanghaftes Kratzen an den Ohren. Hinter dem Begriff Kopfscheue verbirgt sich, dass der Hund sich nicht mehr gerne im Bereich der Ohren, des Kopfes berühren lassen will, da dies für ihn mit Schmerzen verbunden ist. Um hier Abhilfe zu schaffen, stehen dem Tierarzt verschiedene operative Möglichkeiten von der teilweisen bis vollständigen Entfernung des äußeren Gehörgangs mit oder ohne Osteotomie (Durchtrennung eines Knochens oder Beseitigung eines Knochenstücks) der Bulla zur Verfügung.

Eine Operationsmethode der Wahl auf Grund der anatomischen Gegebenheiten gibt es nicht, das Vorgehen richtet sich nach den im Ohr bestehenden Veränderungen.
Bei der Otitis-Operation nach Hinz wird der knorpelige Anteil des Gehörgangs gespalten, dabei wird ein keilförmiger Teil des Gewebes chirurgisch entfernt.

Bei der Otitis-Operation nach Zepp (lateral ear canal resection) wird der äußere Gehörgang eröffnet, der Tragus wird nach auswärts und unten verlagert. So wird eine bessere Belüftung des horizontalen Gehörgangs erreicht, die Einbringung von Medikamenten wird vereinfacht.

Geht die Otitis externa einher mit nicht mehr zu korrigierenden (irreversiblen) strukturellen Veränderungen wie beispielsweise Tumoren, die den Hörkanal verschließen, kann eine Resektion (operative Entfernung) der vertikalen Wand des Hörkanals nötig sein.

Chronische Wucherungen, die mit dem Ohrkanal verbunden sind, nicht behandelbare Mittelohrinfektionen, eine komplette Verengung des äußeren Ohrkanals, Abszesse u.a. können die Durchführung einer Total ear canal ablation – Operation (TECA) erforderlich machen. Dabei wird der Ohrkanal abgetrennt und entfernt. Meist ist hier auch eine laterale Bulla-Osteotomie LBO), also die Öffnung und Entfernung eines Teils der knöchernen Schutzhülle (Bulla) um Mittel- und Innenohr herum erforderlich. Dieser sehr weit reichende Eingriff führt häufig zu einem starken bis völligen Verlust des Hörvermögens.

Die Therapie von Schwerhörigkeit  bzw. Hörschädigungen beim Hund ist noch nicht sehr weit fortgeschritten. Ende der 90er Jahre konnte aber in einigen Studien belegt werden, dass eine medizinische Messmethode des Hörvermögens, FAEP (frühe, akustisch evozierte Potentiale = messbare, elektrische Potentialschwankungen, die im Stammhirn entstehen, wenn bestimmte Schallsignale auf das Ohr treffen), beim Hund möglich und sinnvoll ist. Anhand ihrer Messungen konnten die Untersuchenden feststellen, dass nach einer ventralen Bullaostetomie ähnliche FAEP nachweisbar sind wie vor der OP, nach totaler Gehörgangsentfernung und lateraler Bullaosteotomie konnten sie oft keine FAEP nachweisen. Sie schlossen daraus, dass die laterale Bullaosteotomie häufig zu einem kompletten Hörverlust fehlt.

Shiba nach beidseitiger Otitis-Operation, davon eine Seite mit Bullaosteotomie

 



 

 

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